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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten sowie fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Die Fußnoten wurden an das Ende des Texts verschoben.
In der gedruckten Ausgabe wurde durch Verdopplung einer Zeile an einer Stelle (zwischen ‚Die Namen von +Vol+-‘ und ‚IV, 8; V, 252 u. ö.)‘) eine andere Zeile ausgelassen. Diese wurde mit Hilfe der Ausgabe von 1901, die den Text dieser Passage ansonsten wortgleich widerspiegelt, wiederhergestellt.
Im Namen-Register wurden die Namen mit den Anfangsbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ noch traditionell einheitlich mit ‚J‘ aufgeführt. In der vorliegenden Bearbeitung wurden diese Namen, entsprechend ihrer Schreibweise im Text, getrennt angegeben.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
Unterstrichen: _Unterstriche_ Fettdruck: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+
Das Caret-Zeichen (^) zeigt ein nachfolgendes hochgestelltes Zeichen an, z. B. ‚8^o‘.
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Studien zur Geschichte
des
menschlichen Geschlechtslebens
I.
Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
Der Marquis de Sade und seine Zeit.
_Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer Beziehung auf die Lehre von der_
Psychopathia Sexualis.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
[Illustration]
Manuldruck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
Inhaltsverzeichnis.
Vorwort Seite I.
Einleitung „ 1.
+Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens+: 1. Die Liebe als physisches Problem. S. 2. -- Die Liebe als historisches Problem. S. 11. -- Die Liebe als metaphysisches Problem. S. 20. --
I. Das Zeitalter des Marquis de Sade Seite 27.
Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich S. 30. -- Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert S. 35. -- Das französische Königtum im 18. Jahrhundert S. 40. -- Adel und Geistlichkeit S. 48. -- Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen S. 52. -- Die Jesuiten S. 63. -- Die schwarze Messe S. 67. -- Die Nonnenklöster S. 72. -- Die Frau im 18. Jahrhundert S. 76. -- Die Litteratur S. 88. -- Die Kunst im 18. Jahrhundert S. 107. -- Die Mode S. 119. -- +Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert+ S. 124. -- Bordelle, geheime pornologische Klubs und Prostituierte S. 125. -- Das Freudenhaus der Madame Gourdan S. 127. -- Justine Paris und das Hôtel du Roule S. 132. -- Das Bordell der Richard S. 138. -- Ein Negerbordell S. 138. -- Die „petites maisons“ S. 139. -- Die geheimen pornologischen Klubs S. 141. -- Die Freudenmädchen S. 144. -- Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale S. 162. -- Die Onanie im 18. Jahrhundert S. 176. -- Tribadie im 18. Jahrhundert S. 178. -- Die Paederastie S. 202. -- Flagellation und Aderlass S. 209. -- Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv und Geheimmittel im 18. Jahrhundert S. 214. -- Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert S. 234. -- Diebstahl und Räuberwesen S. 238. -- Der Giftmord S. 243. -- Mord und Hinrichtungen S. 246. -- Ethnologische und historische Vorbilder S. 267. -- Italienische Zustände im 18. Jahrhundert S. 277. -- Papst Pius VI. S. 286. -- Die Königin Karoline von Neapel S. 288. --
II. Das Leben des Marquis de Sade Seite 292.
Die Vorfahren S. 292. -- Petrarca’s Laura S. 292. -- Die übrigen Vorfahren S. 294. -- Die Kindheit des Marquis de Sade S. 298. -- Die Jugendzeit S. 301. -- Das Gefängnisleben des Mannes S. 307. -- Die Affäre Keller (3. April 1768) S. 308 -- Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie) S. 316. -- Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille S. 322. -- Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit S. 327. -- Der Tod S. 344. --
III. Die Werke des Marquis de Sade Seite 348.
„+Justine+“ und „+Juliette+“. Geschichte der Entstehung S. 348. -- Die Vorrede S. 350. -- Analyse der „Justine“ S. 351. -- Analyse der „Juliette“ S. 362. -- Die „Philosophie dans le Boudoir“ S. 393. -- Die übrigen Werke des Marquis de Sade S. 396. -- Charakter der Werke des Marquis de Sade S. 400. -- Die Philosophie des Marquis de Sade S. 403. --
IV. Theorie und Geschichte des Sadismus Seite 431.
Wollust und Grausamkeit S. 431. -- Anthropophagie und Hypochorematophilie S. 432. -- Weitere sexualpathologische Typen bei Sade S. 435. -- Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten S. 440. -- Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen S. 441. -- Das Mysterium des Lasters S. 442. -- Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion S. 443. -- Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung S. 444. -- Unsere Definition des Sadismus S. 446. -- Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen Schriften S. 450. --
V. Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert Seite 459.
Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade S. 459. -- Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“ S. 464. -- Charles de Villers S. 466. -- Despaze S. 471. -- Der Sadismus in der Litteratur S. 471. -- Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen S. 486. -- Fall von Hypochorematophilie S. 488. -- Statuenschändung S. 488. -- Körperliche Gebrechen als Reizmittel S. 488. -- Sadistische Venaesectio. (Affäre T....) S. 489. -- Affäre Michel Bloch S. 489. -- Wort-Sadismus S. 491. -- Nachahmung des Marseiller Skandals S. 492. -- Schluss S. 493. --
VI. Bibliographie Seite 507.
Vorwort.
Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk beschäftigt war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von +A. Eulenburg+ („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No. 26, vom 25. März 1889, S. 497-515), dem geschätzten Neurologen und hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von +Eulenburg+ im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen die wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit ist auch in Frankreich durch die Studie des Dr. +Marciat+ über den Marquis +de Sade+ (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881) wenig Beachtung gefunden hatten. Mit +P. Ginisty’s+ dankenswerter Publikation unedierter Briefe der +Marquise+ und des Marquis +de Sade+ (in der „Grande Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht worden, den bisher so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des Verfassers der „Justine“ der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen.
Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis +de Sade+ beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli Marquis“ unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch 1895 schrieb +Eulenburg+ („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft habe ich die Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur dieses Gegenstandes fortwährend auf +de Sade+ und seine Werke bezieht, ohne die allergeringste wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies Dunkel zu lichten, war hohe Zeit.
Seit früher Jugend wuchs ich in der buntesten, farbenreichsten aller Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit +Macaulay+ zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein Produkt des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert für die Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit liebevollem Herzen die +Menschen+. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern bleiben, nicht nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern auch, weil er ein Menschenfreund ist und sein will.
Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste +wissenschaftliche+ Originalwerk über den Marquis +de Sade+ in einer lebenden europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch keine dürre Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein wirklich brauchbares „document humain“ zu liefern, das +dem Erforscher der Menschennatur von einigem Nutzen sein könne+. Es ist geschrieben für den Arzt -- ich selbst bin ein solcher -- für den Juristen, den Nationalökonomen, den Historiker, den Philosophen -- für alle die, welche im +sozialen+ Sinne thätig sind und das Wohl der menschlichen Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine „moralische“ Tendenz. Denn ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch ist, die Ehe als das Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der physischen Liebe mit +Plato+ und +Hegel+ nur ein Uebergangsstadium zu einer höheren geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles erreichbare Material über den Marquis +de Sade+ zusammengetragen. Nichts dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein Leben und seine Werke als Objekte der +geschichtlichen+ Erfahrung aufgefasst und damit -- wie ich glaube -- einen neuen Weg zur Erkenntnis der sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar ist, das mögen die Leser und die Kritiker beurteilen.
Wenn der berühmte Nationalökonom +W. Roscher+ dem Herausgeber des „Hermaphroditus“ von +Antonius Panormita+, dem gelehrten und ehrlichen +F. C. Forberg+ eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht, wenn +Parent-Duchatelet+ sein grosses Werk über die Prostitution in Paris mit einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden Obscönitäten einleitet, so finde ich Beides unaufrichtig und eines +Forschers+ nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die moralisch Entrüsteten kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von mir sonst nicht sehr Geliebten: „Niemand +lügt+ so viel, als der Entrüstete“. (Fr. +Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus 26, S. 48).
Das Uebel ist in der Welt. Man +muss+ es erforschen, aufdecken und die Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht das Weltgericht, sie führt nicht hinab zu +Minos+ und +Rhadamanthys+, sondern sie führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit der ehernen, nie ermüdenden Hand auf olympische Höhen.
+Berlin+, den 15. Dezember 1899.
Der Verfasser.
Vorwort zur dritten Auflage.
Diese vorliegende dritte Auflage ist vom Autor vollständig durchgesehen, verbessert und bedeutend vermehrt worden.
+Berlin+, den 15. Januar 1901.
Der Verleger.
Vorwort zur vierten Auflage.
Wiederum ist eine starke Auflage des „Marquis de Sade und seine Zeit“ bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Die begeisterte Aufnahme, welche das Werk bei seinem ersten Erscheinen in der wissenschaftlichen Presse gefunden hat, ist ihm auch ferner zu Teil geworden; es hat seinen Siegeszug durch die ganze Welt gemacht, und selten nur dürfte ein wissenschaftliches Buch eine so universelle Verbreitung gefunden haben!
Diese neue, vierte, Auflage ist in jeder Hinsicht mit aller Sorgfalt zum Druck befördert worden. Möge auch ihr das Los ihrer Vorgängerinnen voll und ganz beschieden sein!
+Berlin+, den 15. Dezember 1905.
Der Verleger.
Vorwort zur fünften Auflage.
Diese fünfte Auflage ist ein unveränderter Neudruck der vierten und zeugt am besten von dem anhaltenden Interesse, das dieser ersten und erschöpfenden Monographie über den „célèbre marquis“ in aller Welt zuteil geworden ist
+Berlin+, im Juli 1914.
Der Verleger.
Einleitung.
Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens.
(Phaenomenologie der Liebe.)
Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung des menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die Liebe als eine +Naturerscheinung+ entgegen, die als solche dem Gesetze der Kausalität unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen der bewusstlosen Notwendigkeit, ein Objekt der +Geschichte+, jenes Prozesses, der, um mit einem geistesgewaltigen Worte +Hegel’s+ zu reden, den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ darstellt. Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles menschliche Geschehen, die +Freiheit+, welche mit dem absoluten Geist, der höchsten Erkenntnis, identisch ist.
So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: das +physische+, das +historische+ und das +metaphysische+ Problem.
Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen Methode +Hegel’s+ folgen, sind diese Probleme ebenso viele +Stufen der Entwickelung+, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahre Wesen der menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener Weg von der sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen) Liebe, den bereits +Plato+ erkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz andeuten wollen. Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung der +Natur+ und als Erscheinung des +absoluten Geistes+, die Liebe im Reiche der Notwendigkeit und im Reiche der Freiheit bisher am meisten Gegenstand einer wissenschaftlichen Forschung gewesen ist. Wir besitzen ausgezeichnete Werke über das menschliche Geschlechtsleben in +naturwissenschaftlicher+ und +metaphysischer+ Beziehung. Dagegen ist jenes grosse Gebiet fortwährender +geistiger+ Befruchtung des +natürlichen+ Geschehens, welches sich in der +Geschichte+ darstellt, über Gebühr vernachlässigt worden. Und doch ist dieses wichtige Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des Sexuallebens, ganz allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns im Wesen und in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese „Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln durchgängig die Liebe als +historisches+ Problem, aber nicht ohne Verknüpfung mit dem physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als einmal hoffen wir den Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen Betrachtungen manches Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen können.
Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst
1. Die Liebe als physisches (natürliches) Problem.
Die „Kosmogonie“, die Erschaffung der Welt selbst, des gestirnten Himmels und der seligen Götter wird in den Mythen vieler Völker als ein Akt der geschlechtlichen Zeugung gedacht. So erhaben, so wunderbar und rätselvoll erschien schon den ältesten Menschen in grauer Vorzeit der rein physische Vorgang der Paarung, Befruchtung und Geburt. Materie ist der „Mutter“ Stoff, das Weltganze, die „Natura“ ist das „Geborene“. Nach +G. Herman+[1] hat die neuere Schule der anthropologischen und mythologischen Forschung eine derartige Anthropomorphisierung der Weltentstehung als wahrscheinlichste Quelle aller Religionssysteme angenommen. Himmel und Erde sind dem Chinesen „Vater und Mutter aller Dinge.“ Auch das „Weltenei“ spielt in den Religionen und Mythen der verschiedensten Völker eine grosse Rolle.
Die ersten Geschöpfe aber, Götter sowohl wie Menschen, sind Zwitter[2]. Wer kennt nicht die berühmte Erzählung des +Aristophanes+ im platonischen „Gastmahl“ (Kap. 14)? Einst sei die Natur des Menschen eine andere gewesen als jetzt. „Denn zuerst gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das weibliche, sondern noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden; sein Name ist noch übrig, während es selbst verschwunden ist. +Mannweib+ (ἀνδρόγυνος) nämlich war damals dieses eine.“ Auch aus dem anfangs zweigeschlechtlichen Adam der Bibel ging das erste Menschenpaar als Mann und Weib hervor.
Die Liebe als kosmogonisches Prinzip spielt bei +Empedokles+ eine ganz besondere Rolle. Zwei Grundkräfte sind es, durch welche nach diesem Philosophen alle Veränderung in der Mischung und Trennung der Stoffe hervorgebracht wird: Die Liebe und der Hass. In unermesslichen Perioden der Weltentwickelung überwiegt bald die eine, bald die andere dieser beiden Grundkräfte als herrschende Macht. Ist die Liebe zur völligen Herrschaft gelangt, so ruhen alle Stoffe in seligem Frieden vereint in der Weltkugel als in Gott. Durch das Fortschreiten der Macht des Hasses, auf deren Höhepunkt alles zerstreut und zersprengt ist, oder umgekehrt, durch das Fortschreiten der Macht der Liebe werden verschiedene Uebergangszustände in der Weltentwickelung hervorgebracht. Durch das wiederholte Spiel von Zeugung und Vernichtung blieben schliesslich allein die Erzeugnisse übrig, welche die Bürgschaft der Dauer und Lebensfähigkeit in sich trugen. -- Wie die oben erwähnten kosmogonischen Theorien durchweg anthropomorphisierender Tendenz sind und auf Beobachtungen in der organischen Natur beruhen, so ist die Idee des Empedokles eine grossartige Konzeption einer naturwissenschaftlichen Vorstellung, wie sie im modernen Darwinismus ausgebildet worden ist.
Die neuere Wissenschaft hat die naiven mythologischen und kosmogonischen Vorstellungen der Vorzeit bestätigt. Wir wissen auch, dass die +physische+ Liebe des Menschen, also das Anfangsglied der Entwickelung selbst erst ein sekundäres Erzeugnis, das Produkt einer Differenzierung ist, nur erklärbar durch die Entwickelung des organischen Lebens überhaupt. Die +Zwitterbildung+, d. h. die Vereinigung der beiden Geschlechtszellen in einem Individuum ist der älteste und ursprünglichste Zustand der geschlechtlichen Differenzierung. Erst später entstand die +Geschlechtstrennung+. Nach +Haeckel+[3] findet sich der Hermaphroditismus nicht nur bei niedersten Tieren, sondern auch alle älteren wirbellosen Vorfahren des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Prochordoniern aufwärts, werden Zwitter gewesen sein. Wahrscheinlich waren sogar die ältesten Schädellosen noch Hermaphroditen. Ein wichtiges Zeugnis dafür liefert der merkwürdige Umstand, dass mehrere Fisch-Gattungen noch heute Zwitter sind, und dass gelegentlich als Atavismus auch bei höheren Vertebraten aller Klassen der Hermaphroditismus noch heute wieder erscheint.
Die +Geschlechtstrennung+, der Gonochorismus, wie +Haeckel+ dies nennt, erscheint später als die Verteilung der beiderlei Geschlechtszellen auf verschiedene Personen.[4] Dann treten zu den primären Geschlechtsdrüsen sekundäre Hilfsorgane wie Ausführgänge u. s. w. hinzu, und zuletzt entwickeln sich durch +geschlechtliche Zuchtwahl+, die Selectio sexualis, die sogenannten „sekundären Sexual-Charaktere“, d. h. diejenigen Unterschiede des männlichen und weiblichen Geschlechts, welche nicht die Geschlechtsorgane selbst, sondern andere Körperteile betreffen (z. B. der Bart des Mannes, die Brust des Weibes).
Hierbei unterliegt die +morphologische+ Ausbildung der menschlichen Geschlechtsorgane dem berühmten, von Haeckel zuerst formulierten „biogenetischen Grundgesetz“, das die Ontogenie, die individuelle Entwickelung, einen abgekürzten, unvollständigen Abriss der Phylogenie, der Stammesentwickelung darstellt. In den grossen Lehrbüchern der Entwickelungsgeschichte von +Kölliker+ und +Hertwig+ findet man die zuverlässigsten Darstellungen der Ontogenie der Sexualorgane.
In der Beschreibung der +ausgebildeten+ männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane ist das klassische Werk von +Kobelt+[5] bisher noch nicht übertroffen worden, wenn auch die Beschreibung der Geschlechtsorgane in dem grossen „Handbuch der Anatomie des Menschen“ von +K. von Bardeleben+ (Jena 1896 ff.) viele neue Aufschlüsse zu bringen verspricht.[6]
Die Entstehung der +sekundären Geschlechtscharaktere+ ist Gegenstand der Darstellung in dem berühmten Buche von +Charles Darwin+.[7]
Aus diesen +anatomischen+ Substraten der menschlichen Liebe wird man die +Physiologie+ derselben im weitesten Umfange ableiten müssen. Das Hauptwerk über den Vorgang der Zeugung im Gesamtgebiete des organischen Lebens und beim Menschen besitzen wir in dem Werke von +Hensen+.[8]
+Der Fundamentalvorgang+ aller Liebe bei Mensch, Tier und Pflanze, die älteste Quelle der Liebe ist die +Wahlverwandtschaft+ zweier verschiedener erotischer Zellen: der männlichen +Spermazelle+ und der weiblichen +Eizelle+, das, was Haeckel[9] den „erotischen Chemotropismus“ genannt hat. Der Zweck und das Endziel der physischen Liebe ist die Verschmelzung oder Verwachsung dieser beiden erotischen Zellen. „Alle anderen Verhältnisse und alle die übrigen, höchst zusammengesetzten Erscheinungen, welche bei den höheren Tieren den geschlechtlichen Zeugungsakt begleiten, sind von untergeordneter und sekundärer Natur, sind erst nachträglich zu jenem einfachsten, primären Kopulations- und Befruchtungsprozess hinzugetreten.“ -- „Ueberall ist die Verwachsung zweier Zellen das einzige, ursprünglich treibende Motiv, überall übt dieser unscheinbare Vorgang den grössten Einfluss auf die Entwickelung der mannigfaltigsten Verhältnisse aus. Wir dürfen wohl behaupten, dass kein anderer organischer Prozess diesem an Umfang und Intensität der differenzierenden Wirkung nur entfernt an die Seite zu stellen ist.“ (+Haeckel.+)
Nachdem dieser fundamentale Vorgang der Zeugung festgestellt ist, gelangen wir zu einer Betrachtung jener physischen Liebesregungen beim Menschen, welche sich in Form des +Geschlechtstriebes+[10] äussern. Diesen dunkeln Begriff hat +Moll+ in höchst geistvoller Weise aufgehellt.[11] Er zerlegt den Geschlechtstrieb beim erwachsenen Menschen in zwei Komponenten, den +Detumeszenztrieb+ und den +Kontrektationstrieb+. Der Detumeszenztrieb drängt zu einer +örtlichen Funktion an den Genitalien+, und zwar beim Manne zur Samenentleerung. Er ist als ein peripherer organischer Drang zur Entleerung eines Sekretes aufzufassen. Der Kontrektationstrieb drängt den Mann zur körperlichen und geistigen +Annäherung+ an das Weib, das letztere ebenso zur +Annäherung an den Mann+. Phylogenetisch ist die Detumeszenz als Mittel zur Fortpflanzung das Primäre, weil sie bei niederen und höheren Tieren stattfindet. Erst sekundär kam die Kontrektation hinzu, indem sich zwei Individuen zur Fortpflanzung verbanden. In der individuellen Entwickelung des Menschen ist die Anwesenheit der Keimdrüsen, der Erreger des Detumeszenztriebes, das Primäre. +Der Kontrektationstrieb ist ein sekundärer Geschlechtscharakter.+ Der Detumeszenztrieb des Mannes ist die unmittelbare Folge der Funktion der Hoden. Beim Weibe hängt zwar die Ausscheidung der Eizelle aus dem Ovarium mit dem Detumeszenztrieb nicht unmittelbar zusammen, ursprünglich fielen sie aber zusammen, wie man noch bei den Fischen sieht.
Nunmehr geht +Moll+[12] zur Erörterung einer höchst wichtigen Frage über, welche für die Beurteilung vieler Erscheinungen von der grössten Bedeutung ist, nämlich zu dem Verhältnis zwischen +Ererbtem+ und +Erworbenem+ in der Geschlechtsliebe. Dies ist der Punkt, in welchem wir +ganz und gar von Moll abweichen+, weil wir durch die +geschichtliche+ Betrachtung zu ganz anderer Auffassung geführt werden als +Moll+, welcher durch seine allerdings ingeniöse naturwissenschaftliche Argumentation zu beweisen sucht, dass neben dem Detumeszenztriebe -- woran wir nicht zweifeln -- auch die mannigfaltigsten Erscheinungen des Kontrektationstriebes +ererbt+ sind. Kurz, +Moll+ ist geneigt, sowohl die physischen als auch die pathologischen Erscheinungen des Geschlechtstriebes zum grössten Teile auf +Vererbung+ zurückzuführen, während nach seiner Ansicht die +erworbenen+ Faktoren nur eine sehr geringe Rolle spielen. +Normaler+ und +abnormer+ Geschlechtstrieb („konträre Sexualempfindung“, Homosexualität) erklären sich nach +Moll+ eher aus der Vererbung als auch der durch die Umstände geschaffenen Gewohnheit. Wir wollen nicht leugnen, dass gewisse körperliche und geistige Dispositionen +vererbt+ werden. Wir werden aber durch unsere Studien zu dem Bekenntnis gezwungen, dass die Vererbung in der Liebe eine +viel geringere+ Rolle spielt, als die Erwerbung bestimmter Eigenschaften und die stete Wirkung äusserer Einflüsse. Dies auf +geschichtlichem+ Wege zu erweisen, ist unsere Aufgabe und wird schon im vorliegenden Bande mehr als einmal zu Tage treten. Aber auch das rein +naturwissenschaftliche+ Räsonnement vermag diesen Standpunkt zu rechtfertigen und zu befestigen, wie die ganz vortreffliche kleine Schrift von +K. Neisser+ aufs evidenteste dartut.[13]
Den gleichen Standpunkt der kongenitalen Natur zahlreicher geschlechtlicher Perversionen vertritt +R. v. Krafft-Ebing+ in seinem ausserordentlich verbreiteten Werke über die „Psychopathia sexualis“, während hinwiederum +von Schrenk-Notzing+, sich mehr unserem Standpunkt nähernd, die +Suggestion+ als Ursache mancher sexuellen Abnormitäten betrachtet.[14]
+Krafft-Ebing+ hat aber das unbestreitbare Verdienst, das gesamte menschliche Geschlechtsleben vom Standpunkt des +Irrenarztes+ einer eingehenden Würdigung unterzogen zu haben.
Als Vorläuferin sexueller Ausschweifungen spielt ferner zweifelsohne die +Onanie+ eine grosse Rolle, welche ganz kürzlich in dem Buche von +Rohleder+[15] die erste kritische und als solche mustergiltige Bearbeitung gefunden hat.
Wichtige Aufklärungen über die Natur der geschlechtlichen Beziehungen des Menschen werden auch durch das Studium jener körperlichen Vorgänge dargeboten, welche nur unmittelbare Einflüsse auf die sexuellen Akte ausüben. Vor allem gehören hierher die Sinne, der +Stoffwechsel+ und die +psychischen+ Vorgänge.[16] Gerade aus der Untersuchung der Beziehung der Sinne zum Geschlechtsleben, vor allem des Geruchs und Gesichts, wird sich das häufige Erworbensein abnormer Zustände ergeben. Eine +experimentale Psychologie+ der Liebe existiert nicht.[17] Was bisher unter dem Namen einer „Psychologie der Liebe“ geboten wurde, ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht kaum beachtenswert wie z. B. die nach anderer Richtung hin vortreffliche „Psychologie der Liebe“ von +Julius Duboc+. „Einige wenige sorgfältige Untersuchungen, die aber noch der Bestätigung und weiterer Ausdehnung bedürfen, einige Beobachtungen über formlose Tatsachenmassen, die in praktischer Lebenserfahrung aufgehäuft sind und die ihren Wert haben, wenn sie auch in mannigfacher Weise missverstanden und falsch ausgelegt werden können -- das ist alles, was die empirische Psychologie bisher über die intellektuellen Unterschiede der Geschlechter zu bieten hat.“ (+Havelock Ellis.+)
Die breiteste Grundlage für eine naturwissenschaftliche Erforschung der psychischen Erscheinungen des menschlichen Geschlechtslebens bildet unzweifelhaft das von der +Anthropologie+ und +Ethnologie+ gesammelte Material, wie es in dem klassischen Werke von +Ploss+ und +Bartels+[18] vorliegt. Hier beginnen schon vielfach die Berührungen mit den soziologisch-historischen Problemen des Sexuallebens.
Die Liebe, als physisches Problem betrachtet, umfasst auch, was wir zum Schluss nur noch kurz erwähnen wollen, die organischen +Geschlechtskrankheiten+ des Menschen.
2. Die Liebe als historisches Problem.
Die Liebe als geschichtliche Erscheinung ist nichts an und für sich. Sie ist, ganz evolutionistisch gefasst, das zu immer grösserer Freiheit fortschreitende Verhältnis zwischen der physischen Liebe und den aus der Selbstentfaltung des Geistes hervorgegangenen Formen der +Gesellschaft+, des +Rechtes+ und der +Moral+, der +Religion+, der +Sprache+ und +Dichtung+. Es ist wichtig zu betonen, dass es auf diesem Gebiete keine Kausalität, keine Gesetze in naturwissenschaftlichem Sinne geben kann, dass die von +Herbert Spencer+ inaugurierte „organische Methode“ der Soziologie den geschichtlichen Erscheinungen nicht gerecht zu werden vermag. Es gibt bei der Betrachtung sozialer Phänomene keine Gesetze, sondern +nur Rhythmen+[19]. „Den Schritt vom Rhythmus zum Gesetz können wir heute noch nicht wagen, wenn wir gleich der Ueberzeugung sind, dass Rhythmen letzten Endes auf (uns noch verborgene) soziale Gesetze zurückdeuten.“ (+Stein.+) Trotzdem ist hierbei blinder Zufall ausgeschlossen. Denn dieser soziale Rhythmus stellt sich bei bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen regelmässig wieder ein und nimmt damit für uns das Gepräge bestimmter Gesetzlichkeit an. +Achelis+ (a. a. O. S. 68) macht in dieser Beziehung auf die bekanntesten statistischen Erhebungen über Wiederkehr derselben Vergehen, über den wahren Zusammenhang von Moral und wirtschaftlichen Verhältnissen aufmerksam. Es handelt sich also auch, insofern die Liebe als +geschichtliche+ und +soziologische+ Erscheinung in Betracht kommt, nur um Auffindung jener Rhythmen, jener regelmässig wiederkehrenden Formen und Typen des Geschehens.
Die Liebe als eine +soziale+ Erscheinung, als Produkt der Gesellschaft, erscheint wesentlich in den beiden Formen der +Ehe+ und der +Prostitution+.
+Eduard Westermarck+, Professor an der Universität in Helsingfors, hat das für alle Zeit grundlegende Werk über die Geschichte der menschlichen Ehe geschrieben, welches wir nicht anstehen, den besten kulturhistorischen und soziologischen Werken eines +Buckle+, +Tylor+, +F. A. Lange+ u. a. ebenbürtig an die Seite zu stellen.[20] Dies Buch weist in der unwiderlegbarsten Weise mit der gediegensten wissenschaftlichen Argumentation die Ehe als die überall wiederkehrende +primitive soziologische Form+ und das +soziologische Endziel+ der Liebe nach und macht der noch bis in die neueste Zeit von +Bachofen+, +Mc.-Lennan+, +Morgan+, +Lubbock+, +Bastian+, +Lippert+, +Kohler+, +Post+ vertretenen Lehre von der ursprünglichen geschlechtlichen Ungebundenheit, der sogenannten +Promiscuität+ für immer ein Ende. Die „Kritik der Promiscuitätslehre“ (a. a. O. S. 46-130) gehört zu den glänzendsten Leistungen der modernen Soziologie. Ihr Ergebnis muss auf die Anschauungen über das menschliche Geschlechtsleben nicht blos in soziologischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht den grössten Einfluss ausüben.
Nach +Westermarck+ kommt die Ehe schon bei vielen niedrigen Tiergattungen vor, bildet bei den menschenähnlichen Affen die Regel und ist bei den Menschen allgemein. Ihr Ursprung muss offenbar einem durch den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwickelung gebrachten Instinkt zugeschrieben werden. Dass der Urmensch die Ehe kannte, darf man mit grösster Zuversicht mutmassen. Denn die Ehe der Primaten (Menschen und Affen) scheint aus der kleinen Anzahl der Jungen und aus der Länge des Kindesalters hervorgegangen zu sein. Mit aller Wahrscheinlichkeit bezeichnet +Westermarck+ die menschliche Ehe als ein von den +affenähnlichen Urmenschen überkommenes Erbe+. Ferner weist er nach, dass gerade bei den am niedrigsten stehenden Völkerschaften die geschlechtlichen Beziehungen sich +am wenigsten+ der Promiscuität nähern. Wir haben sogar Grund zu dem Glauben, +dass mit dem Fortschreiten der Kultur die ausserehelichen Beziehungen der Geschlechter zugenommen haben+. Demgemäss hat in Europa die Zahl der Ehelosen eine Zunahme, das Durchschnittsalter der Eheschliessung eine Hinaufschraubung erfahren.
Allerdings ist die +Lebenslänglichkeit+ der Ehe durchaus nicht ganz allgemein. Bei den meisten unzivilisierten und vielen vorgeschrittenen Völkern darf der Mann der Gattin jederzeit nach Belieben den Abschied geben. Bei sehr vielen anderen jedoch -- auch solchen auf niedrigster Stufe -- bildet die Scheidung den Ausnahmefall. Es kommt auch vor, dass dem Weibe gestattet ist, dem Gatten den Laufpass zu geben. Im allgemeinen nimmt die Dauer der Ehe mit der Vervollkommnung des Menschengeschlechts stetig zu.
Während die Ehe als die eminent +soziale+ Form der Liebe zu betrachten ist, in welche sich seit jeher das menschliche Geschlechtsleben gekleidet hat, muss als ihr Gegenpol, als absolut +antisoziale+ Erscheinung die +Prostitution+ bezeichnet werden. Man nennt sie, wie bekannt, ein „notwendiges Uebel“. Eine wissenschaftliche, dem Stande der modernen Forschung entsprechende Geschichte der Prostitution existiert noch nicht. Das grosse achtbändige Werk von +Dufour+[21] enthält zwar eine grosse Menge Material, dasselbe ist aber gänzlich unübersichtlich zusammengestellt. Zudem verliert auch diese Zusammenstellung jeden Wert durch den gänzlichen Mangel der genauen Quellennachweise. Nur aus einer gleichmässig die Ergebnisse der Soziologie, Hygiene und Nationalökonomie verwertenden geschichtlichen Darstellung der Prostitution würde sich ein sicheres Urteil über die +Ursache+ und die +Abhilfe+ dieses sozialen Uebels gewinnen lassen. Besonders +Bebel’s+ Werk „Die Frau und der Sozialismus“ hat manche unrichtigen Anschauungen über die Ursachen der Prostitution verbreitet, indem dieser Autor dieselben auf die wirtschaftliche Ausbeutung und die Hungerlöhne zurückführt. Demgegenüber sei nur auf die gediegene, aus langjähriger Erfahrung hervorgegangene Arbeit über Prostitution von +G. Behrend+[22] hingewiesen, der ganz andere Ursachen derselben aufdeckt, dieselben vor allem in einer fast stets erworbenen Lasterhaftigkeit sieht und ganz richtig bemerkt, dass man meist die veranlassenden äusseren Momente für die eigentlichen Ursachen ansieht. Der bedeutendste Forscher über Prostitution neben +Behrend+ ist +B. Tarnowsky+[23], der bemerkenswerter Weise zu den gleichen Ergebnissen wie jener gelangt ist und als eine Fabel nachweist, dass die Armut die nie versiegende Quelle der Prostitution sei. Auch +A. Hegar+ hat den Versuch gemacht, +Bebels+ Behauptungen zu widerlegen, und zugleich in seiner sozialhygienischen Studie Vorschläge zu einer Beseitigung des „geschlechtlichen Elends“ gemacht.[24]
Den kühnsten Vorstoss in der Erklärung der Prostitution hat aber wohl +Lombroso+ unternommen. Er geht von dem unzweifelhaften Zusammenhange zwischen Prostitution und Verbrechen aus und statuiert, dass die „Donna delinquente e prostituta“ nur eine besondere Abart des „reo nato“, des „geborenen Verbrechers“ sei[25]. Ganz richtig bemerkt er, dass daher die Dirnennatur nicht nur in den unteren Klassen vorkomme, sondern ihr Aequivalent auch in den höheren Gesellschaftsschichten habe, was wiederum ein Beleg dafür ist, dass man nicht die Armut als Ursache der Prostitution anschuldigen kann. Trotzdem halten wir die Theorie der „geborenen Prostituierten“ für verfehlt und müssen auch wiederum den äusseren Einflüssen wie falscher Erziehung, Umgebung u. s. w. mehr Bedeutung zuerkennen. Jedenfalls bringt das Buch +Lombrosos+ wertvolle Aufschlüsse über den niemals bestrittenen innigen Zusammenhang von Prostitution und Verbrechen.
Das Verhältnis der Liebe zum öffentlichen +Recht+ spiegelt sich vor allem in der sogenannten +Frauenfrage+ wieder. Nimmt man, wie wir gesehen haben, die Ehe als Grundlage der Gesellschaft und als das soziologische Endziel der Liebe, so ist eine allgemeine „Frauenemanzipation“, d. h. die völlige Aufhebung aller gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau ein Widerspruch in sich selbst. Denn die Ehe bedingt allein schon durch die Geburt der Kinder, die Sorge für diese und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie eine Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Auch lassen sich trotz glänzender Ausnahmen die grossen körperlichen und geistigen Verschiedenheiten von Mann und Weib nicht verleugnen. Hiermit ist das Zugeständnis grösserer Rechte und zahlreicherer Bildungsgelegenheiten an die Frauen wohl vereinbar, besonders angesichts des grossen Ueberschusses der Zahl derselben über diejenige der Männer, sowie der späten Heiraten der letzteren. Anfang und Ende der „Frauenfrage“ ist für uns in dem einen Satze beschlossen: Die Frau ist die gleichberechtigte aber nicht gleichmächtige Gefährtin des Mannes.
Die rechtliche Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mann und Weib hängt aufs innigste zusammen mit der ethischen Seite. Eine wichtige Aufgabe einer Wissenschaft des Geschlechtslebens wird darin bestehen, den Einfluss der jeweiligen Lehren der Moral auf die menschliche Liebe und ihre Aeusserungen zu studieren und im Zusammenhange darzulegen. Für Deutschland ist in neuester Zeit ein derartiger, freilich noch unvollkommener Versuch unternommen worden.[26] In der Tat bildet die Regelung des sexualen Lebens „innerhalb der Oeffentlichkeit“ einen integrierenden Teil der Moralgeschichte überhaupt, und +Rudeck+ hat Recht, wenn er diese zugleich als eine „Kritik der gesamten Kultur“ bezeichnet, deren Art und Bedeutung sich nirgends so treu wiederspiegelt wie auf geschlechtlichem Gebiete. Dass die moralische Beurteilung geschlechtlicher Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern eine ganz verschiedene gewesen ist, ist eine längst bekannte Tatsache. Und doch wird auch hier eine kritische Untersuchung gewisse Normen feststellen können, die Allgemeingültigkeit beanspruchen. Mit der +Vervollkommnung+ des Menschengeschlechts entwickelt sich auch eine Ethik des Sexuallebens. So führt +Westermarck+ in seiner „Geschichte der menschlichen Ehe“ den stringenten Nachweis, dass das +Schamgefühl+ etwas sekundäres und zwar die +Folge+, nicht die Ursache der Bekleidung ist.
Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen zwischen Liebe und +Religion+. +G. Herman+, dessen Buch wir oben erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion auf +sexueller+ Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer höchst interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen Feiern und Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen geworden sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse +Mystik+ mit ihren sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der „Satanskirche“, die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen Religionen, sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin um nichts besser als die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch schlimmer, und es liegt etwas Wahres in +Nietzsches+ Ausspruch[27]: „Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: -- er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster“. Die meisten +erotischen Epidemien+ sind religiösen Ursprungs.
Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern gewissermassen +nationale+ Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die Liebe des Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft objektiven Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der +Sprache+. In ihr werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch die betreffenden Worte sichtbar. +Abel+ hat in einer höchst schätzbaren Abhandlung den ersten Versuch einer derartigen +linguistischen+ Erforschung der Liebe gemacht.[28] Er untersucht so die Worte für Liebe in der lateinischen, englischen, hebräischen und russischen Sprache.
Die Sprache führt uns zur +Dichtung+. Die Werke der Literatur bieten uns ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen über die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial für eine +historische Psychologie+ der Liebe. Sie bietet, wie +Stein+ (a. a. O. S. 33) sagt, „den dankbarsten vergleichenden Stoff, der seiner sozialgeschichtlichen Bezwinger harrt“. Hier sind noch wahre wissenschaftliche Schätze zu heben. Homer und die Bibel, die Veden und Upanishaden, die gesamte Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen enthalten die getreuen Abbilder dessen, was die Liebe bei jedem Volke und zu jeder Zeit gewesen ist.
Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die +materielle Kultur+ einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden, städtisches Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m., verschieden nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die grössten Wirkungen aus.
So ist die Liebe als +geschichtliche+ Erscheinung unendlich reich an Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen lassen als sie die rein +physische+ Liebe erkennen lässt. Untersuchen wir daher
3. Die Liebe als metaphysisches Problem.
Dass der menschlichen Liebe eine +höhere Bedeutung+ innewohnt, leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist. Und zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige +innere Wesen+ der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt. Wie Don Cesar in der „Braut von Messina“ sagt:
Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s, Die Reize nicht, die auf der Wange schweben, Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt -- +Es war ihr tiefstes, ihr geheimstes Leben, Was mich ergriff mit heiliger Gewalt.+
Was ist nun dieses „tiefste und geheimste“ Leben? Was ist der wahre Zweck, das wirkliche Endziel der Liebe?
Zwei berühmte Philosophen der Neuzeit, +Arthur Schopenhauer+ und +Eduard von Hartmann+ haben die gleiche metaphysische Betrachtung über die Liebe angestellt, die das grösste Aufsehen erregte und viele Nachbeter fand. +A. Schopenhauer+[29] erblickt die Bedeutung der Liebe in der Erfüllung der Zwecke der +Gattung+, welche in der Reihenfolge und dem endlosen Flusse der Generationen ihr Leben führt. „Die sämtlichen +Liebeshändel+ der gegenwärtigen Generation zusammengenommen sind demnach des ganzen Menschengeschlechts ernstliche meditatio compositionis generationis futurae, e qua iterum pendent innumerae generationes“. Dabei verlarvt sich aber der Gattungszweck, indem er in der Gestalt der Geschlechtsliebe eingeht in den +persönlichen Zweck+ der Individuen und erscheint als deren höchstes Glück, als der Gipfel aller ihrer Wünsche, daher in der erhabensten Form, in den überschwenglichsten Gefühlen und Entzückungen, als das unerschöpfliche Thema aller Poesie, der lyrischen, epischen und dramatischen, als der Gegenstand des Lustspiels und des Trauerspiels. Eros spielt seine Rolle auf dem Sokkus und auf dem Kothurn. Dass die Liebenden die Erfüllung des Gattungszweckes für den Gipfel ihres persönlichen Glückes halten, darin besteht die tragische Illusion, der Wahn. Es ist ein schrecklicher Wahn. Denn im Genuss der Wollust kontrahiert der Mensch eine schwere Schuld, welche das erzeugte Individuum zu büssen und durch Leiden und Tod bezahlen muss. „Das Leben eines Menschen, mit seiner endlosen Mühe, Not und Leiden, ist anzusehen als die Erklärung und Paraphrase des Zeugungsaktes“. Der Eros als Ausdruck des Willens zum Leben, „wie ist er so sanft und zärtlich! Wohlsein will er, und ruhigen Genuss und sanfte Freude, für sich, für andere, für alle. Es ist das Thema des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins Leben hinein. Ist er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen, und das Verbrechen die Qual herbei. Greuel und Verwüstung füllen den Schauplatz. Es ist das Thema des Aeschylos“. (a. a. O. S. 670.)
Die Illusion, die Täuschung und die Verzweiflung der Liebe schildert prachtvoll +E. v. Hartmann+[30]. Sein Schluss ist dieser: „Wer einmal das Illusorische des Liebesglückes nach der Vereinigung und damit auch desjenigen vor der Vereinigung, wer den in aller Liebe die Lust überwiegenden Schmerz verstanden hat, für den und in dem hat die Erscheinung der Liebe nichts Gesundes mehr, weil sich sein Bewusstsein gegen die Oktroyierung von Mitteln zu Zwecken wehrt, die nicht +seine+ Zwecke sind; die Lust der Liebe ist ihm untergraben und zerfressen, nur ihr Schmerz bleibt ihm unverkürzt bestehen.“
Wer, wie wir, den Begriff der Liebe +evolutionistisch+ fasst, kann eine solche Metaphysik der Geschlechtsliebe nicht anerkennen. Es ist richtig, dass das +rein Physische+ der Liebe mehr Unlust als Lust mit sich bringt durch Vorspiegelung seliger Freuden, die nachher zerrinnen wie Schaum. +Aber die physische Liebe ist nur der Anfang einer Entwickelung+, deren Ende gerade dem +Individuum+ die grösste Seligkeit verheisst. Die physische Liebe ist nur der als solcher +notwendige+ Durchgangspunkt zu dem wirklichen Endziele, der +platonischen Liebe+. Das metaphysische Endziel der Liebe ist die +Erkenntnis+, die vollendete +Freiheit+. „Und Adam +erkannte+ Eva“ heisst es tiefsinnig in der Bibel!
+Platos+ und +Hegels+ Dialektik haben aufs treffendste diese Wahrheit erleuchtet. Ganz richtig bemerkt +Wigand+[31], dass die platonische Liebe der natürlichen oder physischen Liebe gar nicht entgegengesetzt ist, sondern die Liebe zum +sinnlichen+ und +körperlichen+ Schönen ist die +Leiter+ und die +Leiterin+ zur Liebe und +Erkenntnis+ alles unsichtbaren Schönen und Guten in Natur- und Menschenwelt, in Kunst und Wissenschaft von Stufe zu Stufe bis zur letzten Sprosse dieser Leiter, zur Anschauung der Allgesetzlichkeit, des +Absoluten+.
Noch deutlicher wird dies, wenn wir in den Sinn der Worte eindringen, welche die göttliche +Diotima+ im „Gastmahl“ des Plato spricht, Worte, die ewig und unvergänglich sind.
„Denn dies ist die rechte Art, sich auf die +Liebe+ zu legen oder von einem anderen dazu angeführt zu werden, dass man von diesem +einzelnen+ Schönen beginnend, jenes einen Schönen wegen immer höher hinaufsteige, gleichsam stufenweise von einem zu zweien und von zweien zu +allen+ schönen Gestalten und von den schönen +Gestalten+ zu den schönen +Sitten+ und +Handlungsweisen+, und von den schönen Sitten zu den schönen +Kenntnissen+, bis man von den Kenntnissen endlich zu jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem als +eben von jenem Schönen+ selbst die Kenntnis ist, und man also zuletzt +jenes selbst, was schon ist+, erkenne. +Und an dieser Stelle des Lebens, lieber Sokrates, wenn irgendwo, ist es dem Menschen erst lebenswert, wenn er das Schöne selbst schaut.+“ (Platons Symposion 210, 11.)
Das ist der wahre Sinn der platonischen Liebe. Sie ist der sinnlichen Liebe nicht entgegengesetzt, sondern geht von ihr aus und erhebt sich zu höheren Formen, indem sie den innigen Zusammenhang zwischen +physischer+ und +geistiger+ Zeugung ausdrückt, worin das Wesen jeder wahren und echten Liebe wurzelt.[32]
Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses Sachverhaltes sagt +Schopenhauer+ in den „Paränesen und Maximen“: „Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen und scheinbaren.“
Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische Methode +Hegels+, des „Weltphilosophen“, wie ihn +C. L. Michelet+ nennt, des Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten.
Für +Hegel+ ist auch der Begriff der Gattung +evolutionistisch+.[33] Das Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck fordert die Erzeugung der Gattung. Die Lösung der Aufgabe bietet die Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen ihrer Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die endlose Reihe der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. +Es ist die Gattung in der Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden Generation lebt die Gattung wirklich.+
In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat, in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher ab wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr die Individuen dieser Generation.
Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. +Das Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es auch nicht weiter.+ In dem beständigen Flusse der Generationen, in dem unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter +wird die Gattung nicht wahrhaft objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein+. Das einzelne Individuum +vergeht wirklich+, und die Gattung, da sie nur in dem Wechsel der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der Individuen erscheint, +hört nicht auf zu vergehen+. So wird vermöge des blossen Lebens der Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt und verwirklicht.
Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt nennen.
Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen Welt Regel und Selbstzweck.
Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck der Gattung wie der des Individuums.
Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der Individuen, als das wahrhaft +Allgemeine+. Es gibt nur eine Form, die das Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: +der Begriff+. Es gibt nur eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff zu erzeugen: +das Denken+. In dem begreifenden Denken allein wird das Allgemeine wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein. Hier löst sich die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber selbst nicht löst. Sie löst sich im Denken, welches die wahren Begriffe erzeugt und dadurch die Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden.
Hier also erscheinen die Begriffe +Erzeugen+ und +Erkennen+ in einem Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits +Plato+ erkannt hat, wenn er +Sokrates+ das Erkennen ein Erzeugen nennen lässt. Der philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das erzeugende Denken ist unsere wahrhaft +allgemeine+ Tätigkeit, unsere +wirkliche Gattung+, die in uns entbunden und frei wird in demselben Masse, als wir selbst frei werden von den individuellen und sinnlichen Lebenszwecken.
So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich, dass dem reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis niemals die +Wärme des Gefühls+ fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie ist nichts Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel, sondern ihr Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34]
I.
Das Zeitalter des Marquis de Sade.
Der Marquis +de Sade+, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit wir in diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18. Jahrhunderts. Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem wir uns anschicken, das erste wissenschaftliche Werk in deutscher Sprache über diesen seltsamen, dem +Namen+ nach aller Welt bekannten Mann zu schreiben, wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu können, dass wir ihn zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts erklären. Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung über den Marquis +de Sade+ schon ausgesprochen. Aber dieses Urteil, selbst aus dem Munde der bedeutendsten Nerven- und Irrenärzte, muss ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das tut, was bisher unterblieben ist, so lange nicht die +äusseren Bedingungen+, das +Milieu+ erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen ausübte. Denn es ist „jedesmal von +entscheidender Bedeutung+, aus welchem Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die behandelten Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die individual-psychologische, sondern nur die +sozial-psychologische+ Auffassung kann zu einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit +Sades+ führen. Eine wahrhaft wissenschaftliche Beurteilung gewisser typischer Persönlichkeiten ist nur auf diesem Wege möglich, wenn auch keineswegs die Bedeutung der einzelnen Individualität als solcher verkannt werden soll. Wir müssen uns auf Grund unserer Studien über den Marquis +de Sade+ durchaus den Ansichten eines bedeutenden Soziologen der Gegenwart anschliessen[36], dass „das persönliche Ich nur den Gipfel und Schlusspunkt psychischer Faktoren überhaupt bildet. Schon psychiatrische Untersuchungen über die Zersetzung und Entartung unseres Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt, dass unsere Persönlichkeit nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer unendlich langen, in die Nacht des Unbewussten hinabreichenden psychischen Tätigkeit darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den letzten Ursprung hin erfassen können. Durch die Beobachtung des +gesellschaftlichen Lebens+ und insbesondere der +stetigen Wechselwirkung des Einzelnen mit der ihn umgebenden Gemeinschaft+ ist diese Hypothese zum Range einer wissenschaftlich beglaubigten +Tatsache+ erhoben. Hier ist in den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie Selbstbestimmung entscheidend, sondern +gewohnheitsgemässe Anpassung+, das +Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen+, ohne dass der Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“ Sitten und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde sind grösstenteils +organische Entwickelungen+ ohne bestimmtes, zweckbewusstes Eingreifen seitens des Individuums. Unsere Gefühle und Empfindungen entspringen trotz ihres eigenartigen individuellen Charakters „aus jenen Tiefen des Unbewussten, welche der endgültigen Fixierung des Ichs vorausgehen.“ Das sind aber Gedanken +Hegels+, das ist +Hegels+ Lehre vom +objektiven Geist+, aus dem der subjektive immerwährend schöpft, und der seine eigene Entwickelung hat. Das ist in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene „Selbstbewegung des Begriffs“. +Hegel+, dieser grösste Denker des neunzehnten Jahrhunderts, wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein Zweifel, dass seine Lehre im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern wird. Nach den Stürmen der +Schopenhauer-Hartmann+’schen und +Nietzsche+’schen Philosophie wird die Sonne +Hegel+’schen Geistes über der Erde leuchten. Die dialektische Methode hat die neuere Geschichtswissenschaft mit den wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe ihrer gegenwärtigen Entwickelung geführt, sie wird auch der Naturwissenschaft neue Impulse geben, da sie, wie sich immer mehr herausstellen wird, nirgends der Erfahrung und den Gesetzen der Natur widerstreitet. +Hegel+, nicht +Schopenhauer+, ist der „wahre und echte Thronerbe Kants“.
So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem Abschnitt die +Fäden+ aufsuchen, welche den subjektiven Geist des Marquis +de Sade+ mit dem objektiven Geist seines Zeitalters verknüpfen. Er ist zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der Revolution. Seine beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare Erzeugnisse der grossen französischen Revolution. Also haben wir zu untersuchen, was +Sade+ von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren, was er ihr gegeben hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, +sondern wir erklären die Werke des Marquis de Sade aus jener Zeit+, aus allen innerlichen und äusserlichen Verhältnissen des sozialen Lebens im 18. Jahrhundert.
1. Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich.
+Sade+ nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle absolument corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I, 261) den Noirceuil sagen, dass es gefährlich sei „in einem +verderbten Jahrhundert+ tugendhaft sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte sich also das Bewusstsein der allgemeinen Schlechtigkeit in jener Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten Ausdruck für alle Verhältnisse dieser Epoche hat +Hegel+ gefunden. Er sagt in seiner „Philosophie der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, -- ein +Reich des Unrechts+, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses Unrecht wird“. Sind nicht +Sades+ Werke ein getreuer Spiegel dieser Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht +schamloses+ Unrecht?
Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen +frivolen+ Zeitaltern, deren Wesen ein bedeutender Schüler +Hegels+, +Kuno Fischer+, in vollendeter Weise geschildert hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein ablaufendes Weltalter beschliessen und das Leben der Menschheit völlig zersetzen, damit es ganz von neuem wieder anfangen könne. +Fichte+ nannte es einst die +vollendete Sündhaftigkeit+. „In allen grossen Wendepunkten der Geschichte gleichen sich die Züge der verschiedenen Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten Tagewerke und sehen so welk und ohnmächtig aus, dass man an einem neuen verzweifeln möchte. Und in der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig abgelebt hat, so bleibt von seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche übrig, und dieses bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden, da ihm die innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und doch abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne irgend einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine Natur, es gibt keine Bildung in diesen Zeiten, überall nur die Prosa der Selbstsucht ohne ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine Poesie“. Die Welt der Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das französische Königtum vor der Revolution sind solche Perioden. Jene zweite war die +vollendete Sündhaftigkeit des Katholizismus+, diese letzte ist die +vollendete Sündhaftigkeit des Königtums+.
Der +Genuss+ à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war in Frankreich der +Egoismus+ so gross wie unter dem ancien régime und während der Revolution. Der Minister +Saint-Fond+, eine getreue Kopie eines Ministers unter +Ludwig XV.+ sagt (Juliette II, 37): „Der Staatsmann würde ein Narr sein, der nicht das Land für seine Vergnügungen bezahlen liesse. Was geht uns das Elend der Völker an, wenn nur unsere Leidenschaften befriedigt werden? Wenn ich glaubte, dass Gold aus den Adern der Menschen fliessen würde, dann würde ich einen nach dem anderen zur Ader lassen, um mich mit diesem Blut zu füttern“. Diese Aeusserung findet +Sade+ charakteristisch für das ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser Egoismus nur bei den herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und Geistlichkeit zu Tage getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten der Bevölkerung. +Adolf Schmidt+, der seine Schilderung der Revolutionszeit aus +authentischen, zeitgenössischen Dokumenten+ schöpft, sagt darüber[40]: „Das war der scharf ausgeprägte +Egoismus+, die Selbstsucht und Habgier, die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern alle Klassen des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden Bauernstand durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle anderen Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit weit zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn man wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten unter den glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung für Wohl, Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein Wettrennen um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der Umstände, ein gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf das Elend der Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den anderen übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen, wollte persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“. Ebenso spricht der berühmte +Mercier+, der Cicerone +Schopenhauers+ bei dessen Aufenthalt in Paris, von diesem „siècle d’égoïsme renforcé“[41]. Wir werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18. Jahrhunderts in seinen verschiedenen Formen zu studieren haben.
Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber in der geschlechtlichen Lust. +Das achtzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust.+ +Moreau+[42] unterscheidet drei Epochen in der Geschichte der geschlechtlichen Ausschweifungen und Verirrungen. Die erste ist die Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite umfasst jene grossen Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im Mittelalter, besonders den Glauben an die Existenz des Incubus und Succubus, den Kult der sogenannten „Satanskirche“ mit seinen ungeheuerlichen geschlechtlichen Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in das 18. Jahrhundert, hell erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen Eigenart durch die Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten Ludwig.
„+Wollust!+ das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben die besten Kenner dieser Zeit, +Edmond+ und +Jules de Goncourt+.[43] Das ist sein Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und macht sie frei. Die Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und welche es belebt. Sie ist seine Atmosphäre und sein Atem, sein Element, seine Inspiration, sein Leben und sein Genie. Sie zirkuliert in seinem Herzen, seinen Adern und seinem Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack, seinen Gewohnheiten, seinen Sitten und seinen Werken einen eigenen Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten Wesen dieser Zeit hervor, sie redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese Welt dahin, nimmt sie in Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende ihrer Moden, der Stil ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig geblieben, nichts hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der Wollust geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der göttlichen Gnade in dem Dufte des Genusses.“
Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist die +Systematisierung+ der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert blieb es vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das ganze Leben zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die Konversation, die Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende Hauch der rein physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft, welcher alle geistige Energie lähmt. Und als diese sich erhob in der grossen glorreichen und unvergesslichen Revolution, welche die neue Zeit geboren hat, da hing ihr jener schwere Duft noch an, zog sie wieder herab und knechtete sie und verkehrte die heftig angespannte in wilde Grausamkeit und erbarmungslosen Blutdurst.
Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des Unrechts den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit nachgewiesen, welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des Marquis +de Sade+ aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so liegt uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit +Sades+ die Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus welchen Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich zusammensetzen.
2. Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert.
In der Philosophie stellt sich der Geist eines Zeitalters am reinsten und bestimmtesten dar. So war auch die französische Philosophie gleichsam der wissenschaftliche Ausdruck für den Egoismus, die Genusssucht und die Geschlechtslust jener Zeit. Sie war durchweg +sensualistisch+ und +materialistisch+ gerichtet. Sehr drastisch lässt +Sade+ die Dubois sagen (Justine I, 122): „Das Element der Philosophie ist der +Geschlechtsgenuss+!“ Die Philosophie spielt in den Werken +Sades+ eine grosse Rolle. Sehr häufig kehrt der Ausspruch wieder: „Das Feuer der Leidenschaft wird stets an der Fackel der Philosophie entzündet“ (z. B. Juliette I, 92, 158, 319 u. s. w.). Einen sehr grossen Teil der Bücher +Sades+ nehmen langatmige philosophische Exkurse ein, die wir in einem späteren Abschnitt zu würdigen haben. Dabei verfährt +Sade+ sehr eklektisch und unkritisch. Er nennt z. B. in einem Atem +Spinoza+, +Vanini+ und +Holbach+, den Verfasser des „Système de la Nature“ (Juliette I, 31). Dann +Buffon+ (Philosophie dans le Boudoir I, 77), welcher noch den Versuch einer Milderung des starren Materialismus macht. Die Namen von +Voltaire+ (Juliette I, 88) und +Montesquieu+ (Juliette IV, 8; V, 252 u. ö.) dürfen natürlich auch nicht fehlen. +Montesquieu+ ist aber nur ein „demi-philosophe.“ An +Rousseaus+ Ideen klingt der Ausdruck an: „Die Menschen sind nur rein im natürlichen Zustande, sobald sie sich daraus entfernen, erniedrigen sie sich“ (Juliette IV, 242). Den grössten Einfluss scheint +La Mettrie+ auf +Sade+ ausgeübt zu haben. Wenigstens erscheint uns das philosophische System des Marquis +de Sade+, wenn man den eklektischen Mischmasch als solchen bezeichnen darf, mit Vorliebe Gedanken +La Mettries+ zum Ausdruck zu bringen. Beide suchen die Legitimation und Erhöhung des Geschlechtsgenusses in der +philosophischen Analyse+. Hierbei wird +La Mettrie+ ausdrücklich erwähnt (Juliette III, 211). Als Philosoph ist entschieden +La Mettrie+ den Ideen Sades am nächsten gekommen.
+Montesquieu+ und +Voltaire+ hatten die sensualistische Philosophie +Lockes+ in Frankreich bekannt gemacht, wo schon der Skeptizismus +Pierre Bayles+ die Philosophie dem christlichen Glauben als das Höhere und Wahrere entgegengestellt hatte. Während bei den englischen Philosophen, sowie bei +Voltaire+ und +Montesquieu+ die sensualistischen Anschauungen nur theoretisch entwickelt wurden, der Sensualismus wesentlich +Erkenntnislehre+ blieb, machten sich bald Bestrebungen geltend, den Sensualismus und seine natürliche Konsequenz, den Materialismus, auf das praktische Gebiet zu übertragen. Die Erkenntnis ist eine Funktion der Sinne. Die Grundlage der Moral ist das eigne Wohl, der Egoismus. Ewig ist nur die Bewegung, die aus sich selbst alle Dinge hervorbringt und keines Schöpfers bedarf. Freier Wille und Unsterblichkeit der Seele, sowie der Gottesbegriff sind daher Utopien. Die Materie ist das einzig Sichere. Eine Seele gibt es nicht. Der Atheismus ist die einzige Religion, die in der Anbetung der Natur, im glücklichen Leben und physischen Genuss ihre Befriedigung findet. Aus diesen vorzüglich von +La Mettrie+ und +Holbach+ formulierten Sätzen ergab sich das, was die französische Philosophie des 18. Jahrhunderts besonders charakterisiert, ihre Opposition gegen +Kirche+ und +Religion+, ihr Eintreten für die Freiheit des einzelnen Individuums. Niemals ist die Philosophie mit solcher Energie auf alle Lebensverhältnisse angewendet worden, mit bewusster Tendenz, diese umzugestalten, wie im 18. Jahrhundert. Die französische Revolution war vor allem ein Werk der Philosophen; und das hat man schon frühzeitig erkannt. So sagt +Barruel+, ein fanatischer Verteidiger des ancien régime[44]: „Diese Revolution wurde seit langer Zeit von Menschen geplant, welche unter dem Namen von Philosophen sich in die Rolle geteilt hatten, Thron und Altar zu stürzen.“ Es gab daher +politische+ und +religiöse+ Philosophen. Der Hauptrepräsentant der politischen Philosophie ist +Mirabeau+, der leidenschaftliche Anwalt des dritten Standes. Er tat aber auch den berühmten Ausspruch: „Wenn Ihr eine Revolution wollt, so müsst ihr zuerst Frankreich entkatholisieren.“ (Si vous voulez une révolution, il faut commencer par décatholiciser la France). Wie sehr der Atheismus eines +La Mettrie+ und +Holbach+[45] ins Volk gedrungen war, beweist folgender von +Dutard+ erzählte wirkliche Vorfall[46]: Drei Priester kehrten von einer traurigen Amtsverrichtung zurück. Der Vordere stiess mit dem silbernen Kreuz an einem beladenen Lastträger, der mit einem unbeladenen Kameraden daherschritt. „Nanu!“ rief der Gestossene, „du da, pack dich mit deinem Kreuz.“ -- „St!“ sprach sein Kamerad, „es ist ja der gute Gott!“ -- „Ach was, der gute Gott!“ versetzte jener, „es gibt keinen guten Gott mehr!“ -- Man schritt daher konsequenterweise zu praktischer Ausführung dessen, was der Marquis +de Sade+ als Einer von +Vielen+ in seinen Werken immer und immer wieder predigt, zur Abschaffung der verhassten Religion. In der Sitzung des Konvents vom 17. November 1793 sagt +Cloots+, dass die Religion das grösste Hindernis der Glückseligkeit sei. Es gäbe keinen anderen Gott als die Natur, keinen anderen Herrn als das Menschengeschlecht, der Gott des Volkes, die Vernunft müsse alle Menschen vereinigen. -- Feierlich schwor am 7. November 1793 im Schosse des Konventes der Bischof +Gobel+ mit einem Häuflein seiner Geistlichkeit den katholischen Kultus und das Christentum ab. Die priesterlichen Mitglieder des Konventes folgten sofort seinem Beispiel. Am 10. November wurde dann in der Kirche Notre-Dame der seltsame Kultus der Vernunft eingeweiht. Die Vernunft wurde Fleisch in Gestalt einer schönen jungen Frau, die der Präsident des Konventes mit dem Bruderkusse umarmte. „So wurde die abstrakte Vernunft zur sinnlichen Göttin gestempelt, die Göttin zum Menschenweibe degradiert und die Gottheit zu einer +Vielheit+ von menschlichen Göttinnen oder Gottweibern gestaltet.“[47] Man sieht also, dass der Atheismus, der bei +Sade+ oft abschreckende Formen annimmt, nichts ihm Eigentümliches ist, sondern jener Zeit gemäss war. Man sieht ferner, wie schliesslich dieses ganze atheistische Gebahren auf den geschlechtlichen Genuss hinausläuft, der in der Revolutionszeit wahrhaft ungeheuerliche Dimensionen annahm. Die „Vernunft“, deren Kultus aufgerichtet wurde, d. h. die Philosophie, hatte ihn längst verherrlicht. So erwähnt +Sade+ (Juliette IV, 198) +La Mettries+ Schrift „Sur la volupté“, womit wahrscheinlich die „L’art de jouir“ (1751) gemeint ist. Hier entwickelt +La Mettrie+ die Regeln für den Genuss der physischen Liebe, die er als das Schönste und Begehrenswerteste auf der Welt preist, wobei er die Befriedigung aller „caprices de l’imagination“ für geheiligt erklärt.
Die Philosophie, in welcher die geistige Bewegung jener Zeit ihren allgemeinsten und intensivsten Ausdruck fand, kämpfte für politische, religiöse und moralische Freiheit. Sie richtete sich gegen Staat, Kirche und konventionelles Herkommen. Alle diese Faktoren macht auch der Marquis +de Sade+ zum Gegenstande seiner heftigsten Angriffe. Wir gehen daher über zur Untersuchung der einzelnen konkreten Verhältnisse in Staat, Kirche, Literatur und öffentlichem Leben, insofern dieselben zur Erklärung der Persönlichkeit und der Werke des Marquis +de Sade+ beizutragen vermögen.
3. Das französische Königtum im 18. Jahrhundert.
Die Jugend des Marquis +de Sade+ gehört der Regierungszeit +Ludwigs+ XV. an, sein Mannesalter der Zeit +Ludwigs+ XVI. Er war 34 Jahre alt, als der verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig XV., starb (1774). Die politische Misswirtschaft der französischen Herrscher des 18. Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache +Laws+ unter dem +Regenten+ ihren Anfang nahm, unter +Ludwig+ XV. zu dem Verluste der wichtigsten Kolonien und unter +Ludwig+ XVI. zur Revolution führte, die einseitige Begünstigung des Adels und des Klerus, übergehen wir als zu bekannte Tatsachen, welche unser Thema nicht näher berühren. Die +Genusssucht+ und die +geschlechtlichen Ausschweifungen+ des Königtums werden besonders von +Sade+ gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder in der Wirklichkeit. „Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust betritt, betritt ihn die ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt +Moreau+ mit Recht[48]. Das von den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts gegebene Beispiel musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch und durch materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben. Die Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué par excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft +Ludwigs+ XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden +Goncourts+, auf deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie +Moreau+ sagt, eine „beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine Geliebten trotz ihrer grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr genügen. Er schuf sich in seinem berühmten +Hirschpark+ das Vorbild aller +geheimen Bordelle+, die auch in den Werken des Marquis +de Sade+ eine grosse Rolle spielen. Man denke sich: ein +König+ unterhält ein eigenes Bordell für seinen Privatgebrauch! Erscheint dann nicht alles, was +Sade+ in seinen Werken gegen das Königtum sagt, in einem ganz anderen, milderen Lichte? -- Ueber den Hirschpark existiert ein Werk, welches uns leider nicht zugänglich war.[50] Der Hirschpark wurde um 1750 in der Eremitage zu Versailles in dem Parc-aux-Cerfs genannten Stadtviertel von der Marquise +de Pompadour+ für den König eingerichtet, dem sie, um sich am Ruder zu erhalten, diese neue Art von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des Bordells war eine gewisse +Bertrand+, der Lieferant von jungen Mädchen hiess +Lebel+. Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem Hause. Nach dem Tode der +Pompadour+ wurde es sehr bevölkert (très peuplée[51]). Nach einer anderen Darstellung musste schon die +Pompadour+, da „sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war, unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen, dazu entstand der sogenannte +Hirschgarten+ (Parc-aux-Cerfs), diese Fallgrube der Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern einschlang, die, wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder zurückgegeben wurden, Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen und alle Laster in dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig durch den Umgang mit den infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes angesteckt werden mussten. Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt, den dieses abscheuliche Institut den Sitten getan hat, so ist es schon schrecklich genug, wenn man das ungeheure Geld berechnet, das es dem Staate gekostet hat. Und wer kann sie berechnen, die Unkosten dieser Legion von Ober- und Unterkupplern, die in beständiger Bewegung waren, um an den entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände ihrer Nachforschungen aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen, ihnen daselbst die nötige Politur zu geben, sie auszustaffieren und zu räuchern und sie durch alle Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es wird ausgeführt, dass jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million Livres gekostet habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe gekommen sind, so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe also 1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt, dass der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt. Ueber die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche Gerüchte umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach einem deutschen, allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren „selbst die Saturnalien der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft, die schauderhaften Lupercalien eines Tiberius, Caligula, Nero, einer Agrippina, Messalina, Locusta und anderer menschlichen Ungeheuer nur blosse Vorbilder solcher Auftritte, die im Hirschpark ausgeführt wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger, durch Spiel, durch Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch Wohlgerüche, durch Visionen aus Zauberlaternen, durch Musik und jede Gattung tierischer Genüsse hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den Marquis +de Sade+ an diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch ist, was +Moreau+ nach dem „Journal de +Barbier+“, nach +Sismondi+ u. a. über jene eigentümliche Verknüpfung von +Religion+ und +Wollust+ berichtet, welche Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn Ludwig XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er nicht nur mit Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch nicht, dass die jungen Priesterinnen eines anderen Kultus es an den Betätigungen ihres christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er sich mit einer seiner Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er ihr, sich hinter einem Vorhang zu entkleiden, während er selbst das gleiche tat. Sodann knieten beide in Adams Kostüm auf dem Teppich und verrichteten die Tagesgebete, indem sie sich die Stirn mit Weihwasser benetzten, welches sich in einem Krystallgefässe am Kopfende des Bettes befand. Nach beendetem Gebet und nach geschehener Bekreuzigung, streichelte der König den nackten Busen der Kleinen mit seinem frommen Finger. Man erhob sich, stieg ins Bett, zog die Vorhänge zu, und die Namen des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen wurden solange geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein anderes Vokabular zum Ausdruck brachte“.[57] +Ludwig+ XV. besass auch, was ebenfalls wohl einzig in seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für das Arrangement seiner Orgien in der Person des „Intendant des Menus-Plaisirs“, +La Ferté+. Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort unter +Ludwig+ XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als +Ludwig+ XVI., 9 Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit den Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr +La Ferté+ vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und fragte dann: „Wer sind Sie?“ -- „Sire, ich heisse +La Ferté+.“ - „Was wollen Sie von mir?“ -- „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät entgegenzunehmen.“ -- „Weshalb?“ - „Weil -- weil ich der Intendant -- der Menus --“ „Was heisst Menus?“ -- „Sire, es sind die Menus-Plaisirs Eurer Majestät“. -- „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der König den Rücken zu und ging.[58] +Ludwig+ XV. hatte aber an seinen eigenen Ausschweifungen noch nicht genug, er musste auch die seiner Untertanen kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei regelmässig alle obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über die Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59]
+Ludwig+ XVI. und seine Gemahlin +Marie Antoinette+ sind persönlich von dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter ihrer Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des Königs, der Graf von +Artois+ in der Tat ein berüchtigter Wüstling war, so konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des Königs und besonders der Königin, welche sich als österreichische Prinzessin geringer Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die bekannte Halsbandgeschichte wurde weidlich zur Verleumdung der Königin ausgebeutet. „Geheime und unversöhnliche Feinde machten aus einigen Leichtfertigkeiten und Unklugheiten +Marie Antoinettes+ verdächtige und verabscheuenswerte Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem Regierungsantritt +Ludwigs+ XVI. erschien ein obscönes Gedicht, welches später in zahlreichen Nachdrucken verbreitet wurde, dessen erste Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61] Das Gedicht behandelt die angebliche Liebschaft zwischen +Marie Antoinette+ und ihrem Schwager +d’Artois+ (späteren König +Karl+ X.). Die Königin wird hier in den obscönsten Versen als eine wahre Messalina geschildert, welche der impotente König nicht befriedigen kann.
„Charlot“, der Graf +d’Artois+ war allerdings ein Hauptteilnehmer an den von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien, ebenso wie der Herzog von +Orléans+, +Philippe Egalité+. Auf den berüchtigten nächtlichen Promenaden im Palais Royal war der Graf +von Artois+ eine gewöhnliche Erscheinung. „Der Herr Graf +von Artois+, der an diesen modernen Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur Vermehrung des Vergnügens und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast jeden Abend dorthin.“[62] In den „Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529) erzählt +Rétif de la Bretonne+, dass im Faubourg Saint-Antoine ein Bordell existierte, welches der Herzog von +Orléans+, der Graf von +Artois+ und andere häufig besuchten. „Dort gab man sich allen Infamien hin, +welche nachher von de Sade in seinem schrecklichen Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben wurden+.“ Dort wurden jene Bestialitäten begangen, welche +Sade+ schildert.[63] Als die Gemahlin des Grafen +d’Artois+ 1775 in Paris einzog, wurde sie von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem durchsichtigen Liede begrüsst, das ebenfalls ein charakteristischer Beweis dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine +öffentliche+ geworden war:
Célébrons tous à Paris Un vaillant enfant de France; Au moment qu’il entre en danse --, Zeste, il vous a fait un fils! C’est un vi..... c’est un vi..... C’est un vigoureux mari!
La moitié que nous voyons, On dirait qu’elle n’y touche, Mais en nuptiale couche A des talents non moins bons. Le beau con.... le beau con... Ah! le beau concert, dit-on.
Pour chanter les deux époux En riant Bacchus s’avance; Déjà dans la cuve immense, S’entassent ses raisins doux. Allons fou.... allons fou..... Allons, allons fouler tous.[64]
+Sade+ nennt (Juliette IV, 16) +Marie Antoinette+ „la première putain de France“, er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu beschimpfen (Juliette V, 252, 235 u. s. w., Phil. dans le Boud. I, 82), wie er überhaupt gegen die ganze „morgue allemande“ einen wütenden Hass hegt (Jul. IV, 16), insbesondere gegen das Haus Oesterreich (Juliette V, 340). Darüber hinaus aber möchte er überhaupt alle Könige auf der Erde vertilgen, welche die Völker berauben, und mochte eine „république universelle“ begründen. (Jul. V, 119).
4. Adel und Geistlichkeit.
Adel und Geistlichkeit spielen in den Romanen des Marquis +de Sade+ die Hauptrolle. Prinzen, Herzöge, Grafen, Marquis, Chevaliers treten neben dem Päpste, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Mönchen aller Orden, Geistlichen, Abbés, Aebtissinnen und Nonnen als erotische und atheistische Scheusale auf. Die ganze Korruption des ancien régime zieht vor unserem Auge vorüber. Adel und Klerus bildeten in Frankreich eigentlich nur einen einzigen Stand, da die Geistlichkeit grösstenteils aus dem Adel sich rekrutierte. Der älteste Sohn eines Edelmannes wurde Offizier, der zweite Sohn Priester oder Mönch, die Töchter, die sich aus Mangel an Mitgift nicht verheiraten konnten, wurden Nonnen.[65] Die Begünstigung des Adels von Seiten des Staates hatte im 18. Jahrhundert unerhörte Dimensionen angenommen. „Alle Staatsämter, Pfründe, Richter- und militärischen Stellen wurden zum grössten Teile an Adlige vergeben. Mit 18 bis 20 Jahren erlangten die jungen Edelleute ein Regiment, ohne von der militärischen Praxis eine Ahnung zu haben. Sie verbringen ihre Jugend in Luxus und Sinnengenuss mit Weibern.“[66]
Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen Klerus und Adel nahm das Institut der +Abbés+ ein, „jener entarteten Rasse und Amphibienart, die man überall fand und die nichts war.“[67] +Mercier+[68] erzählt, dass Paris voll von Abbés sei, Geistlichen mit Tonsur, die aber weder der Kirche dienten noch dem Staat, die im ödesten Müssiggange dahinlebten, und nur unnütze Dinge und Albernheiten trieben, nebenbei aber keine unwichtige Rolle als „Hausfreunde“, Erzieher, Schriftsteller u. s. w. spielten. Auch waren sie in allen Bordellen zu Hause, obgleich früher jede Kourtisane, die den Besuch eines Abbé anzeigte, 50 Francs bekam. Das hatte aber unter +Ludwig+ XVI. aufgehört. Eine köstliche Schilderung eines Abbé des 18. Jahrhunderts entwirft der berühmte Gastronom +Brillat-Savarin+[69]: „Wenn eine adlige Familie viele Söhne hatte, so bestimmte man einen der Kirche. Er bekam anfänglich einfache Präbenden, welche zu den Kosten seiner Erziehung hinreichten, später wurde er Domherr, Abt oder Bischof, je nachdem er mehr Fähigkeit zum geistigen Berufe zeigte. Das war der legitime Typus der Abbés. Aber es gab auch viele falsche, und viele wohlhabende junge Leute traten in Paris als Abbés auf. Nichts war bequemer -- durch eine leichte Veränderung der Kleidung gab man sich das Aussehen eines Benefiziaten und stellte sich jedermann gleich, man hatte Freunde, Geliebten und Gastgeber, denn jedes Haus hatte seinen Abbé! -- Die Abbés waren klein, dick, rund, wohlgekleidet, sanft, gefällig, neugierig, Feinschmecker, lebhaft und einschmeichelnd. Die, welche noch leben, sind fette Betbrüder geworden.“ +Sade+ hat diesen Typus im Abbé Chabert (Juliette III, 280 ff.), dem Freunde Juliettes und Erzieher ihrer Tochter gezeichnet. Die Abbés figurieren auch in den Polizeiberichten +Manuels+ über die Unzucht der Geistlichkeit in Paris, wie wir später sehen werden.
Eine zweite für das 18. Jahrhundert spezifische Erscheinung war der „Ritter“, der Chevalier. Auch er hat in +Brillat-Savarin+ einen liebevollen Schilderer gefunden: „Viele Ritter hatten es vorteilhaft gefunden, sich selbst den Bruderkuss zu geben. Sie waren meist hübsche Männer. Sie trugen den Degen senkrecht, den Kopf hoch, die Nase im Winde, das Bein steif; sie waren Spieler, Verführer, Zänker und gehörten wesentlich zum Gefolge einer Modedame. Zu Anfang der Revolutionskriege gingen die meisten Ritter zur Armee, andere wanderten aus, die übrigen verloren sich unter der Menge. Die wenigen Ueberlebenden lassen sich noch am Gesichtsausdruck erkennen. Aber sie sind mager und können nur mühsam gehen. +Sie haben die Gicht.+“[70]
Die Vertreter des Klerus sind in +Sades+ Romanen die Verüber der allerärgsten Greuel. Mit besonderer Vorliebe setzt +Sade+ die Schandtaten, die Heuchelei und die Gottlosigkeit der Geistlichen jeden Ranges ins rechte Licht, er überhäuft den Klerus mit den gemeinsten Schimpfworten. +Und er hat Grund dazu.+ Gerade bei der Erörterung der Lasterhaftigkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert werden wir uns stets auf authentische historische Dokumente stützen. Nicht wir reden, sondern der Bericht der Augenzeugen, die Entdeckungen der +Polizei+ reden und geben +Sade+ Recht, dessen Werke bekanntlich auf den Index gesetzt wurden, wohl weniger wegen ihrer Obscönität als wegen ihres antiklerikalen Inhaltes.
So redet Juliette den Papst als „alter Affe“ an (Juliette IV, 285), und die übrigen Prälaten, Mönche u. s. w. werden nicht besser behandelt. Die Tribade Clairwil hält (Juliette II, 336) folgende Rede: „Welches sind die einzigen und wahren Zerstörer der Gesellschaft? Die Priester! Wer verführt und notzüchtigt täglich unsere Frauen und Kinder? Die Priester! Wer ist der grösste Feind jeder Regierung? Die Priester! Urheber der Bürgerkriege? Die Priester! Wer vergiftet uns beständig mit Lügen und Betrug? Bestiehlt uns bis aufs Letzte? Arbeitet am meisten an der Vernichtung des Menschengeschlechts? Beschmutzt sich am meisten mit Verbrechen und Infamien? Welche sind die gefährlichsten und grausamsten Menschen? +Und wir zögern noch, dieses Pestgewürm auf der Erde zu beseitigen?+ Wir verdienten dann wirklich alle Uebel.“ Alle Schmerzen Frankreichs sind das Werk der Jesuiten (Juliette III, 169). Zahllos sind die Orgien und Ausschweifungen, welche von Geistlichen in den Romanen +Sades+ veranstaltet werden. Alle sexualpathologischen Typen sind vertreten. Der Päderast, der Pathicus, der „lécheur“, der „sanguinaire“ u. s. w. Wir erwähnen nur die schauerlichen Orgien im Karmeliterkloster (Jul. III, 143), beim Erzbischof von Lyon (Jul. I, 234), in der Abtei von Saint Victor (Jul. I, 238), in den Katakomben des Klosters Panthémont zwischen Mönchen und Nonnen (Jul. I, 96) beim Papst Pius V. und den Kardinälen +Albani+ und +Bernis+ in Rom (Jul. IV, 100 ff.). Diese Geistlichen sind alle Atheisten und Gotteslästerer, +Sade+ lässt sogar -- ein Unikum in seinen Werken -- im vierten Bande der „Juliette“ zwei obscöne, gotteslästerliche Gedichte des Kardinals +Bernis+ vorlesen (S. 162-169). Wir gehen dazu über, aus den Zeitberichten die Beweise zu liefern, dass der Marquis +de Sade+ nicht Unrecht hatte, wenn er gerade die Geistlichkeit in seinen Werken in so schimpflicher Weise blosstellt.
5. Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen.
+Pierre Manuel+ hat uns in seinem berühmten Werke „La Police de Paris dévoilée“ (Paris 1794) ein Werk hinterlassen, welches ein photographisch getreues Bild der sittlichen Zustände in der Stadt Paris vor dem Ausbruche der grossen Revolution genannt werden darf. +Adolf Schmidt+, einer der besten Kenner der französischen Geschichte im 18. Jahrhundert, welcher selbst in seinen „Tableaux de la Révolution Française“ ähnliche Berichte wie +Manuel+ zusammengestellt hat, bezeichnet das Buch von +Manuel+ als eine der zuverlässigsten Quellenschriften des 18. Jahrhunderts.[71]
+Manuel+ hat in seinem berühmten Werke ein eignes Kapitel „De la police sur les prêtres.“[72] Er ergeht sich zunächst in bitteren satirischen Worten über die Keuschheitsgelübde der Priester und sagt (S. 294): „Ich will die wollüstigen Handlungen dieser Himmelsmissionare enthüllen, welche selbst die Leidenschaften der edlen und zartfühlenden Menschen in die Hölle verweisen. Diese Schuldigen zu nennen, heisst +nicht+ sie entehren. +Denn der keusche Mensch ist derjenige, welcher bei seiner Frau schläft.+“ Kann die Unsittlichkeit des Zölibats besser und würdiger charakterisiert werden, als +Manuel+ es mit diesen Worten getan hat?
Die nun folgenden Berichte beruhen auf den Protokollen des Polizeiinspektors, auf den Berichten der Kommissare, auf den Geständnissen der Schuldigen und auf den Mitteilungen ihrer Vorgesetzten. Wir geben die hervorstechendsten Berichte wörtlich wieder.
+Franziskaner+ (S. 295-297): 12. Februar 1760. Der Bruder François Lortal, Profess des Hauses von Toulouse, im Hause der Laurent, rue de Chantre, bei der Zéphire. Er hat die Maxime des Virgil ins Praktische umgesetzt: nudus ara? sere nudus! Kommissar Thierion, Inspektor Marais.
2. Juli 1766. George le Payen, Pfarrverweser in Cerny, bei der Flora, sponsus super sponsam. Kommissar Grimperil, Inspektor Marais.
+Bernhardiner+ (S. 297): 30. März 1764 J. Ignace-Xavier Dreux, Lizentiat, Professor der Theologie, bei der Agathe, oculoque manuque. Kommissar Mutel u. s. w.
+Karmeliter+ (S. 298): 8. Februar 1763. Jacques Brebi, vom Maubert-Platze. Er war unter dem Namen Jacques Mazure bei der Garde „qu’il prenait pour un autel à la romaine.“ Bericht des Priora Amable Martin, Kommissar Duruiman u. s. w.
+Dominikaner+ (S. 299): 4. November 1763. Pierre Simon, 46 Jahre im Beruf. Er hat mit zitternder Hand sein Vergnügen beschrieben. Kommissar Mutel u. s. w.
+Kapuziner+ (S. 300): 14. Dezember 1762. Laurent Dilly, Bettelmönch aus der Rue St. Honoré, bei der Boyerie, wo er sang: tirez-moi par mon cordon! Bericht des Gardians, Pater Grégoire, Kommissar Sirebaud.
9. November 1765. J. Joseph Biache, genannt Bruder Constant, und Joseph Etienne, genannt Bruder Constantini, aus dem Kloster Crépy, alle beide im Gasthause „Cerf montant“, wo sie ein Bett zu Dreien verlangten, da sie nur die Marin bei sich hatten. Kommissar Mutel u. s. w.
+Rekollekten+ (Franziskaner strengster Observanz) S. 301: 30. Juni 1763. Noel-Clément Berthe, genannt Bruder Paul, bei der Leblanc, welche ihn geisselte. Kommissar Mutel u. s. w.
1. März 1765 Gabriel Anheiser, genannt Pater Gabriel, im Hemde unter dem Bette der Agnes Viard. Er lebte mit dieser früheren Marketenderin seit 7 oder 8 Jahren zusammen. Kommissar Fontaine u. s. w.
19. Februar 1767. Der Pater Constance zwischen Victoire und Emilie, sich selbst dem Esel Buridans vergleichend. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
+Minimen+ (Pauliner) S. 302: 17. Januar 1760. André Carron, indem er auf die Wand im Zimmer der Zaire schrieb: ego ad flagella paratus sum. Kommissar Sirebeau u. s. w.
+Feuillantiner+: 30. Dezember 1762. Dom Claude Jousse, 63 Jahre alt, bei Marie la Neuve, ubi non horruit virginis uterum. Bericht des Subpriors Jean Baptiste de St. Marie-Maddelaine. Kommisar de Ruisseau.
+Augustiner+ (S. 303): 5. November 1763. Bernard-Nicolas, vom Hause Palais-Royal, in der Avenue von Vincennes mit drei Franziskanern und der Rosalie, qui leur faisait la chouette. Kommissar Mutel u. s. w.
26. Oktober 1765. „Ich, der Unterzeichnete Honoré Regnard, 53 Jahre alt, Kanonikus des heiligen Augustinerordens, Prokurator des Hauses St.-Cathérine, bestätige, dass der Inspektor Marais mich bei der St.-Louis, rue du Figuier, gefunden hat, zu welcher ich gestern aus eigenem Antriebe gegangen bin, um mich mit der Félix zu vergnügen. Ich liess diese sich ausziehen und berührte sie mit der unter dem Mantel verborgenen Hand. Und heute spielte ich mit der Félix und ihrer Freundin Julie, die mir meine geistlichen Gewänder auszogen und mich als Frau kleideten und schminkten. Der Inspektor hat mich in diesem Zustande überrascht. Ich erkläre, dass ich seit mehreren Jahren diese Phantasie habe, welche ich aber bis heute nicht befriedigen konnte. Als Beweis der Glaubwürdigkeit unterzeichne ich die vorliegende Erklärung, welche die genaue Wahrheit enthält, mit meinem Namen Honoré Regnard.“ Kommissar Mutel, Inspektor Marais.
18. Juli 1768 Simon Boucel, bei den Prévilles, Louise und Sophie.
+Praemonstratenser+ (S. 306): 17. März 1760. François de Maugre, von der rue Haute-Feuille, zwischen Desirée und Zaire, alle drei glücklich. Kommissar Sirebeau u. s. w.
+Büsser von Nazareth+ (S. 307): 2. Mai 1766. Bruder Nicephorus, bei der Laville, welche ihm zeigt albentes coxas, inguina, crura, nates. Kommissar Mutel u. s. w.
+Theatiner+ (S. 307): 28. Februar 1765. Laurent Durand, bei der Dumoulin, nach der Vorschrift handelnd:
Entre la chair et la chemise Il faut cacher le bien qu’en fait.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
+Coelestiner+ (S. 308): 3. Dezember 1760. J. D. Tordoir, Subprior von Nantes, bei der Mausy, in der Haltung des Propheten, welcher den Sohn der Sunamitin auferweckt.
+Barmherzige Brüder+ (S. 308): 19. Oktober 1762. Jacques François Boulard, ehemaliger Aufseher der Novizen und Prior, bei der Lagarde, vor Victoire und Julie, quaerens quam devoret. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
+Oratorianer+ (S. 309): 14. November 1761. Etienne Leroi mit der Chantrelle, welche... Die Grazien hatten dem Amor die Flügel abgeschnitten. Venus nimmt ihn an ihren Busen, und sie wachsen wieder. Kommissar Mutel u. s. w.
+Stiftsherren von St.-Geneviève+ (S. 311): 9. Mai 1761. Jean Pierre Bedosse bei der Zéphire, per ipsam, cum ipsa et in ipsa. Kommissar Sirebeau u, s. w.
2. August 1752. Der Pater Bernard, berühmter Prediger. Er nahm sich zwei oder drei Dirnen bei der Lasolle. Das kostete ihn das Vermögen einer Herzogin. Er gab 6½ Louisdors. Und der Chirurg Pouce verlangt von ihm in der Folge 40 Taler, und drei Livres für den Besuch.[73]
+Eremiten+ (S. 311): 5. August 1773. Bruder Camille, aus dem Kloster Hayet, bei Therese, wo er sich als „Portier des Chartreux“ bezeichnet. Kommissar Mutel u. s. w.[74]
+Christliche Schulen+ (Ecoles Chrétiennes): 14. September 1763. Bruder Firmin bei der Royer, die ihn mit jenen schlechten Lesern verglich, welche ein Buch zu lesen anfangen, ohne die Lektüre zu vollenden, Kommissar Mutel u. s. w.
+Stiftsherren von St.-Antoine+ (S. 312): 27. September 1765. François Canova, bei der Lamourette Kommissar Mutel, Inspector Marais, welche eintraten cum pariter victi, femina virque jacent.
+Jesuiten+ (S. 313): 5. November 1764. François Terrasse-Desbillon, 52 Jahre alt, bei der Mouton, wo er sich wie ein anderer vergnügte. Kommissar Mutel u s. w.[75]
+Dekane, Würdenträger und Domherren+ (S. 313-315): 3. April 1764. Blaise Messier, Domherr von Beauvais, bei der Blampié. Er schien gleicher Ansicht mit +Rubens+ zu sein, welcher nur Schönheiten von 200 Pfund Gewicht liebte. Kommissar Rochebrune u. s. w.
14. August 1761. Marx-Antoine Montal, von der heiligen Kapelle, bei der Provençale, anhelantem alte stratis in lectis. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
8. Juli 1760. Marie Mocet, Erzpriester von Tours, 60 Jahre alt. Nudus una manu ad mammam, altera pudendis adhibita, inguniculabat.
3. August 1760. Jean B. Thévenet, Domherr von Poitiers, bei der Adelaide, welche, wenn sie es gekonnt hätte, gern ihre Aktäons, den Kommissar Sirebeau und den Inspektor Marais, in Hunde verwandelt hätte.
+Pfarrer+ (Curés) S. 316: 20. Juni 1765. Jean Pierre Pelletier bei der Lambert, per +cuncta cava+ corporis libidinem recipientem. Kommissar Mutel u. s. w.
22. August 1760. Pierre Louis Thorin. Zaire in dextrum semisupina latus. Kommissar Sirebeau u. s. w.
+Abbés+ (Clercstonsurés) S. 317: 27. Oktober 1763. Charles Marie Thibault de Monsauche wird nach Saint-Lazare geführt, weil er zum dritten Male bei der Aurora gefunden wurde. Man fand bei ihnen einen Brief in Versen, in denen der Abbé Tethon das besang, was Hebe den Göttern zeigte, und was die Könige sehen wollen, wenn sie, um Vergnügen zu haben, bis in den fünften Stock steigen, was endlich, nach ihm, einen Schemel bei Hofe haben sollte.
+Doktoren der Sorbonne+ (S. 318): 8. Mai 1765. J. Baptiste R..... qui truncus iners jacuerat et inutile lignum bei der Guerin.
23. Mai 1763. Fél. Auguste Tomolle quidquid liberet prolicito indicans bei der Desnoyers. Das war seine dritte These.
+Erzieher+ (S. 319): 24. Februar 1761. P....; Hauslehrer der Kinder des Marquis de P. bei der Perle. Ille vero statim solvit zonam et leges inierunt benevolae Veneris. Kommissar Sirebeau u. s. w.
+Auswärtige Priester+ (S. 319-320): 28. Oktober 1762. François Detraussin de Jausse, aus Florenz, Professor der Beredtsamkeit. Sophie kämpfte nicht ganz nach der Weise der Parther, indem sie beständig den Rücken wandte. Kommissar Fontaine u. s. w. --
Das wäre einiges aus der langen Liste. Ein Kommentar ist überflüssig. Facta loquuntur. Schon diese Tatsachen, diese authentischen Dokumente geben eine genügende Erklärung und -- Rechtfertigung für den Löwenanteil, der dem Klerus an den Orgien in +Sades+ Romanen zukommt, und für den Hass, mit dem die Geistlichkeit nicht blos von +Sade+ bedacht wird. Denn Unsittlichkeit an sich ist schlimm, Unsittlichkeit aber, begangen von +Predigern+ der Sittlichkeit, ist das Verabscheuungwürdigste in dieser frommen Welt, welcher mehr Intelligenz gut täte als Frömmigkeit.
+Manuel+ bemerkt am Schlusse dieser Aufzählung, dass kein +Bischof+ in derselben genannt sei. Das erklärt er daraus, dass man nicht einmal von einer Krankheit des Bischofs reden dürfe, um wie viel weniger von seinen geschlechtlichen Ausschweifungen. Er deutet aber doch diejenigen des Erzbischofs von Cambrai an, in dem wir vielleicht ein Vorbild für den Erzbischof von Lyon bei +Sade+ zu suchen haben.[76]
Ausser diesen Berichten +Manuels+ existiert noch ein sehr grosses Werk über die Unsittlichkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert. Nach der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 erschienen die in der Bastille gefundenen Prozessakten über die Sittlichkeitsvergehen der Geistlichkeit in zwei Bänden.[77] Ludwig XV. liess sich jeden Morgen über die Auffindung von Geistlichen in Bordellen berichten. Ebenso der Erzbischof von Paris. Diese Bulletins nannte man die „Nuits de Paris“. Die beiden Bände umfassen 189 Berichte vom 10. April 1755 bis zum 7. Juni 1766, sie sollten wahrscheinlich eher „raviver la lubricité caduque du monarque“ als den Interessen der Moral und der Würde des Königs dienen.
In dieselbe Kategorie gehört die Affäre des +Pfarrers von Bagnolet+ und der +Mademoiselle Mimie+. In der Autographensammlung von +Lucas-Montigny+ befindet sich der folgende Brief des Erzbischofs von Paris, +M. de Inigué+ an den Polizeiintendanten +Le Noir+[78]:
Le clerc de Inigué.
+Conflans+, den 30. Juli 1786.
Mein Herr!
Man hat mir mitgeteilt, dass der Herr Pfarrer von Bagnolet bei Paris oft eine Dirne Mimie besucht, welche in der rue Pierre-Poissons wohnt. Wenn es Ihnen möglich wäre, diese Tatsache zu verifizieren, die zu erfahren ich sehr begierig bin, so würden Sie mich zu grösstem Danke verpflichten.
Ich verbleibe mit respektvoller Anhänglichkeit Ihr gehorsamer und ergebener Diener.
Antoine E. L., Erzbischof von Paris.
Der sehr bezeichnende Brief enthält folgende Randbemerkung des Empfängers: „An den Herrn Quidor, um sofort und im Geheimen die Tatsache zu verifizieren und mir Material zu einer Antwort zu liefern.“
Weitere interessante Einzelheiten über das Treiben der Pariser Geistlichkeit finden sich in den „Confessions d’une jeune fille.“[79] Wir werden in das Bordell der Madame +Richard+ geführt. Sapho (so heisst das junge Mädchen) beobachtet durch ein Guckloch das Tête-à-Tête der Richard mit einem Geistlichen. Diese nimmt aus einer Schublade einen doppelten Rosshaarpanzer (double cuirasse de crins), der innen mit einer unzähligen Menge von oben abgerundeten Eisenspitzen besetzt ist, legt ihn um Brust und Rücken des Geistlichen, bindet ihn an beiden Seiten mit Stricken fest und befestigt dann um den Unterleib eine Eisenkette, welche sie unter den Testikeln hindurchführt, so dass diese durch eine Art von Suspensorium unterstützt werden, das sich in der Mitte dieser Kette befindet. Auch dieses Suspensorium ist mit Haaren besetzt, aber weit geflochten, de manière à ne point empêcher les attouchements de la main sur ces sources de plaisir. Um die Handgelenke wurden ähnliche „Armbänder“ gelegt. Hierauf erfolgt Erektion. Nunmehr schreitet die Richard zur Flagellation aliaque incitamenta amoris.
Weiter erzählt Sapho, wie sie die Geliebte eines Bischofs wird, dessen Vikare ihm in der Lebensweise sekundierten, und entwirft eine lebhafte Schilderung des unsittlichen Treibens der Geistlichkeit in dieser Diözese. Sie erlebt ein Abenteuer mit vier Pfarrern (S. 318 ff.) Einer von ihnen ist ein Paederast dessen Devise ist tout est c.. dans une femme.[80]
Auch durch +Gedichte+ und +Bilder+ wurde die sexuelle Liederlichkeit des Klerus gegeisselt. Das kräftigste in dieser Beziehung hat wohl der Exjesuit +Cerutti+ geleistet, wenn er sagt[81]:
Des mensonges sacrés le commerce sordide Partout du sacerdoce a grossi le trésor. Partout le sacerdoce a bu le sang et l’or. Souvenez-vous des Juifs que massacra Moïse; Contemplez les bûchers que Rome canonise; Tout prêtre est un bourreau, patenté par la foi.
Die folgenden Verse führen ebenfalls eine nur zu deutliche Sprache[82]:
On a choisi cinq Evêques paillards, Tous cinq ronges de vérole et de chancre, Pour réformer des Moines trop gaillards. Peut-on blanchir l’ébène avec de l’encre?
Dies Gedicht bezieht sich auf eine Sittlichkeits-Enquête, mit welcher man die Erzbischöfe von Rheims, Arles, Narbonne, Bourges und Toulouse betraut hatte. Diese Enquête ist gewiss auch ein Zeichen der Zeit! Wie sie aber von der Volksmeinung beurteilt wurde, zeigen jene Verse und das zeigte noch deutlicher eine allegorische, nur in wenigen Exemplaren hergestellte Zeichnung, die der Verfasser des „Espion anglais“ sah. Auf derselben sind die fünf Erzbischöfe abgebildet. Der Erzbischof von Rheims (+De la Roche-Aymon+) befindet sich vor einer katholischen Kirche neben einer Frau, welche ihm Gesichter schneidet und einen Hut unter ihrem Kleide verbirgt. Mit der anderen Hand überreicht sie dem Erzbischof von Arles (+de Jumilhac+) den Orden vom heiligen Geiste, zieht ihn (den Erzbischof) an sich, streichelt ihn und spielt mit ihm. Ein Jagdwagen zieht die grösste Aufmerksamkeit des Erzbischofs von Narbonne (+Dillon+) auf sich. Der Erzbischof von Toulouse (+de Brienne+) ist in seinem Amtszimmer und hat zwei Bände der „Encyclopédie“ vor sich aufgeschlagen, den einen mit dem Artikel „Zölibat“, den andern mit dem Artikel „Mönche“. Endlich überreicht der Erzbischof von Bourges (+Phelyppeaux+) einer jungen Dame einen Blumenstrauss, die ihn liebkost und deutlich alle Kennzeichen eines Freudenmädchens trägt.
6. Die Jesuiten.
In seinen „persischen Briefen“ lässt +Montesquieu+ den Rica auch eine Klosterbibliothek besuchen, wo ein Mönch den Inhalt der Bücher erklärt. Unter den Theologen sind besonders die „Kasuisten“ zu nennen, welche „die Geheimnisse der Nacht ans Tageslicht ziehen; +welche in ihrer Phantasie alle Ungetüme erschaffen, die der Dämon der Liebe hervorbringen kann+, sie nebeneinander stellen, mit einander vergleichen und sie zum Gegenstand ihrer Gedanken machen. Glücklich noch, wenn sich das Herz nicht darin einmischt und nicht selbst der Spiessgesell so vieler Verirrungen wird, die so naiv geschildert und so nackt hingemalt werden!“[83]
Auf diesem Gebiete der „sexuellen Kasuistik“ finden wir nun im 18. Jahrhundert die Jesuiten als Meister. Kein Orden hat es so verstanden, die Wollust durch die Religion zu +legitimieren+, und die eigenen unsittlichen Handlungen in ein mystisch-pietistisches Gewand zu kleiden. Der Jesuit hatte es nicht nötig, die Wollust in den Bordellen aufzusuchen. In seiner Eigenschaft als Beichtvater und Erzieher wurde es ihm leicht gemacht, seine niemals geringen sexuellen Gelüste zu befriedigen, die als „göttliche Eingebungen“ gegen polizeiliche Recherchen zur Genüge geschützt waren.
Schon im 17. Jahrhundert musste +Cornelius Jansen+ gegen die jesuitischen Beichtväter auftreten, „welche an Höfen Galanteriesünden schonten und den Nonnen erlaubten, sich von ihren geistlichen Tröstern Brüste und Schenkel wollüstig betasten zu lassen“[84]. Denn der Jesuit +Benzi+ lehrt ausdrücklich: Vellicare genas, et mammillas monialium tangere, esse tactus subimpudicos atque de se veniales[85]. In Konsequenz dieser Vorschriften schändete de la +Chaise+, der Beichtvater +Ludwigs+ XIV. die Hofdamen und führte dem Könige von England Maitressen zu[86]. Junge Damen in Holland liessen sich von Jesuiten aus Wollust geisseln. Ebenso die Hofdamen zu Lissabon unter +Nunez+.[87] Der Jesuit +Herreau+ lehrte 1642, dass es erlaubt sei, sich die Frucht abtreiben zu lassen, und diktierte dies seinen Schülern und Schülerinnen.[88] Jesuiten verleiteten im 16. Jahrhundert die Damen in Lyon dazu, geschlitzte Hemden zu tragen, was im Jahre 1789 wieder nachgeahmt wurde.[89]
Bezüglich der berüchtigten „Mordtheologie“ der Jesuiten, welche der Apologie des Mordes durch +Sade+ in nichts nachgibt, sei auf die Abhandlung ihres Urhebers +J. de Mariana+[90], sowie auf die berühmten, die ganze Immoralität der Jesuiten in helles Licht setzenden „Lettres provinciales“ von +Blaise Pascal+ verwiesen (Cologne 1657). Auch im 18. Jahrhundert erlaubten selbst die Ordensgenerale den Beichtvätern unzüchtige Handlungen, insofern dies dem Orden vorteilhaft war. So schrieb der letzte Ordensgeneral vor der Aufhebung, +Lorenzo Ricci+, in einem im Brüsseler Archiv aufbewahrten Briefe, wie die jungen Jesuiten sich gegenüber den jungen und -- reichen Witwen zu benehmen haben. Sie sollen sich alle mögliche Mühe geben, um sie von einer zweiten Heirat abzuhalten, indem sie ihnen die Unannehmlichkeiten derselben, die Gefahr für ihre Seele u. s. w. recht lebhaft schildern. Wenn aber trotz alledem die jungen Witwen grosse Sehnsucht nach einer zweiten Ehe haben, wenn sie sich in dem Falle befinden: melius est nubere quam uri, +dann darf ein kluger und diskreter Pater ihnen seine Dienste gegen die Verlockungen des Fleisches anbieten+.[91]
Weltberühmt wurde die Skandalaffäre zwischen dem Jesuiten +Jean Baptiste Girard+ und seinem Beichtkind +Cathérine Cadière+ zu Toulon, die im Mai 1728 ihren Anfang nahm. Dieselbe hat eine ungeheure Literatur gezeitigt[92] und vielen pornographischen Romanen zum Vorbild gedient.[93] Die Prozessakten sind in dem „Recueil général des Pièces concernant le Procès entre la Demoiselle Cadière et le Père Girard“ (1731) niedergelegt. Ein Folioband voll Kupfern soll die pikanten Situationen verbildlicht haben; seine Zusammenstellung wird dem Marquis +d’Argens+, dem Grafen +Caylus+, sowie +Mirabeau+ zugeschrieben. Auch hat man behauptet, +dass der Marquis de Sade zu seiner „Justine“ durch obiges Werk angeregt+ worden +sei+.[94]
Der Jesuit +Girard+ hatte als Rektor des Seminars und Schiffsprediger in Toulon auch eine heimliche Bussanstalt für Frauen eingerichtet, in welche die schöne und fromme +Katharina Cadière+, Tochter eines reichen Kaufmanns, eintrat. Es gelang +Girard+, durch die Anwendung der raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen zu verführen und dessen Träume und Visionen für seine lüsternen Zwecke auszunutzen. Wollüstige Rutenschläge, oscula ad nates und die fürchterlichste geistige Unzucht führten bald zu schwerer Hysterie des armen Mädchens, in deren Verlaufe +Girard+ dasselbe schwängerte, aber sofort nach jesuitischer Moral durch ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu verhindern wusste. Endlich wurde gegen ihn der Prozess eröffnet, in dem er aber zur allgemeinen Entrüstung freigesprochen wurde.
Dies Urteil veranlasste +Voltaire+ zu dem sarkastischen Ausspruche:
Le P. Girard, rempli de flamme, D’une fille a fait une femme; Mais le parlement, plus habile, D’une femme a fait une fille.
Derselbe Dichter schrieb unter ein Bild, das Girard und die Cadière darstellte, die Verse:
Cette belle voit Dieu, Girard voit cette belle: Ah, Girard est plus heureux qu’elle.
7. Die schwarze Messe.
Den Gipfel erreicht die religiöse Sexualmystik in dem Kult der sogenannten Satanskirche. „Satan“ wird hier zu einer „Personifikation des physischen Begattungs-Mysteriums“ als Protest gegen die ausschliessliche Herrschaft der „metaphysischen Vergottungs-Mystik.“[95] Die Geschichte dieser merkwürdigen Sekte, die sogar in dem kürzlich dahingeschiedenen +Félicien Rops+ einen ihre entsetzlichen Phantasiegebilde bildnerisch festhaltenden Künstler besessen hat, ist von G. +Legué+[96] und vor allem von +Stanislaus Przybyszewski+[97] geschrieben worden. Satan-Satyr, Satan-Pan und Satan-Phallus war der antike „Gott der Instinkte und der fleischlichen Lust, im selben Masse verehrt von dem Höchsten im Geiste wie vom Niedrigsten, er war der unerschöpfliche Quell der Lebensfreude, der Begeisterung und des Rausches.
Er hat das Weib die Verführungskünste gelehrt, die Menschen in doppelt geschlechtlichen Trieben ihre Lust befriedigen lassen, in Farben hat er geschwelgt, die Flöte erfunden und die Muskeln in rhythmische Bewegung gesetzt, bis die heilige Mania die Herzen umfing und der heilige Phallus mit seinem Ueberfluss den fruchtbaren Schoss besamte.“ Das war die Zeit der naturfrohen Mutterschafts-Mysterien. Dann kam das juden-griechische Christentum und predigte die übernatürliche, asketische Vaterschafts-Mystik. Die Kirche riss den Menschen gewaltsam von der Natur los. „Sie zerstört die unbewusste Zuchtwahl der Natur, die sich nach aussen in Schönheit, Kraft und Herrlichkeit äussert, sie beschützt all’ das, was die Natur ausstossen will, den Schmutz, die Hässlichkeit, die Krankheit, den Krüppel und den Kastrierten“. Aber die Natur lässt sich nicht austreiben. Und so musste auch die Kirche nachgeben und schliesslich den heidnischen Kultus mit dem ihrigen verquicken. „Die Bacchanalien bei den Festen der Ceres Libera wurden bei den Prozessionen an den Mariafesten mit grösserer Ausgelassenheit gefeiert als je zuvor, und bis in das 13. Jahrhundert feierte das Volk zusammen mit dem Priester laszive und orgiastische Feste, das Fest des Esels,[98] das Fest der Idioten (fatuorum) -- Reste des Phalluskultus verkrochen sich in die Kirche, die Säulen-Kapitäle strotzten von obscönen Figuren, und ein beliebter Vorwurf für die Reliefs an den Kirchen war Noah, wie er den Beischlaf mit seinen Töchtern ausübt.“ Der eigentliche Kult der Satanskirche wurde aber von dem Manichäismus im südlichen Frankreich geschaffen. „Von hier aus beginnt Satan den ungeheuren Triumphzug über ganz Europa.“ Die Geheimbünde der „Vollendeten“, der „Perfekti“ bilden sich überall, ausschliesslich der obscönsten Geschlechtslust frönend, mit einem glühenden Hasse gegen die christliche Lehre. „Sie beschimpften und töteten die Priester, wo sie sie nur auffangen konnten, benutzten die heiligen Geräte zu obscönsten Zwecken, und ein grosser Teil ihres Ritus ist nur die Parodie des katholischen Kultus. In ihren Zusammenkünften, ihren parodistischen Messen ist bereits der satanistische Sabbat völlig, sogar in Einzelheiten vorgeformt. Jeder Novize musste bei der Aufnahme allen katholischen Glauben abschwören, das Kreuz bespeien, der Taufe und der Oelung entsagen“. Trotz der Verfolgungen der Kirche erhielt sich die Sekte und ihr Wahlspruch: „Nemo potest peccare ab umbilico et inferius“ fand besonders unter „unbefriedigten“ Priestern Anhänger. Die Sünde durch die Sünde töten! Das war ihr grosses Prinzip der geschlechtlichen Orgien. Der Priester heiligt alle Weiber, die mit ihm sündigen. Die Nonnen sind die „Consakrierten“, d. h. Maitressen der Priester. Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der Flagellantismus, die Tanzwut, die Hungersnot steigerten die geschlechtliche Hysterie bis aufs Höchste. Jetzt feierte die Sekte der Satansanbeter ihre Triumphe. Seitdem ist sie trotz grausamster Verfolgungen bestehen geblieben und hat ihre unheimlichen Messen weiter gefeiert. Noch in der Neuzeit ist sie in einzelnen Verzweigungen wieder hervorgetreten. Die „Adamiten“ oder „Nikolaiten“, „Picarden“ in Böhmen, die sich nackt versammeln, das Christentum verwerfen und Weibergemeinschaft haben, die schon 1421 auf einer Insel im Flusse Luschwitz von +Johannes Ziska+ ausgerottet wurden, traten noch im Jahre 1848 in fünf Dörfern des Chrudimer Kreises als „Marokkaner“ wieder hervor. Dieser Name wurde deshalb gewählt, weil sie die Ausrottung aller Katholiken durch einen aus Marokko kommenden Feind erwarteten. Aehnlich ist die „Oneidagemeinde“ oder die den alten Namen der „Perfekti“ wieder erneuernden „Perfektionisten“ im Staate New-York (seit 1831). Noch heute wird der Satans-Kult in Paris gefeiert, wie dies die Werke von +Huysmans+[99] u. a. schildern.
Berühmt wurde der Prozess der +Magdalaine Bavent+ im 17. Jahrhundert, der vieles über die schwarze oder Satans-Messe an die Oeffentlichkeit brachte[100]. Ferner derjenige des Abbé +Guibourg+, bei dem +Racine+, +Lord Buckingham+ und die Marquise +de Montespan+ die schwarze Messe hörten[101].
Der Marquis +de Sade+ bekundet sich in seinen Romanen als einen fanatischen Anhänger des Satanskultus. Mehrere schwarze Messen kommen in „Justine“ und „Juliette“ vor. In „Justine“ (Bd. II, S. 239 ff.) wird eine solche Messe in einem Kloster ausführlich geschildert. Ein Mädchen wird als heilige Jungfrau in der Kirche in einer Nische festgebunden, mit zum Himmel erhobenen Armen. Später wird sie nackt auf einen grossen Tisch gelegt, Kerzen werden angezündet, ihr Gesäss wird mit einem Kruzifix geschmückt und „sie feierten auf ihrem Gesäss die absurdesten Mysterien des Christentums“. Dann wird auf den Nates der Justine eine Messe gelesen. „Sobald die Hostie Gott geworden ist, ergreift sie der Mönch Ambroise et in anum filiae immittit“, wobei der Hostienaberglauben mit den wütendsten Ausdrücken verhöhnt wird.
Ein ander Mal erfolgt (Juliette III, 35) der Eintritt in den Saal der „Société des amis du crime“ nackt auf einem grossen Kruzifix, das mit Hostien bedeckt ist und an dessen Ende die Bibel liegt.
Zwei Satansmessen werden (Juliette III, 147) in cunnis duarum tribadum gelesen, darauf die Hostie in faece posita ano inseritur, worauf der Hauptaltar zur Stätte der wildesten Orgien gewählt wird.
Endlich liest Papst Pius VI. selbst (Juliette V, 1) in der Peterskirche eine schwarze Messe, wobei die Hostia in pene papae posita postea ano filiae inseritur.
8. Die Nonnenklöster.
Im Vorhergehenden sind auf das Leben der Nonnen im 16. Jahrhundert schon so viele Streiflichter gefallen, dass wir uns kürzer fassen können. Das bei +Sade+ (Juliette I, 1 ff.) geschilderte Nonnenkloster +Panthémont+ in Paris existierte wirklich! „Das grosse Kloster des 18. Jahrhunderts nach dem Kloster von Fontevrault, das gewöhnliche Erziehungshaus der ‚Filles de France‘, ist das Kloster Panthémont, das Fürstenkloster der rue de Grenelle, wo die Prinzessinnen erzogen wurden, wohin der höchste Adel seine Töchter schickt.“[102] Panthémont war das teuerste aller Klöster. Die gewöhnliche Pension für junge Mädchen betrug 600 Livres, die aussergewöhnliche 800 Livres. Gegen Ende des Jahrhunderts stieg sie auf 800 bezw. 1000 Livres, welche letztere Summe die mit der Aebtissin speisenden Pensionärinnen zahlen mussten.
Im 18. Jahrhundert waren die Klöster immer mehr verweltlicht. „Das über dem Giebel des Klosters der ‚Nouvelles Catholiques‘ stehende Wort: Vincit mundum fides nostra, war längst nur noch ein toter Buchstabe. Die Welt hatte im Kloster Fuss gefasst.“[103] Zwar wohnten die weltlichen Pensionärinnen getrennt von den eigentlichen Nonnen. Aber es fand trotzdem ein Verkehr zwischen ihnen statt, und durch die Laienschwestern wurden auch die Nonnen über die Ereignisse ausserhalb des Klosters unterrichtet. Der Klatsch und Skandal blieben dem Kloster nicht fern, wie auch der Verkehr mit den jesuitischen Beichtvätern und das intime Zusammensein so vieler junger und alter Frauen gewiss die aus früheren Jahrhunderten bekannten sexuellen Verirrungen in Nonnenklöstern nicht haben aufhören lassen. Wenn die Gebrüder +Goncourt+ sich darüber wundern, dass im Kloster Panthémont ein Buch wie die „Confidences d’une jolie femme“ der Mademoiselle +d’Albert+ geschrieben werden konnte, mit seinen wenig moralischen Enthüllungen, so wundert uns noch mehr, dass die +Goncourts+ in ihrer bekannten Vorliebe für das 18. Jahrhundert, für die „gute, alte Zeit“ eine Unsittlichkeit in den geistigen Klöstern nicht anerkennen. Freilich haben wir gerade über die französischen Nonnenklöster wenig zuverlässige Berichte. Wir haben z. B. über das Kloster Panthémont nur eine einzige Skandalgeschichte auffinden können.[104] Aber was beweist das? Die gesamte geistliche Korruption lag offen zu Tage. Sie war es, gegen die sich von Anfang des Jahrhunderts bis zur französischen Revolution die heftigsten Angriffe von Seiten der klar blickenden Geister richteten. Man lese z. B. die auf zuverlässige Berichte gestützte Darstellung dieser Verhältnisse bei dem freilich weniger für das ancien régime begeisterten +Buckle+.[105] Man denke an das früher Mitgeteilte, an die Aufhebung des Jesuitenordens, an den historisch beglaubigten Verkehr der „Confesseurs“ mit den Nonnen. Selbst +Tocqueville+, ein erklärter Gegner der freiheitlichen Bestrebungen des 18. Jahrhunderts, sagt: „Le clergé prêchait une morale, qu’il compromettait par sa conduite“, was +Buckle+ als besonders bemerkenswert hervorhebt.[106] Was ferner die +Goncourts+ ganz übersehen haben, ist der entscheidende Umstand, dass das Treiben in den Nonnenklöstern sogar Gegenstand der Verspottung in +Theaterstücken+ wurde, wie +Lanjons+ „Kloster“, „Päpstin Johanna“; „Der Dragoner und die Benediktinerinnen“ dartun.[107] Das beweist ferner die ungeheure Verbreitung der +Tribadie+ in Frankreich im 18. Jahrhundert, die wir später untersuchen, und die doch in den Nonnenklöstern den geeignetsten Schauplatz ihrer Taten fand. Das beweist schliesslich der berühmte Roman +Diderots+ „Die Nonne“, und die vielen Darstellungen der Korruption in den Nonnenklöstern bei den übrigen erotischen Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[108]
So dürfen wir +Sade+ schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt, dass aus dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er die Tribade Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises nous servent de bordels, und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes Instrument der Wollust als „bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette III, 56).
Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade gestiegen. +Gorani+, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr herausstellt, berichtet von wüsten Orgien in den neapolitanischen Nonnenklöstern.[109] Die Entdeckung der geschlechtlichen Ausschweifungen der +Nonnen von Prato+ (bei Florenz) hat einen der berüchtigsten geistlichen Skandale des 18. Jahrhunderts ans Licht gezogen. +v. Reumont+ gibt darüber folgende Nachricht[110]: „Sowohl in Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in Dominikanerinnen-Klöstern Unordnungen +schlimmster Art+ sich gewissermassen eingenistet, ein Gemisch von Pietismus und von fleischlichen Verirrungen, das an eine Art Wahnsinn grenzte und längst für die geistlichen Obern kein Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen Ordnung geschaffen, in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten Nonnen hatten übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch. Auf des Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz in das Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess unterwerfen. Zugleich +liess er allen Dominikanern die Verbindung mit den Frauenklöstern ihres Ordens untersagen+ und im Falle von Ungehorsam den Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte um so grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen Familien angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“ Eine ausführliche Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht zwischen den Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben Ordens, wobei auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in der Biographie des edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato, +Scipione de’ Ricci+ (nicht zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral +Lorenzo Ricci+) von +Potter+.[111]
9. Die Frau im 18. Jahrhundert.
Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der Frau. Mit Recht meint +Georg Brandes+[112], dass die +Goncourts+, diese so fein empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von der Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der „Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der +Goncourts+ über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie mehr die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt.
Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser Welt, der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles herabsteigt, das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die +Frau+.“ Vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die allein sichtbare, die Regierung der Mesdames +de Prie+, +de Mailly+, +de Châteauroux+, +de Pompadour+, +du Barry+, +de Polignac+. Im Staat, in der Politik, in der Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss machte sich auf allen Gebieten des Lebens geltend. Ueber Krieg und Frieden wurde nach dem Willen einer Frau entschieden, nicht zum Heile Frankreichs. Und in den berühmten „Salons“ des 18. Jahrhunderts, einer +Du Deffand+, +Necker+, +Lespinasse+, +Geoffrin+, im Salon des +Grandval+, gaben Frauen als die Schöpferinnen dieser Einrichtungen den Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der wissenschaftlichen Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete Gesellschaft“ geschaffen.[114]
Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür, dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der Familie, dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die Liebe unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen Einflusse der Frauen ganz gut eine +Verachtung+ des weiblichen Geschlechts bestehen kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist.
Die Liebe des 18. Jahrhunderts war durchweg sinnlich. Sie war Wollust geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei. (+Goncourts+ a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust zu rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper im Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer +Quinault+, unter den unzüchtigen Reden eines +Duclos+ und +Saint-Lambert+, berauscht von den Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser Geistestrunkenheit von der +Scham+ sagen: Schöne Tugend! die man mit Nadeln an sich befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle sittlichen Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem Naturalismus und Materialismus als das Ideal verkündet worden war, welche von +Helvétius+ u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und von +Buffon+ in der berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der Liebe, verherrlicht wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer Brutalität“[116].
Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das Herz, schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“ erhielt eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung, die sich nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung solcher Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und zur Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten. +Bernards+ berühmte Nachäffung des +Ovid+, die „l’art d’aimer“ predigte conventionelles Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel besser waren die „amours platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de Société“, die „Commerces d’habitude“ jener Zeit. Der +Abbé Galiani+ sagt: „Die Frauen dieser Zeit lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist eine „libertinage de la pensée.“ Man verwirklichte in ihr die schmutzigen Träume einer künstlich erregten Einbildungskraft, die Versuchungen der geistigen Korruption, die sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen Wollust. Die Liebe wurde zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles Raffinement der geistigen Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu erhöhen.[118]
Man bereitete sich durch die obscönste Unterhaltung auf die Genüsse vor. Immer wieder wird von +Sade+ in seinen Romanen betont, wie sehr durch die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer und gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. +Mercier+ erzählt[119], dass die grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern einen sehr freien Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber den ehrbarsten Frauen bedienen, so dass man in diesem so höflichen Jahrhundert „grob in der Liebe sei“. Die Konversation mit den am meisten geachteten Frauen sei selten zartfühlend, sondern überreich an schlechten Scherzen, Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten. „Schmutzige, ungezogene Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit verschmähten: Stellungen und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen erweckten und überhaupt ein Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die geheimere ahnen liess, die kurz vorher eingetreten war, oder gleich darauf eintreten sollte“, das waren gewöhnliche Reizmittel der Liebe in jener Zeit.[120]
Daraus resultierte eine unerhörte +Schamlosigkeit+ des Weibes. Mit 30 Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren. Es blieb nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in der Wollust. Die Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings an; ihr grösstes Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu geniessen.“[121] So jauchzen und freuen sich auch die Frauen in +Sades+ Romanen, dass sie Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den Ehrennamen der „putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt, eine so zart empfindende Seele wie Madame +Roland+ kennt kein Gefühl der Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich selbst und ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer Brust, ihren Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik einer Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B. bei +Sade+ (Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre eigenen Reize beschreibt?
Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites maisons der Roués mieteten, um wie die +Goncourts+ sich ausdrücken, „die Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in Bordellen ihr Vergnügen suchten. +Rétif de la Bretonne+ glaubte die Gräfin +d’Egmont+ in einem Freudenhaus als Dirne gesehen zu haben.[123] Umgekehrt war es keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme Kreise hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich habe wohl noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer Salzhökerin, nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen war, ein Kind gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure gelebt hatte, und in der neuen Halle nochmals war erwischt worden u. s. f., dass diese, sage ich, doch noch einem reichen Manne gefiel, ihn heiratete und ihm Kinder brachte.“ Wir brauchen nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen: die +Du Barry+! Tochter eines niedrigen Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in Paris und kam dann in das Freudenhaus der Madame +Gourdan+, von dem später noch die Rede sein wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf +Jean Du Barry+ kennen, an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur Maitresse Ludwigs XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe Aristokratie solchem Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd auf die „beautés populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort, das Wort „s’encanailler“.[125]
So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte, die sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet und genährt wurde sie durch die berühmten „+Convulsionen+“, jene merkwürdigen hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang (von 1727 bis 1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten herrschten. Sie hatten den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des einst durch seine Askese so berühmten Abbé +Paris+ zum Mittelpunkte. „Von allen Vierteln der Stadt bewegten sich die Massen zu dem St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu nehmen an den Verkrümmungen und Verzückungen. Der ganze Kirchhof mit den angrenzenden Strassen war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen, Kranken jeden Alters, die gewissermassen mit einander um die Wette convulsionierten.“[126] Frauen luden, hingestreckt in ganzer Länge, die Zuschauer ein, auf ihren Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher, als bis die Last von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé +Bécherand+ ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“ eine erotische Färbung. +Dulaure+ hat beschrieben, welche Rolle zuletzt die Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat, und wie diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in diesen Konvulsionen daran erkennen, dass die jungen Mädchen bei ihren Anfällen „niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets Männer, und zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich höchst indecent, zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung, nahmen lascive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen zu Hilfe eilenden jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme: Da liberos, alioquin moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen nicht auf sich warten, und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer eingeladen hatten, ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden zu benutzen“, mit ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge „zahlreichen Entbindungen“ von Convulsionärinnen auf die natürlichste Weise erklärt werden.
Die +Hysterie+ („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame +Abricossoff+ zeigt.[128] +Sauvages+ hielt nicht mit Unrecht für die Ursachen dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif de soi-même), das weichliche, wollüstige Leben der Damen jener Zeit.[129] Die „Hysteria libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige Exzentrizitäten.
Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber später in einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden. Die „méchanceté“, die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die heimtückischen Streiche werden Mode in der Liebe, die verbrecherische Gesinnung („scélératesse“) wird ein notwendiger Bestandteil des Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine Kunst der Grausamkeit, der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der Macchiavellismus beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten nach den „petits maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf, die herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität. Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“ sie begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen, um zu verderben. Die Typen der Gestalten +Sades+ lebten! Darüber kann kein Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei ihren Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst. „Das Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau, deren Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in boshafter Freude die Gegenstände ihres Hasses, aber auch ihrer -- Liebe aus dem Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die „libertinage des passions méchantes.“[132]
Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden +Goncourts+, dass diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen, die dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch zahlreiche Persönlichkeiten bezeugt wird. Die +Goncourts+ nennen den Herzog von +Choiseul+, den Marquis +de Louvois+, den seine Geliebte, Madame +de Blot+, folternden Grafen +de Frise+ als solche männliche Wollust-Teufel. Und eine vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T. D. P. M., war das weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein Vorbild für +Sades+ Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe schon vor der Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen, noch bevor +Sade+, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf den Guillotinen, in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das ausmalte, was jener mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans l’Amour! Und als in der Schreckenszeit unter +Chaumettes+ Leitung die „theosophischen Orgien der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen der Vernunft“ wie die +Maillard+, die +Moncoro+, die +Aubry+ auf sehr irdische Weise verehrt wurden, da erschienen auch urplötzlich die „tricoteuses de Robespierre“, die „flagelleuses“ und die schrecklichen „furies de guillotine“.
Da werden Weiber zu Hyänen Und treiben mit Entsetzen Scherz; Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, Zerreissen sie des Feindes Herz,
wie unser +Schiller+ mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle charakterisiert, wie sie auch in einer französischen Gedichtsammlung jener Zeit, „La République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo es heisst:
De ces effrayantes femelles Les intarissables mamelles Comme de publiques gamelles, Offrent à boire à tout passant; Et la liqueur qui toujours coule, Et dont l’abominable foule Avec avidité se saoule, +Ce n’est pas du lait, mais du sang+.[134]
Wir haben gesehen, wie im 18. Jahrhundert in Frankreich die Frauen bestrebt waren, sich zum Teil wenigstens in Männer zu verwandeln, wie sie in der Politik, in der Liebe und in der Wissenschaft den grössten Einfluss ausübten, wie zwar eine Emanzipation de iure nicht bestand, de facto aber sich geltend machte. Und doch war die +Missachtung des Weibes+ nie so gross gewesen wie in diesem Jahrhundert. Was nützten alle geistreichen Einfälle, alles wissenschaftliche Streben der Frau, das z. B. die junge Gräfin +Crigny+ zur Teilnahme an Sektionen trieb[135], wenn dabei sichtlich das Familienleben zerstört wurde, wenn der Schwerpunkt des weiblichen Wirkens ausserhalb des eignen Hauses fiel. Wir fürchten beinahe, dass wir im Frankreich des 18. Jahrhunderts das Spiegelbild einer nahen Zukunft vor uns haben, und es wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wovon die wahre Schätzung des Weibes als solches abhängig ist, und ob wirklich die sogenannte Frauenemanzipation die Würde des Weibes für alle Zeit sichern wird.
Die vier grössten Denker Frankreichs im 18. Jahrhundert: +Montesquieu+, +Rousseau+, +Voltaire+ und +Diderot+ haben die Verachtung des Weibes gepredigt. Man denke nur an +Voltaires+ bitter-sarkastische Aeusserungen über seine treue Freundin Madame +Du Châtelet+. Das Weib ist nach +Rousseau+ nur zum Vergnügen des Mannes geschaffen worden. Nach +Montesquieu+ hat der Mann die Kraft und Vernunft, die Frau nur Anmut, und +Diderot+ sah in der Frau einzig und allein ein Objekt der Sinnenlust. „So ist die Frau nach +Diderot+ eine Courtisane, nach +Montesquieu+ ein anmutiges Kind, nach +Rousseau+ ein Gegenstand des Vergnügens, nach +Voltaire+ -- Nichts.“[136] Als in der Revolution +Condorcet+ und +Siéyès+ für die häusliche und politische Emanzipation der Frauen eintraten, da „wurden ihre Proteste erstickt durch die mächtigen Stimmen der drei grossen Fortsetzer (continuateurs) des 18. Jahrhunderts, durch +Mirabeau+, +Danton+ und +Robespierre+.“ Und für +Napoléon+ I. gab es eins in der Welt, das nicht französisch sei: eine Frau tun zu lassen, was ihr gefällt. Einer der besten Kenner der Frau im 18. Jahrhundert, +Rétif de la Bretonne+, äussert oft in starken Worten seine Geringschätzung des Weibes.[137] Die Ursache dieser Verachtung ist klar. Die Ehe ist, wie +Westermarck+ in seinem klassischen Werke zur Evidenz nachgewiesen hat, dasjenige Institut, dem die Menschheit ihre sittliche Vervollkommnung verdankt, sie ist das +absolut sittliche Institut+. In der Ehe ist das Weib dem Manne +ebenbürtig+, weil es ihn ergänzt. +Ausserhalb+ der Ehe kann das Weib den Mann +nicht ersetzen+, wird folglich alsbald minderwertig erscheinen. Eine vollständige Emanzipation muss an den unleugbaren Verschiedenheiten zwischen männlichem und weiblichem Wesen scheitern. Eine Gefährdung der Ehe ist gleichbedeutend mit der Verringerung der sittlichen Achtung, die der Mann dem Weibe entgegenbringt. Dies zu sagen, klingt heute noch spiessbürgerlich, wird aber nach vollendeter Emanzipation des Weibes bestätigt werden.
10. Die Litteratur.
Die französische Litteratur des 18. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen der Pornographie! Zu keiner Zeit der Weltgeschichte, selbst nicht unter den Cäsaren, ist die schöne Litteratur in so systematischer Weise zu einem Werkzeug der Wollust gemacht worden, wie unter dem ancien régime. Zwar ist „die Darstellung geschlechtlicher Lust alt in der französischen Literatur, wie zahlreiche mittelalterliche Fabliaux beweisen, +allein erst im 18. Jahrhundert begann man an die Stelle der gesunden, derben Natur und Naivität dieser älteren Produkte der Zotologie Gemälde der Sinnlichkeit zu setzen, deren raffinierte Absichtlichkeit einer erschlafften Gesellschaft zu giftigem Reizmittel diente+.“[138] Das 18. Jahrhundert hat den grössten Teil der heute existierenden pornographisches Litteratur hervorgebracht, an Zahl der einzelnen erotischen Werke sicher mehr als alle anderen vorhergehenden Jahrhunderte zusammengenommen. Den Löwenanteil an dieser Produktion pornographischer Werke beansprucht die Zeit von 1770 bis 1800, jene Epoche, welche der geistvolle +Aubertin+ als die Periode der Talentlosigkeit, der „race intermédiaire“ bezeichnete, in welcher die platte Mittelmässigkeit den Ton angab und nur durch eine widerliche Erotik das Publikum zu reizen wusste.[139] Diese Bücher machen den +Kultus des Fleisches+ zu ihrem Hauptthema. Sie kennen nichts Höheres als wollüstige Formen und die mannigfachsten Varietäten des Liebesgenusses. Das Bordell ist ein Paradies, und die Dirne ehrbarer als die treueste Gattin. „Welches Zeitalter hat sich mit obscönen Büchern so beschmutzt wie dieses grosse Jahrhundert?“ ruft +Jules Janin+ aus[140], „dass sogar Männer wie +Voltaire+, +Rousseau+, +Diderot+, +Montesquieu+ und +Mirabeau+ dem Geschmacke der Zeit nachgebend derartige Werke verfassten.“ Kurz vor und während der Revolution schien die Schmutzlitteratur alle edleren geistigen Erzeugnisse verdrängt zu haben. Die Bücherläden waren pornographische Bibliotheken geworden. Aus dem Jahre 1796 berichtet +Mercier+[141]: „Man stellt nur noch obscöne Bücher aus, deren Titel und Kupferstiche gleicherweise die Scham und den guten Geschmack verhöhnen. Ueberall verkauft man diese Ungeheuerlichkeiten auf Tischkörben, an den Seiten der Brücken, in den Türen der Theater, auf den Boulevards. Das Gift ist nicht teuer, 10 Sous das Stück. Die ausgelassensten Erzeugnisse der Wollust überbieten einander und greifen ohne Zügel und ohne Scheu den öffentlichen Anstand an. Diese Broschürenverkäufer sind gewissermassen privilegierte Zotenhändler; denn +jeder Titel, der nicht ein unflätiger ist, wird augenfällig von ihrem Schaubrett ausgeschlossen+. Die Jugend saugt hier ohne Hindernis und ohne Bedenken die Grundstoffe aller Laster ein“. Der hauptsächlichste Verkaufsort war das berüchtigte Palais-Royal, von dem später ausführlicher die Rede sein wird. Dieses Zentrum aller +Lustgenüsse+ war auch der Hauptmarkt für die obscönen Schriften, welche die Pariser Lebewelt mit einer Sündflut von +Lustreizen+ überschwemmten. Selbst auf den Toilettentisch der Pariser Damen wanderten diese Schandbücher[142], worüber auch +Bérard+ eine interessante Geschichte erzählt, die zugleich ein Streiflicht auf die ungeheure Verbreitung der Werke des Marquis +de Sade+ wirft: „Ich erinnere mich, dass eine durch Stand und Alter achtbare Frau, die mich gebeten hatte, ihr für sich und ihre Kinder einige Bücher zum Mitnehmen aufs Land zu besorgen, +auf dieser Liste vermerkt hatte+: ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘, in welchem Buche sie wahrscheinlich ein pädagogisches Werk vermutete“[143]. Dass in Bordellen derartige Schriften in überreicher Fülle vorhanden waren, nimmt nicht Wunder und wird auch wohl heute noch der Fall sein. +Parent-Duchatelet+ erfuhr von +Peuchet+, einem ehemaligen Archivar der Polizeipräfektur, dass +Napoleon+ I. zu Ende seines Konsulats alle derartigen im Besitze von Dirnen befindlichen Bücher wegzunehmen und zu vernichten befahl. Nur ein Exemplar von jedem wurde in der Nationalbibliothek aufbewahrt. Diese Angabe +Peuchets+ ist nach +Parent-Duchatelet+ begründet, dem von dem Bibliothekar +Van-Praët+ das Verzeichnis der Bücher vorgelegt wurde, sowie diese selbst in einem Winkel des Erdgeschosses der Nationalbibliothek gezeigt wurden.[144]
Von obscönen Büchern ist denn auch bei +Sade+ recht häufig die Rede. Die interessanteste Stelle ist diejenige im dritten Bande der Juliette (S. 96 ff.), wo Juliette und Clairwil die Wohnung des Karmelitermönches Claude durchstöbern und ausser „guten Weinen und weichen Sofas“ eine ausgewählte pornographische Bibliothek finden. Juliette sagt darüber: „Man macht sich keine Vorstellung davon, was für obscöne Bilder und Bücher wir dort fanden!“ Zuerst bemerkten sie den „Portier des Chartreux“, ein mehr „scherzhaftes als wollüstiges Buch, dessen Abfassung der Verfasser trotzdem auf dem Sterbebette bereut haben soll.“ -- Zweitens die „Académie des Dames“, ein dem Plane nach gutes, der Ausführung nach schlechtes Buch. -- Drittens die „Education de Laure“, ein elendes Machwerk, das nach Juliette viel zu wenig Wollust, Mordtaten und „goûts cruels“ enthält. Endlich „Thérèse philosophe“, „das bezaubernde Buch des Marquis +d’Argens+“ mit den Bildern von +Caylus+, das einzige von diesen vier Büchern, welches Wollust mit Gottlosigkeit vereinigt. Ausserdem fanden Juliette und Clairwil bei dem Mönche noch zahllose „elende kleine Broschüren, die in den Cafés und Bordellen ausliegen“, zu denen auch die Werke des „nichtigen Mirabeau“ gehören.
Auch die Delbène hat in ihrer Bibliothek eine grosse Collektion schmutziger Bücher. Sie will der Juliette diese Werke leihen, damit diese sie während der Messe lese und so getröstet werde über den Zwang, einer „solchen abscheulichen Zeremonie“ beiwohnen zu müssen. (Juliette I, 32). +Sade+ hat sogar seine eigenen Werke als Muster obscöner Lektüre hingestellt. Ein Abbé liest in dem „Hinrichtungssaale“ des Erzbischofs von Grenoble die „Philosophie dans le Boudoir“ (Justine IV, 263.)
Zur Orientierung geben wir einen ganz kurzen Ueberblick über die wichtigsten französischen Erotica des 18. Jahrhunderts. Die grossen bibliographischen Werke von +Gay+[145] und +Cohen+[146] vermitteln eine weitgehende Kenntnis dieser pornographischen Riesenlitteratur, aus der wir nur die am meisten charakteristischen Beispiele anführen wollen.
In +Pierre Joseph Bernard+ (1708-1775), von +Voltaire+ „Gentil-Bernard“ genannt, hatte das 18. Jahrhundert seinen Ovid. Im Jahre 1761 erschien die „L’art d’aimer“[147] in drei Gesängen, eine vergröberte Nachahmung der ovidischen Ars amandi, die aber grosses Aufsehen erregte und auf dem Toilettentische keiner vornehmen Dame fehlte. „Die Verse sind mit einem Rosa-Bande an einander geknüpft. Die Gedanken darin sind nur ein Girren“[148]. Aber dieses Girren war sehr wollüstig, und die Deutlichkeit der Sprache konnte sich neben der des Ovid sehen lassen. +Bernard+ erteilte in seinem Gedicht einen ganzen Kursus der raffiniertesten Geschlechtsliebe, in dem er auch das Lesen schlüpfriger Schriftsteller empfahl.[149]
Der jüngere +Crébillon+ (+Claude Prosper Jolyot de Crébillon+ 1707-1777) kann als der eigentliche Schöpfer der lasziven Schriftstellerei im 18. Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Schriften sind charakterisiert durch einen „eleganten Zynismus und eine Grazie in der Wollust“.[150] Am berühmtesten ist das „Sofa“, dessen Titel schon den Inhalt verkündigt.[151] Aehnlicher Art sind „L’Ecumoire“ (Paris 1735), „Les amours de Zeo Kinizal, roi de Cofirons“ (Amsterdam 1746), in denen die Liebesabenteuer des fünfzehnten Ludwig geschildert werden. Ferner „La nuit et le moment“ (Amsterdam 1755), „Ah! quel conte“ (Paris 1751), „Les égarements du cœur et de l’esprit“ (Brüssel 1796) u. s. w. In +Crébillons+ Romanen macht sich bereits die Neigung bemerkbar, die gemeinste Sinnlichkeit durch Umkleidung mit einem philosophischen Gewande zu verschönern und zu rechtfertigen.
+Jean François Marmontel+ (1723-1799) hat in seinen „Incas“ den Typus des +antiklerikalen+ Romans im 18. Jahrhundert geschaffen, dessen Inhalt auf spätere Darstellungen des Klerus in erotischen Romanen unverkennbar eingewirkt hat.[152]
Die bei +Sade+ von Juliette erwähnte „Thérèse philosophe“,[153] stellt im Anschlusse an den Fall +Girard+ (Dirrag) und Cadière (Eradicée) die sexuellen Ausschweifungen der Jesuiten dar. Wie wir sahen, schreibt +Sade+ diesen Roman dem Marquis +d’Argens+ und die Bilder dem Grafen +Caylus+ zu, welche Ansicht auch von +Gay+ geteilt wird. Wahrscheinlicher ist aber die vom Abbé +Sephe+ und von +Barbier+ zuerst entdeckte Urheberschaft des Kriegskommissars +de Montigni+ (genannt +Lucas-Montigni+). Statt +Caylus+ soll +Antoine Pesne+, der bekannte Hofmaler +Friedrichs des Grossen+, die obscönen Bilder gezeichnet haben.[154]
+André Robert Andréa de Nerciat+ (1739-1800) war zwei Jahre lang (1780-1882) Bibliothekar in Kassel und wurde später (von 1788 an) Vertrauter der Königin +Karoline+ von Neapel. Er schrieb die berüchtigte „Félicia ou mes Frédaines“ (Paris 1778, 2 Bde.) und als Fortsetzung derselben „Monrose ou le libertin par fatalité“ (Paris an V). Seine obscönste Schrift ist der „Diable au Corps“ (Paris 1803, 6 Bde), der die angebliche Schrift eines Doktor „Cazzone“ (!), ausserordentlichen Mitgliedes der „joyeuse faculté phallo-coïro-pygo-glottonomique“ vorstellen soll, wie der Verfasser im Vorwort versichert.[155]
Dass die Pornographie in jener Zeit Mode war und zum guten Ton gehörte, beweist ja am schlagendsten der Umstand, dass die hervorragendsten Geister des Jahrhunderts es nicht verschmähten, diesen billigen Ruhm zu erwerben. Wir haben schon auf den berühmten Altertumsforscher +Caylus+ hingewiesen. Aber auch Geisteshelden wie +Mirabeau+ und +Diderot+ haben sich nicht gescheut, ihre litterarische Tätigkeit durch die Veröffentlichung von schmutzigen Erzählungen zu schänden. Besonders +Mirabeau+ wird vom Marquis +de Sade+ öfter genannt, und es ist kein Zweifel, dass +Mirabeaus+ „Education de Laure“ das Vorbild der „Philosophie dans le Boudoir“ gewesen ist, wie dies schon +Eulenburg+ erkannt hat.[156] In „Ma conversion“ (London 1783) hat +Mirabeau+ die Erlebnisse eines männlichen Prostituierten geschildert, der sich für seine Dienstleistungen von den vornehmen Damen, Nonnen u. s. w. bezahlen lässt. Ein drittes obscönes Buch +Mirabeaus+ ist „Erotica Biblion“ (Rom 1783).
In +Denis Diderots+ „Jacques le Fataliste“ (Paris 1746) kommen schlüpfrige Geschichten vor, die +Diderot+ „tief unter +Crébillon+ herabsetzen“.[157] In der berühmten „Nonne“[158] bringt +Diderot+ eine Schilderung des Klosterlebens, in der tribadische und andere lasterhafte Ausschweifungen der Nonnen und Oberinnen beschrieben werden. Auch die „Bijoux indiscrets“ (Paris 1748) haben erotischen Inhalt. Insbesondere hat vielleicht die auch bei +Sade+ wiederkehrende Vorliebe +Diderots+ für paradoxe Behauptungen auf sexuellem Gebiete auf Ersteren einen Einfluss ausgeübt.
+Choderlos de Laclos+ war nach +Nodier+ der „+Petron+ einer weniger litterarischen und mehr verderbten Epoche als diejenige des wirklichen +Petronius+ war.“ Seine vielgenannten „Liaisons dangereuses“[159] schildern die Korruption der Aristokratie, welche der Verfasser als Freund des berüchtigten +Philippe Egalité+ aus eigenster Anschauung kennen gelernt hatte. +Charles Nodier+ erzählt in einer interessanten Notiz „über einige satirische Werke und ihren Schlüssel“, dass man ihm in seiner Jugend in verschiedenen Provinzialhauptstädten mehrere „unreine und lasterhafte Helden dieses Garnison-Satyricon gezeigt habe.“ Nach ihm verdienen die „Liaisons dangereuses“ dasselbe Schicksal (der Verachtung) wie die „scheusslichen Obscönitäten eines frechen Nachahmers des Herrn +Laclos+, des Marquis +de Sade+, welchem der Preis eines Ekel erregenden Cynismus gebührt.“[160]
Weniger zynisch, aber ebenfalls die Lasterhaftigkeit des Adels schildernd, hat +J. B. Louvet de Couvray+ in seinem „Faublas“[161] den Typus des „Chevalier“ gezeichnet. In Faublas’ zahlreichen Liebesabenteuern spielt die der Wirklichkeit (des Chevalier +d’Eon+) entlehnte künstliche Effeminatio des Helden eine Rolle, die auch bei +Sade+ am Schlusse der Juliette Verwendung findet, wo Noirceuil als Frau verkleidet einen Mann heiratet.
Neben dem Marquis +de Sade+ ist der berühmteste erotische Schriftsteller der Revolutionszeit der ungemein produktive +Restif+ (+Rétif de la Bretonne+). Paul +Lacroix+ hat diesem merkwürdigen Manne ein Muster- und Meisterwerk der modernen Bibliographie gewidmet[162], das jeder Bücherliebhaber immer wieder mit neuem Vergnügen lesen wird. Wir werden später +Rétif de la Bretonne+ als einen der ersten Schriftsteller über +Sade+ zu würdigen haben. Hier interessiert er uns nur als ein gleichzeitig mit +Sade+ wirkender Autor, von dem dieser letztere sicher nicht unbeeinflusst geblieben ist. Es ist offenbar +Rétif+, den +Sade+ an einer Stelle in seiner Abhandlung über den Roman höchst ungünstig beurteilt. Er sagt dort: „R... überschwemmt das Publikum und braucht eine Druckpresse neben seinem Bette. Glücklicherweise seufzt diese allein unter seinen schrecklichen Geistesprodukten; ein platter und kriechender Stil, ekelhafte Abenteuer in schlechtester Gesellschaft; kein anderes Verdienst als eine grosse Weitschweifigkeit, für die ihm nur die -- Pfefferhändler dankbar sein werden.“[163] Sollte bei diesem Urteile +Sades+ nicht etwas Konkurrenzneid im Spiele sein? Wir werden später sehen, dass +Rétif+ über +Sade+ nicht besser dachte. Auch mochte sich wohl der hochgeborene Marquis weit erhaben dünken über dem aus niedrigstem Stande hervorgegangenen +Rétif+.
In der Tat hat +Rétif de la Bretonne+ (1734 bis 1806), wenn er auch den Adel keineswegs vergessen hat, hauptsächlich die sittliche Korruption auch der niederen Volksschichten dargestellt[164] und ergänzt gewissermassen die Schriften des Marquis +de Sade+ nach dieser Richtung hin, mit dem er sonst viele Aehnlichkeit hat. +Eulenburg+ macht darüber folgende interessante Bemerkungen[165]: „Einem de Sade unendlich näher als die trotz allem grosse und ergreifende Gestalt Rousseaus steht jener ‚Rousseau du ruisseau‘“, +Rétif de la Bretonne+, über den +Dessoir+ urteilt: „Er wurde von wütendster Sinnlichkeit gepeitscht und durch den Götzendienst des eigenen Ich in eine Art Exhibitionismus hineingetrieben. Daher hat er wie kein Zweiter verstanden, die Entstehung, Eigentümlichkeit und Gewalt der Geschlechtsliebe zu analysieren und dem Ich einen geradezu raffinierten Kultus zu widmen.“ Da haben wir im Keime den literarischen +de Sade+, nur schwächlicher, passiver, sozusagen unblutiger. Wäre +Rétif+ eine mehr aktiv und impulsiv., weniger kontemplativ veranlagte Natur gewesen und hätten ihm, dem armen Bauernsohne, die Mittel und die Atmosphäre des „célèbre Marquis“ von früh auf zur Verfügung gestanden, so wäre vielleicht ein zweiter +de Sade+ aus ihm geworden, der schriftstellerisch dem anderen an Kraft und jedenfalls an Feinfühligkeit der Schilderung überlegen gewesen wäre. Nicht umsonst ertönt bei +Rétif+ aus allen Tonarten das Lob dieser ungemeinen Feinfühligkeit dieser „sensibilité quelquefois délicieuse, quelquefois cuisante, affreuse, déchirante.“ Wir fügen noch zur Charakteristik dieses merkwürdigen Schriftstellers hinzu, dass er ein leidenschaftlicher Liebhaber der Frauen war und, sich mit seinen zahlreichen Maitressen nicht begnügend, auf der Strasse jedem hübschen Mädchen nachlief und nicht eher ruhte, als bis er ihre Bekanntschaft gemacht hatte. Dabei war er von der grössten Unreinlichkeit. Er erzählt höchst naiv in den „Contemporaines“: „Seit 1773 bis heute, 6. Dezember 1796 habe ich keine Kleider gekauft. Es fehlt mir an Hemden. Ein alter blauer Rock ist meine tägliche Kleidung“. Dieser war zerrissen und voll von Flecken. Dabei liebt +Rétif+ die Reinlichkeit sehr bei den -- Frauen. Er spricht immer wieder davon, giebt in seinem „Pornographe“ genaue Vorschriften in dieser Beziehung und konstatiert mit Befriedigung die grosse Verbreitung dieser Tugend unter den Pariser Prostituierten.[166]
Für die Art seiner Schriftstellerei ist bezeichnend, dass er neben der eigenen unermüdlichen Beobachtung auch diejenigen anderer verwertete. So erzählt Graf +Alexander von Tilly+ in seinen Memoiren[167], dass +Rétif de la Bretonne+ zu ihm kam mit der Bitte um Erzählung seiner erotischen Abenteuer, die er in einem Werke verarbeiten wolle. Sehr wichtig ist ferner das Verhältnis +Rétifs+ zu +Mathieu François Pidanzat de Mairobert+ (1727-1779), dem berühmten Verfasser des „Espion anglais“ und dem Sammler der Materialien zu den „Mémoires secrets de Bachaumont.“ Dieser liess nicht nur einzelne Werke in der geheimen Druckerei Rétifs herstellen, sondern war selbst Mitarbeiter an dessen eigenen Schriften. So rührt von ihm die wertvolle Abhandlung über die 16 Klassen der Prostituierten und über die Zuhälter in +Rétifs+ „Pornographe“ her. Auch für die „Contemporaines“, den „Hibou“, und die „Malédiction paternelle“ hat +Pidanzat de Mairobert+ zahlreiche Notizen beigesteuert[168].
Das ohne Zweifel wertvollste Werk +Rétifs+ sind die „Nuits de Paris“[169], eine unerschöpfliche Fundgrube für die Kenntnis des Sittenlebens der Revolutionszeit, eine „in ihrer Art einzige Darstellung der moralischen Physiognomie von Paris“ am Ende des 18. Jahrhunderts, das wahre „Tableau nocturne de Paris“, dessen Inhalt eine 20jährige Arbeit erfordert hat. „Jeden Morgen schrieb ich nieder, sagt +Rétif+, was ich in der Nacht gesehen hatte.“ +Lacroix+ gibt eine ausführliche Analyse des reichen Inhaltes dieses „nächtlichen Zuschauers“, auf dessen unzählige Details wir an dieser Stelle nicht näher eingehen können.
In „Monsieur Nicolas“ (Paris 1794-1797. 16 Bde.) hat +Rétif de la Bretonne+ die Geschichte seines Lebens erzählt, wahrheitsgetreuer als dies in ähnlichen Büchern wie „Faublas“, „Clarissa“ und +Rousseaus+ „Héloise“ geschieht. Von besonderem Interesse ist der dreizehnte Band („Mon Calendrier“), in welchem +Rétif+ Tag für Tag alle Frauen aufzeichnet, deren Bekanntschaft er gemacht, die er verführt und die er zu -- Müttern gemacht hat.[170]
In Deutschland am bekanntesten sind die berühmten „Contemporaines“[171], eine Sammlung von Erzählungen, die auf wirklichen Ereignissen beruhen. Die Helden dieser Novellen sollen den Verfasser dazu ermächtigt haben, sie unter ihren wahren Namen zu nennen. Es sind wesentlich Sittendarstellungen aus dem Volksleben.
„Le Paysan et la paysanne pervertis, ou les dangers de la ville“ (A la Haye 1784. 16 Teile in 4 Bänden) sind nach dem Grafen +von Tilly+ die „Liaisons dangereuses der niederen Volksklassen“, welche die traurige Wahrheit predigen, dass die Tugend durch beständigen Verkehr mit dem Laster notwendig vernichtet wird.
Hieran reiht sich der „Pied de Fanchette“ (A la Haye 1769), die Geschichte einer jungen Modistin aus der Rue Saint-Denis, deren kleiner Fuss +Rétif+ bezaubert hatte. Ueberhaupt ist +Rétif+ ausgesprochener +Fussfetischist+. Für hübsche Frauenfüsse und Frauenschuhe hatte er eine fanatische Leidenschaft. Fanchettens Fuss ist wirklich der Held dieses Romans. „Son pied, le pied mignon, qui fera tourner tant de têtes, était chaussé d’un soulier rose, si bien fait, si digne d’enfermer un si joli pied, que mes yeux, une fois fixés sur ce pied charmant, ne purent s’en détourner... Beau pied! dis-je tout bas, tu ne foules pas les tapis de Perse et de Turquie, un brillant équipage ne te garantit pas de la fatigue de porter un corps, chef-d’œuvre des Grâces: +tu marches en personne+, mais tu vas avoir un trône dans mon cœur.“[172] Rétif gibt sogar in den Anmerkungen eine Geschichte der hübschen Frauenfüsse. In allen übrigen Werken kehren immer diese kleinen beschuhten Füsse wieder. Er sah eines Tages „Fanchette“ wirklich in der Rue Saint-Denis, und ihr Fuss, ein „Wunder an Kleinheit“, inspirierte ihn zu seiner Erzählung.
Ein Buch Rétifs, das am meisten an die Werke des Marquis +de Sade+ erinnert, ist „Ingénue Saxancour, ou la femme séparée“ (Liège, 1789, 3 Bände), angeblich die Geschichte seiner unglücklichen verheirateten Tochter Agnes. Rétif hat in diesem Buch „die Grenzen des kühnsten Zynismus überschritten“, und der Verfasser sagt selbst, dass man in dem Werke finden wird „ce qu’on nomme dans le monde +des horreurs+“. Die unglückliche Gattin wird nach der Hochzeit von ihrem Ehemanne allen Launen eines entnervten Wüstlings unterworfen, sie erduldet die unglaublichsten Infamien und Grausamkeiten ihres „wollüstigen Henkers“.[173] +Alexander Dumas+ der Aeltere, der im Jahre 1851 auf Veranlassung von +Paul Lacroix+ im „Siècle“ unter dem Titel „Ingénue“ eine ganz harmlose Erzählung veröffentlicht hatte, deren Helden +Rétif+ und seine Tochter Agnes waren, wurde von der Familie +Rétif de la Bretonne+ verklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt.[174]
Einige andere Schriften unseres Autors werden wir an anderer Stelle anführen, weil sie weniger zur schönen Litteratur gehören. Zum Schlusse gedenken wir in unserer kurzen Uebersicht, welche nur das am meisten Charakteristische hervorheben sollte, noch zweier sehr bekannter obscöner Gedichte des 18. Jahrhunderts. Das erste ist „La Foutromanie. Poème lubrique, à Sardanopolis, aux dépens des amateurs. 1775“[175]. Es enthält sechs Gesänge zu je 300 Versen. Der Zensor +Le Noir+ bekam die strengsten Weisungen von der Regierung, die Verbreitung des Gedichtes zu verhindern. Trotzdem gelangten einige Exemplare zu dem hohen Preise von 9 Livres in den Handel. Das Gedicht beginnt mit den Versen:
Vous les voulez... je vais souiller mes rimes, Poétiser en jargon ordurier... Toi dont les feux raniment la nature, Qui, maîtrisant l’homme et les animaux, Brûle en secret le cuistre et le héros, Sois ma déesse, adorable Luxure!
Die „Foutromanie“ ist das Glück der Götter, das ihnen die Langeweile vertreibt. Aber auch die Menschen macht sie glücklich. Der Verfasser eröffnet den Reigen dieser Glücklichen mit Fräulein +Dubois+, einer Schauspielerin der Comédie Française. Dann folgen die Damen +Arnoux+ und +Clairon+, letztere mit dem Grafen +Valbelle+, Madame +Allard+ mit dem Duc +de Mazarin+. Auch die Opernsängerin Fräulein +Vestris+ hat ihre Freude daran. Gegen Ende dieses +ersten+ Gesanges erscheinen die Herzoginnen und Hofdamen, die sich mit ihren Lakaien vergnügen. Zuletzt wird die unersättliche Libido der alten +Polignac de Paulien+ geschildert.
Der +zweite+ Gesang beginnt mit der Beschreibung der Reize einer jungen Anfängerin, welche der Leidenschaft eines jungen Wüstlings zum Opfer fällt. Eingeschaltet wird ein Gedicht „Père Chrysostome“ gegen die sexuellen Ausschweifungen in den Klöstern. Weiter dringt ein von Satyriasis Ergriffener in ein Nonnenkloster ein. Hier folgt ein Ausfall gegen Tribadie und Paederastie. Der alte +Duc d’Elbœuf+ war einer der ersten, der die Secte der Paederasten nach Frankreich einführte. Zum Schluss Excurs über Syphilis.
Der +dritte+ Gesang ist fast ganz der Rolle der +Syphilis in der Liebe+ gewidmet. Zuerst wird die hohe Vollendung in der Heilkunst dieses galanten Leidens gepriesen; die „syphilitischen Liebeshelden“ werden gefeiert, insbesondere die am Mal de Naples leidenden Prälaten. Herr +de Montazet+, Erzbischof von Lyon, wird hier im Verein mit der Duchesse +de Mazarin+ genannt. Nach höchst indezenten Aeusserungen über den Herzog von +Orléans+ und Madame +de Montesson+ wird die Liaison zwischen der verstorbenen Herzogin von Orléans und den Herren +de l’Aigle+ und +de Melfort+ enthüllt, welche letzteren von der Herzogin syphilitisch angesteckt wurden. Der Prinz +de Beauffremont+ fiel in Ungnade, weil er sich mit einem Schweizer abgab. Am Schlusse Lob des +Aretino+, des Erfinders der „plastischen Stellungen“.
Der +vierte+ Gesang ist ein Loblied auf das Bordell. Die berühmtesten Kupplerinnen und Bordellwirtinnen werden vorgeführt, so die +Paris+, +Carlier+, +Rokingston+, +Montigny+, +d’Héricourt+ und +Gourdan+. Beschreibung der wollüstigen Orgien an diesen infamen Orten. „Bett und Tisch“ müssen sich folgen, daher sind die deutschen Frauen geeigneter für die „Foutromanie“. Der Autor verwünscht Italien, wo er Geld und Gesundheit verloren hat.
Im +fünften+ Gesang werden zunächst die Syphilophoben ermutigt. Alle Frauen haben ja nicht die Syphilis. +Montesquieu+ war im Feuer ebenso wie +Rousseau+ und +Marmontel+. Grosses Lob des +Dorat+, des „poète foutromane“. Exkurs über die Holländer, die nur das Geld lieben. Schilderung der unkeuschen Kardinäle. +Spinola+ schläft bei +Palestrina+, +Albani+ bei +Altieri+, +Bernis+ bei +Saint-Croix+, +Borghese+ ist B..... Auch die Kaiserinnen +Maria Theresia+ und +Katharina+ II. verstehen ihre Sache, ebenso der König von Polen und die verstorbene Königin von Dänemark. Es ist nur ein Jammer, dass die „Dames de France“, die Tanten +Ludwigs+ XVI. im Zölibat leben.
+Agyroni+ ist der Held des +sechsten+ Gesanges[176]. Dieser Charlatan hat den Verfasser wohl von einem galanten Leiden geheilt. Zahlreiche medizinische Details wie in +Robés+ Gedicht über Syphilis. Schliesslich wird wieder die „Foutromanie“ gepriesen als die Seele des Weltalls.[177]
Das zweite Gedicht „Parapilla“ ist eine Uebersetzung des italienischen Originals „La Novella dell’ Angelo Gabriello oder Il Cazzo“ (= Phallus),[178] ein Wort, welches Papst +Benedikt+ XIV. beständig im Munde hatte. Als ihm ein Höfling die Schmutzigkeit des Wortes vorhielt, erwiderte er: „Cazzo, cazzo! Ich werde es so oft sagen, bis es nicht mehr schmutzig ist.“ Das französische Gedicht besteht aus fünf Gesängen, deren Inhalt ganz kurz dieser ist:
+Rodric+ empfängt vom Himmel ein gewisses Instrument, das alle Damen beglückt. Zunächst in Florenz die berühmte Donna +Capponi+. Dann gerät es in ein Nonnenkloster, in die Hände der +Lucrezia+, der Tochter +Alexanders+ VI. Hierbei werden die Ausschweifungen in Rom unter diesem Papste geschildert, und das Gedicht schliesst mit einem obscönen Gespräch zwischen ihm und seiner Tochter.
Erwähnen wir noch, dass ein gewisses Incitamentum amoris, das in den Romanen des Marquis +de Sade+ eine grosse Rolle spielt, sogar in einem eignen Poem als solches gepriesen wurde.[179]
Wir konnten nur das Allerwichtigste aus der erotischen Literatur des 18. Jahrhunderts flüchtig berühren. Der Einfluss derselben auf die Sitten war gewaltig, und der Marquis +de Sade+ selbst hat diesen Einfluss der Litteratur empfunden. Er hat selbst eine treffende Charakteristik derselben zu geben versucht, die erkennen lässt, dass er die Bedeutung dieser pornographischen Litteratur wohl erkannt hat. Er sagt[180]: „Der Epicuräismus der +Ninon-de-Lenclos+, der +Marion-de-Lorme+, der Marquise +de Sévigné+ und +de Lafare+, der +Chaulieu+, der +St.-Evremond+, dieser ganzen feinfühligen Gesellschaft fing endlich an, müde des cytherischen Liebessehnens, mit +Buffon+ ‚nur das Physische in der Liebe für gut zu halten‘ und veränderte bald den Ton in den Romanen. Die Schriftsteller empfanden, dass die galanten Schwätzer nicht mehr ein durch den Regenten entsittlichtes Jahrhundert, das von den Kavaliertorheiten, der religiösen Schwärmerei und der Verehrung der Frauen zurückgekommen war, unterhalten konnten. Sie fanden es einfacher, diese Frauen zu amüsieren und zu verderben, als ihnen zu dienen und sie zu verherrlichen. Sie schufen Ereignisse, Gemälde, Konversation mehr nach dem Geiste der Zeit und entwickelten in einem angenehmen, leichten und bisweilen selbst philosophischen Stile den Zynismus und die Immoralität.“
11. Die Kunst im 18. Jahrhundert.
Auch die französische Kunst des 18. Jahrhunderts ist ein getreuer Spiegel der Zeit. Baukunst, Malerei, Schauspiel- und Tanzkunst dienen dazu, die +Sinne zu erregen+. Das berühmte „Rococo“ ist nichts weniger als ein Bild der Harmonie. Es wäre dies ja auch ein Wunder gewesen. Denn niemand kann aus seiner Zeit heraus. Der Rococostil folgte in der Kunst den Eingebungen der künstlich erregten Sinne, die an überladenen Verzierungen, an unruhig verschlungenen Linien ein Gefallen fanden, sowie an den Darstellungen wollüstiger Szenen, raffiniert erdachter „Nudités.“ Eine prachtvolle Schilderung der bildenden Kunst, vorzüglich der Architektur im 18. Jahrhundert, entwirft +Georg Brandes+: „Was man unter Ludwig XIV. in der Baukunst erstrebt hatte, war das Imponierende. Man opferte sogar jede Rücksicht auf Behagen und Bequemlichkeit der kalten Prunksucht und der steifen Etikette auf. Wer das Schlafzimmer Ludwigs XIV. in Versailles gesehen hat, wird einräumen, dass ihm selten ein unleidlicher gelegenes Schlafgemach vor Augen kam. Jetzt werden die unbewohnbaren und majestätischen Säle von den ‚petites maisons‘ abgelöst, wie damals jeder Mann von Welt sie besass, und in welchem die tändelnde Konversation und der üppige Leichtsinn sich ebenso gut befanden. Daher verschwinden in der Architektur die grossen, einfachen Verhältnisse, die reinen und klaren Massenwirkungen. Die Härte und Schwere des Steins wird verleugnet, die Strenge der Linien gebrochen, alles wird rund und schwellend, alle Linien werden ausschweifend und übermütig. Der Barockstil erreicht sowohl in der Baukunst wie in der Bildhauerkunst seinen Gipfel. Ueberall stösst man auf unendlich wiederholte Amoretten und Grazien, ganz wie auf den Kupferstichen zu Voltaires ‚Poésies fugitives‘. In den Gärten umarmt der bockfüssige Pan schlanke, weisse Nymphen am künstlichen Wasserfalle. In der Malerkunst entstehen jene ländlichen Bilder, deren entferntes Vorbild Rubens Liebesgarten ist, die aber statt seiner breiten Lebenslust und schweren Figuren gleichsam hingehauchte und feine Gestalten in koketten Trachten, und statt Rubens derber Sinnlichkeit ein erotisches Spiel, ein Liebeln und Flüstern aufweisen, einen Hintergrund schattiger Gänge, mit stillen Verstecken, mit üppigen Statuen und frischen Rasenteppichen.
Unter Ludwig XIV. war die ganze Tracht steif gewesen; man trug grosse Ueberschläge und Kragen, selbst die Rock- und Westenschösse waren gesteift, Halskragen und Manschetten gestärkt, so dass nicht eine Falte sich verändern konnte; die unbequeme Allongeperrücke machte eine gravitätische Haltung zur Notwendigkeit. Unter der Regentschaft war alles auf Zwanglosigkeit und Leichtigkeit gerichtet. Das steife Futter der Schösse verschwand, an die Stelle der grossen Allongeperrücke trat das gepuderte Haar, steif frisiert, so dass keine noch so hastige Bewegung es in Unordnung bringen konnte; überall in Tracht und Benehmen überliess man sich einer gewissen Nachlässigkeit. Man verweilte in Boudoirs. Wie Tee und Kaffee aus dem Orient eingeführt wurden, so auch das orientalische Sofa, welches dem jüngeren Crébillon den Titel für seine bekannteste und berüchtigste Erzählung gibt.[181] Der weiche Lehnsessel verdrängt den hohen, unbequemen Armstuhl mit schnurgerader Rückwand. Das Zimmergerät besteht aus schweren Seidengardinen, welche wollüstig das Licht dämpfen, aus grossen Spiegeln in Goldrahmen, aus reich verzierten Pendeluhren, aus üppigen Malereien und schnörkelhaften Möbeln. Das ganze Zimmer duftet von einem wollüstigen Parfüm.“[182]
Noch deutlicher als die Architektur bringt die +Malerei+ des 18. Jahrhunderts den Charakter desselben zum Ausdruck. Der Wunsch Neues zu bringen, den „blasierten Appetit zu reizen“ verlieh den Künstlern des 18. Jahrhunderts ein raffiniertes Erfindungstalent. +Boucher+, +Watteau+, +Fragonard+, +Lancret+, der Maler der „fêtes galantes“, verschmähten die einfache und naive Nacktheit der Göttinnen eines +Lebrun+ und +Nicolas Mignard+. Ihre „baigneuses“ und „bergères“ sind nicht mehr mythologische Figuren, sondern Pariser Dirnen, die sich gern den Beschauern nackt im Bade oder auf dem Ruhelager zeigen. Diese vorgeblichen Najaden und koketten Schäferinnen mit entblösstem Busen, mit mehr oder weniger aufgehobenem Kleide, sind Frauen der Zeit, Dämchen „fort en vogue aux petites soirées de Trianon et de Luciennes“.[183]
+Richard Muther+ hat in seiner neuen Darstellung der Geschichte der Malerei[184] in dem Kapitel „Die Frivolen“ diese +erotische+ Richtung in der französischen Malerei des 18. Jahrhunderts glänzend geschildert. Er sagt u. a.: „Mit den zierlich gemessenen Menuetten +Watteaus+ hatte die Redoute begonnen. Um Mitternacht, unter der Anführung +Bouchers+, wurde der Cancan getanzt. Jetzt vor Tagesgrauen, folgt noch der Kotillon. Man hatte zu viel getanzt und zu viel geliebt. Statt sich selbst zu bemühen, will man nur noch zusehen, so wie der Pascha, Opium rauchend, apathisch in seinem Harem sitzt. Auch Balletteusen tanzen zu lassen, hat keinen Reiz mehr. So beginnt am Schlusse des Rokoko die eigentlich galante Kunst, das +Tableauvivant+. Stramme Burschen und hübsche Mädchen aus dem Volke müssen den vornehmen Herren Liebesszenen vorspielen, für die sie selbst zu blasiert geworden .... Als geistreichster dieser Gruppe, überhaupt als einer der feinsten des Jahrhunderts ist +Fragonard+, der nervöse Charmeur, zu feiern, in dem sich noch einmal alle Lebenslust und Leichtlebigkeit, die ganze Grazie des Rokoko sammelt... Wenn der Name +Fragonard+ genannt wird, denkt man an Reifröcke, seidene Garnierungen und hochgeschürzte Jupons, an lustige Schaukeln, die pikante graue Strümpfe sehen lassen, an feine Battisthemden, die von rosigen Schultern herabgleiten, an Amoretten, Küsse und Liebesspiel.“
„Kurz nach Schluss der Salonausstellung 1763,“ erzählt +Fragonard+ selbst, „schickte ein Herr zu mir und bat mich, ihn zu besuchen. Er befand sich, als ich bei ihm vorsprach, gerade mit seiner Maitresse auf dem Lande. Zuerst überschüttete er mich mit Lobsprüchen über mein Bild, und gestand mir dann, dass er ein anderes von mir wünschte, dessen Idee er angeben würde: ‚Ich möchte nämlich, dass Sie Madame malen auf einer Schaukel. Mich stellen Sie so, dass ich die Füsse des hübschen Kindes sehe -- oder auch mehr, wenn Sie mich besonders erfreuen wollen.‘“ Diesem seltsamen Liebhaber dankt man das Bild „Die Schaukel“, das erste, das den eigentlichen +Fragonard+ zeigt.... +Fragonard+ ist der +Pierrot lunaire+, der beim Morgengrauen blass und geisterhaft seine Sprünge macht. Manche seiner Bilder, so toll sie sind, haben etwas von Gebeten. Altäre sind errichtet, Opferflammen züngeln lohend gen Himmel, und bleiche Menschen legen weisse Kränze zu Füssen des allmächtigen Eros nieder. Da heben Weiber flehend ihre Hände zu Satan empor und beten, ihnen das Geheimnis neuer unbekannter Sensationen zu enthüllen.
Bildet schon die Verherrlichung der Geschlechtslust in einem gedruckten Buche einen die Sinne aufs Höchste anstachelnden Reiz, der daher im 18. Jahrhundert sehr begehrt war, so muss die +bildliche+ Darstellung der Wollust noch tausendmal schlimmer wirken. „+Le réalisme de la peinture+, se traduisant dans les actes et les paroles, les livres et les chants, doit exercer une funeste influence sur la jeunesse en +surexcitant+ le sens génital“[185]. Und der Marquis +de Sade+, der in seinen Romanen alles aufzählt, was den sexuellen Genuss zu steigern vermag, lässt Saint-Fond (Juliette II, 15) nach einer wilden Orgie ausrufen: „O wie nötig hier ein Maler wäre, um der Nachwelt dieses wollüstige und göttliche Bild zu überliefern!“
So konnte es denn nicht fehlen, dass neben den pikanten Nudités eines +Fragonard+ und +Lancret+ bald die +Schmutzbilder+ in der erschrecklichsten Weise sich verbreiteten. Dass die Maitressen sich für ihre Liebhaber nackt und in irgend einer plastischen Stellung malen liessen, war nichts seltenes. Bekannt ist die Geschichte der O’Morphi, einer Maitresse +Ludwigs+ XV. und Insassin des Hirschparks, deren Besitz der König dem berühmten Abenteurer +Casanova+ auf folgende Weise verdankte[186]. +Casanova+ hatte bei einem seiner zahlreichen Liebesabenteuer in Paris auch die Bekanntschaft einer flämischen Schauspielerin O’Morphi gemacht, welche eine junge Schwester von hervorragender Schönheit besass, in die +Casanova+ sich sterblich verliebte, und deren Reize er enthusiastisch schildert. Er bekam Lust, diesen herrlichen Körper gemalt zu besitzen, und ein deutscher Maler malte sie auf eine „göttliche“ Weise für sechs Louisdors. Die Lage, in der er sie darstellte, war „entzückend“. „Sie lag auf dem Bauche, stützte den Arm und den Busen auf ein Kissen und hielt den Kopf gewendet, als läge sie drei Viertel auf dem Rücken. Der gewandte und mit Geschmack begabte Künstler hatte ihren unteren Teil mit soviel Kunst und Wahrheit gemalt, dass man sich nichts Schöneres denken konnte.“ Ein Freund +Casanova’s+ bekam Lust, eine Copie dieses Bildes zu besitzen. Der Maler zeigte in Versailles diese Copie, welche Herr von +Saint-Quentin+ so schön fand, dass er nichts Eiligeres zu tun hatte, als sie dem König zu zeigen. „Seine allerchristliche Majestät, ein grosser Kenner auf diesem Gebiete, wollte sich mit eigenen Augen überzeugen, ob der Maler treu kopiert hätte, und wenn das Original ebenso schön war, wie die Copie, dann wusste der Enkel des heiligen Ludwig wohl, wozu es ihm dienen würde.“ So verlor +Casanova+ seine Geliebte an den König +Ludwig+ XV., der sie nach Zahlung von 1000 Louisdors an die Schwester sofort in seinem Hirschpark unterbrachte, wo sie nach Ablauf eines Jahres mit einem Kinde niederkam, das „gleich so vielen weggetan wurde, ohne dass man wusste, wohin; denn so lange die Königin lebte, erfuhr man nie, wohin die natürlichen Kinder +Ludwig’s+ XV. kamen.“
Dieses berühmte Bild zeigte +Casanova+ später einer französischen Nonne in Aix, mit der er ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, +und diese Nonne liess sich in eben derselben obscönen Stellung für Casanova malen+![187]
Nach +Parent-Duchatelet+[188] vertrieb man während des vorigen Jahrhunderts und besonders vor der Revolution in den Bordellen die unzüchtigsten Kupferstiche, ohne dass sich die Polizei darum bekümmerte. Von 1790 bis 1793 verteilte man an alle Bordellbesucher die schändlichsten Karikaturen auf +Ludwig+ XVI., +Marie Antoinette+ und andere Personen. Man könnte daher wohl sagen, dass die Orte der Unzucht zu den politischen Unfällen Frankreichs wesentlich beigetragen hätten. Unter der Schreckensherrschaft fanden sich solche schändlichen Bilder nicht nur in den Bordellen, sondern viele Kaufleute schämten sich nicht, in den Gallerien des Palais Royal und an anderen Orten die frechsten Kupferstiche aufzuhängen, wo die Genüsse der Geilheit, der Paederastie, der seltsamsten Wollust den Blicken aller Vorübergehenden preisgegeben wurden.
Dass die Erotica mit obscönen Bildern reichlich ausgestattet wurden, verstand sich von selbst. So sind auch die Romane das Marquis +de Sade+ durch eine grosse Fülle von scheusslichen Darstellungen „schmackhafter“ gemacht. Wir werden später auf diese Bilder zurückkommen.
Ueber ein sehr merkwürdiges Versteck von obscönen Bildern berichtet die „Chronique scandaleuse“[189]. Eine derartige Idee konnte nur die nach immer neuen Reizen lüsterne Phantasie eines abgelebten Wollüstlings ersinnen. Es war eine „neue Art der Obscönität“, bis zu diesem Jahrhundert unbekannt, eine „epochemachende Entdeckung“. Das waren die „vestes de petits soupers“. Da nach der damaligen Mode die Röcke zugeknöpft wurden, konnte man den oberen Teil der Weste nicht sehen. Aber bei den Orgien „d’un certain genre“ knöpften die Wüstlinge den Rock auf und zeigten ihren Messalinen Bilder und Stickereien auf ihrer Weste, welche den Gegenstand der Orgien und alle Wollust derselben darstellten. Diese raffinierte Idee macht selbst den bekannten Ausspruch des +Ben Akiba+ illusorisch.
Noch einer letzten Gattung von Schmutzbildern haben wir zu gedenken. Bei +Sade+ ist auch die +Defaecation+ wie alles Schmutzige und Widerliche ein Gegenstand der Wollust. Der Kot ist deliciös und wird von Männern und Weibern als Delicatesse verschlungen. Sollte man es glauben? Auch der Akt der Defaecation wurde den Parisern im 18. Jahrhundert bildlich vor Augen geführt. Konnte es ausbleiben, dass einige, besonders starker Reize bedürftige Wüstlinge auch an diesem Akte Gefallen fanden und ihn zur Erhöhung ihrer Genüsse verwendeten? +Johann Friedrich Reichardt+ erzählt, dass den Vorübergehenden an allen Ecken die schmutzigsten und niederträchtigsten Poissardenlieder und Gespräche, mit ekelhaften illuminierten Holzschnitten, +die alle den schmutzigsten Ausleerungsakt scheusslich natürlich darstellten+, angeboten und aufgedrungen wurden. Bei den Parisern sei dies Letzte nicht einmal nötig. Man sähe die anständigsten (?), ernsthaftesten Leute solche Blätter zu beliebiger Scherzanwendung in die Tasche stecken[190].
Auch in der +Skulptur+ machte sich, wenn gleich natürlich in beschränkterer Weise, das Bestreben nach Hervorhebung des rein Sinnlichen geltend. Mit den drei +Coustou’s+ „versinkt die Kunst in die Wollust“. „Das jungfräulich Nackte wird durch den Ausdruck sinnlicher Liebe entweiht. Der Marmor wird Fleisch und zeigt das wollüstige Beben und die Weichheit der lebenden Arme und Brüste. Die Frauen werden dargestellt als ‚petites filles‘, bleich, in der wollüstigen Erschlaffung lasciver Courtisanen oder wie Fischerinnen am Hofe +Ludwig’s+ XV. und der +Pompadour+“[191]. Der berühmte +Houdon+, nach +Arsène Houssaye+ der „letzte Ausdruck (expression) des 18. Jahrhunderts“, stellte in seinen Büsten „alle Ideen, alle Leidenschaften und alle Physiognomien“ dar. Seine „Diana“, seine „Frileuses“ und „Baigneuses“ zeigen alle eine wollüstige Nacktheit.
+André Grétry+, der Hauptvertreter der französischen +Musik+ des 18. Jahrhunderts, der stets mehrere „filles et fillettes“ zu gleicher Zeit liebte, zeigte in seinen musikalischen Werken keine echte Leidenschaft, sondern nur Wollust.[192] Wie sehr der Marquis +de Sade+ ein Mensch seiner Zeit war, der nur aus ihr erklärt werden kann, zeigt vor allem der Umstand, dass auch er von jener dem 18. Jahrhundert eigentümlichen Manie ergriffen war: der +Theaterwut+, der +Mimomanie+! +de Sade+ hat nicht nur zahlreiche Theaterstücke geschrieben, sondern auch dilettantische Theateraufführungen veranstaltet.
Die Leidenschaft des Theaterspielens, die „Mimomanie“, herrschte in Frankreich während des ganzen Jahrhunderts mit einer uns heute kaum verständlichen Macht. Ueberall im Lande bildeten sich förmliche Dilettantengesellschaften. Ein Haustheater gehörte zu jedem Schloss, zu jedem vornehmen Haus. „Es ist eine unglaubliche Manie“, heisst es in +Bachaumont’s+ Memoiren, „selbst jeder Prokurator will in seinem Landhäuschen eine Gauklerbühne und eine Komödientruppe haben.“ Sogar in die Kreise des Klerus drang die Theaterwut. Durch die +Pompadour+ wurde das Theaterspielen am Hofe Ludwig’s XV. eingeführt. „Die Damen studieren mit den Schauspielern die Stücke ein, die sie an ihrer Privatbühne aufführen. Es war so lustig, bot so viel Stoff zu niedlichen Intriguen und galanten Erlebnissen, den bunten Flitter des Pierrot und der Colombine zu tragen.“ (+Muther+).
Die Theaterstücke hatten, besonders seit dem letzten Jahrzehnt vor der Revolution, einen immer freieren Charakter angenommen. Wir haben schon auf +Lanjon’s+ Klosterstücke hingewiesen. Kurz vor und während der Revolution kam eine wahre Ueberschwemmung von obscönen, gegen das Königtum und die Kirche gerichteten Komödien. Die Zahl dieser sogenannten „Pièces révolutionnaires“ ist sehr gross. Die scheusslichsten sind von +Guigoud Pigale+ („Le triomphe de la raison publique“), +Léonard Bourdon+ („Le tombeau des imposteurs et l’inauguration du temple de la vérité sansculotide, dédiée au Pape“), +Sylvain Maréchal+ („Le jugement dernier des rois“), +Desbarreaux+ („Les potentats foudroyés par la montagne et la raison ou la déportation des rois de l’Europe“). In letzterem Stücke zanken sieh die Fürsten Europas um ein Stück Land. Die Kaiserin Katharina sagt zum Papst: As-tu avalé ton goujon, Saint-Père? Dieser antwortet: Vous avez un avaloir où les grands morceaux passent aisément. Hierauf giebt jene dem König von Preussen eine Ohrfeige, und dieser antwortet durch einen Fusstritt, und so gehen die Gemeinheiten und schmutzigen Reden fort. Der Marquis +de Sade+ hatte ein weiteres Vorbild für seine obscönen Komödien, die er in Bicêtre und in Charenton seine Mitgefangenen spielen liess, in dem berüchtigten „Théâtre gaillard“ (London 1788, 2 Bände), für welches sogar +Grandval+, +Caylus+, +Crébillon+ und +Piron+ Stücke geschrieben hatten[193]. Ja, es blieb nicht bei blossen Worten und unzüchtigen Gesten! Noch im April 1791 existierte nach +Mercier+ im Palais Royal ein öffentliches Theater, wo ein sogenannter Wilder und eine Wilde, ganz im Stand der Natur, vor den Augen eines zahlreichen Publikums beiderlei Geschlechts das Werk der Begattung vollzogen. Der Coitus als Schauspiel! Das war etwas für die zahlreichen „voyeurs“ der Hauptstadt, die auch in +Sade’s+ Romanen vertreten sind. „La vue des plaisirs d’autrui nous en donne“ hatte schon +La Mettrie+ in seiner „L’art de jouir“ (1751, S. 131) gesagt. Der Friedensrichter liess endlich die beiden Akteurs vorfordern und da fand es sich, dass der Wilde ein Kerl aus der Vorstadt St. Antoine und die Wilde eine gemeine Hure war, die sich sehr ansehnliche Summen Geldes von den neugierigen Zuschauern auf diese Art verdient hatten.[194]
Die Schauspielerinnen, Opernsängerinnen, Choristinnen und Tänzerinnen bildeten einen sehr begehrten Bruchteil der Prostitution, wie wir später sehen werden. Aber auch die Foyers der Theater waren die „Bazare, auf denen die Liebhaber ihre Talente ausübten, um Intriguen anzuknüpfen“[195].
12. Die Mode.
Die Laster müssen das Volk beherrschen und unter demselben verbreitet werden. Sonst will es selbst herrschen. Viele Theater, der Luxus, viele Cabarets, Bordelle müssen diesem Zwecke dienen. Es muss eine Straflosigkeit für die Unzucht geben. Dann endlich die +Moden+, die ja in Frankreich so einflussreich sind! Männer und Frauen sollten Kleider tragen, die dass Gesäss besonders freilassen, Feste, ähnlich denen der Flora, sollten gegeben werden, wobei die Mädchen nackt tanzen. -- Das ist die Rolle, welche der Marquis +de Sade+ durch den Minister Saint-Fond (Juliette II, 197) der Mode zuerteilen lässt. Derselbe Saint-Fond empfiehlt der Juliette, sie sollte sich, um den letzten Rest von Scham zu ersticken, halbnackt dem Publikum auf der Promenade zeigen (Juliette III, 125).
Auch hier lässt +de Sade+ die Wirklichkeit sprechen. Der Rat des Saint-Fond wurde wirklich befolgt. „In der Kühnheit des Nackten gab es noch Kühnheiten! An einem Ruhetage des Jahres V spazierten zwei Frauen auf den Champs-Elysées, +vollständig nackt+, nur mit einer dünnen Gaze bekleidet. Eine andere zeigte sich dort mit gänzlich entblössten Brüsten. Bei diesem Gipfel der Schamlosigkeit ertönten laute Rufe. Man führte diese Griechinnen im Kostüm einer Statue unter Hohngelächter und heftigem Schelten zu ihren Wagen zurück.“[196]
Kleidung der Frau und Detail der Kleidung wurden im 18. Jahrhundert von der Wollust erfunden. Die Kleidung wurde den Bedürfnissen einer üppigen Sinnlichkeit angepasst. Die Blasiertheit geriet auf merkwürdige Einfälle. Junge Männer und junge Frauen glaubten die Natur zu verbessern und ihr eine Lection zu erteilen, indem sie ihren Haaren das Weiss des Alters verliehen.[197] Die +Goncourts+ schildern unübertrefflich[198] die unaufhörlichen Wandlungen der Mode im 18. Jahrhundert mit ihren bizarren Einfällen, ihren raffinierten Ent- und Verhüllungen, die gigantischen Frisuren der Frauen, das Schminken, die Schönheitspflästerchen, die Schuhe, Schleifen und Bänder. Die Mode huldigte dem Moment. Nach dem Prozesse des Pater +Girard+ erschienen die Bänder +à la Cadière+, deren Stickereien Szenen aus dieser Affaire darstellten. Laws System hatte Schleifen „du système“ zur Folge. Den „rubans +à la Cadière+“ im Anfange des Jahrhunderts entsprechen am Ende die „rubans +à la Cagliostro+.“
Je mehr man sich dem Zeitalter der Revolution näherte, desto mehr traten die +Nuditäten+ in der Mode hervor. Der +Cult der Gaze+, die Vorliebe für ausschliesslich gazeartige Umhüllungen trat auf. Die Kleidung der „Göttinnen der Vernunft“ wurde immer durchsichtiger. Das Kleid zog sich immer mehr vom Busen zurück, die Arme wurden bis zur Schulter entblösst. Dann folgten Beine und Füsse. Man trug Riemen um die entblössten Fussknöchel und goldene Ringe an den Zehen. In den öffentlichen Gärten ergingen sich nacktbeinige Terpsichoren, die nur mit einem Hemde bekleidet, ihre mit diamantverzierten Ringen geschmückten Oberschenkel sehen liessen.[199] Ein Journalist, welcher der Eröffnung des Pariser Tivoli beiwohnte, erzählt, dass an diesem Tage mehrere Göttinnen in so leichten und durchsichtigen Kostümen erschienen, dass man alles sehen konnte, was man sehen wollte. Die Baronin +de V...+ traf einmal in den Champs-Elysées eine ebensolche „nackte“ Dame am Arme eines vornehmen Herrn.[200] Ein deutscher Berichterstatter schrieb: „Besuchen Sie einmal das Konzert im Theater de la rue Feydeau, und Sie werden von der Menge Juwelen und Gold geblendet werden, womit die Damen bedeckt sind. Betrachten Sie diese brillanten Geschöpfe näher, und Sie werden leicht bemerken, dass sie entweder gar keine oder höchstens nur halbe Hemden tragen. Der ganze Arm, der halbe Nacken, die ganze Brust ist bloss. Verschiedene haben ihren dünnen Florrock noch auf jeder Seite hinaufgeschürzt, so dass sie auch noch die schöne Wade sehen sollen; kurz, die Indecenz der Trachten dieser Impossibles ist unbeschreiblich. Madame Tallien erschien auf dem letzten grossen Balle im Opernhaus und hatte nicht nur den Kopf, die Brust, Arme und Hände mit Juwelen bedeckt, sondern sie hatte sogar die Füsse auf römische Art mit Bändern umwunden und an jeder Zehe einen prächtigen Ring stecken“.[201] Diese Kostüme à la grecque, deren Trägerinnen die „Merveilleuses“ genannt wurden, hatte +Therese Cabarrus+, die Geliebte +Tallien’s+, in Paris eingeführt, nachdem sie schon während der Schreckenszeit in Bordeaux öffentlich sich in einer überfrivolen Kostümierung gezeigt hatte.[202] Den „Merveilleuses“ entsprachen auf der männlichen Seite die „Incroyables“, die sich nach dem Ideale des Hässlichen kleideten. Denn beim Manne galt zur Revolutionszeit nicht die Schönheit, sondern die Kraft, die Stärke der Muskeln für das höchste Gut. Die Don Juans verwandeln sich in Herkulesse, die Wollust wird brutal.[203]
Auch die perversen sexuellen Neigungen fanden im 18. Jahrhundert einen Ausdruck in der Mode. Die weit verbreitete, auch zwischen Frau und Mann geübte Paedicatio erzeugte im 18. Jahrhundert die merkwürdige Mode des sogenannten „Cul de Paris“. „Eben weil dieser wunderliche Teil, der in anderen Hinsichten doch so verrufen und so garstig ist, so sehr die Sinnlichkeit reizt und fesselt, haben die öffentlichen Weiber der Freude die Manier, eben diesen Teil, den die verschämte Sittsamkeit bescheiden in den gehörigen +Hintergrund+ zurückzieht, recht frechlüstig zu präsentieren, und durch Bewegungen im Gange alle seine Formen recht anschaulich zu machen.“[204] Unter +Ludwig+ XVI war bei den Frauen jene das Gesäss stark hervortretenlassende Mode sehr verbreitet, von der +Dulaure+ sagt, dass er die Trägerinnen der „Vénus Hottentotte“ ähnlich gemacht habe[205]. Damals besang +Piron+ in „wilder Lust“ diese Spekulation auf die männliche Sinnlichkeit folgendermassen[206]:
L’aimable C.. de Briséis N’a point de pareil ni de prix! Plus rond qu’une boule d’ivoire -- Le croira qui le voudra croire.
J’en ai presque mes sens ravis Mon cœur de joie en est épris Et j’ai toujours dans ma mémoire. L’aimable C...!
Auch die Männer zeigten in der Blütezeit des Rokoko eine gewisse +Effeminatio+ in ihrer Kleidung. „Sammet und Seide in allen Nüancen, Spitzen als Halsschmuck und als Manschetten, Stickereien in Gold, Silber und Seide, werden selbst von alten Herren getragen. Alle sind so elastisch, schlank, so effeminiert und ewig jung, so anmutig und von Rosenduft umhaucht, als ob es gar keine Männer, sondern erwachsene Amoretten wären“[207].
Andererseits war die immer mehr um sich greifende +Tribadie+ Ursache besonderer Kostümierung. Die Tribaden mit männlichen Neigungen hatten sich unter der Schreckenszeit auffallend vermehrt. Die Virago auf der Strasse war eine allbekannte Erscheinung.[208] Sie hatte ihr eigenes Kostüm. +Mercier+ erzählt: „Ich habe in meinem Laden, wo man oft über die Moden spricht, mir erzählen lassen, dass diejenigen Frauen +Tribaden+ sind, welche die Sitte aufgebracht haben, sich wie ein Mann zu frisieren, Hüte und Männerstiefel zu tragen.“[209]
13. Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert.
In Paris hat der Marquis +de Sade+ seine Studien für die beiden berüchtigten Romane „Justine“ und „Juliette“ gemacht. Hier hat er den grössten Teil des Inhalts derselben erlebt und erdacht. Pariser Ereignisse und Zustände haben fortwährend seine Phantasie befruchtet, und die Vorbilder für die Schilderungen einzelner Verhältnisse in seinen Werken sind leicht zu finden. Dies wird sich in geradezu überraschender Weise aus der Betrachtung der Prostitution und des Geschlechtslebens in Paris ergeben. Von Paris gilt ja heute noch, was +Montesquieu+ im 106ten persischen Briefe sagt, dass es die „sinnlichste Stadt der Welt“ sei, wo man die „raffiniertesten Vergnügungen“ ersinnt. Die Schilderungen der grossen Bordelle bei +Sade+ mit ihren ingeniösen Einrichtungen beziehen sich fast durchweg auf Pariser Bordelle. Die meisten Heldinnen in seinen Romanen sind Pariser Dirnen. Es wird daher angemessen sein, dass wir diese Verhältnisse zunächst ins Auge fassen.
14. Bordelle, geheime pornologische Clubs und Prostituierte.
In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis +de Sade+ das Bordell der Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen- und Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen Hause hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine und charmante Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors bekommen. Das Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle Rendez-vous mit dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel sind prächtig, die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet. Ohne Moral und ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei heimlich unterstützt, als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich mehr erlauben als ihre Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art begehen. Das Bordell versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit seiner Waare. Als Juliette später selbst in Paris ein Freudenhaus einrichtet, sind 6 Kupplerinnen (maquerelles) für dasselbe tätig, die aus Paris und den Provinzen die jungen Mädchen herbeiholen (Juliette VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus der „Société des amis du crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris liegt, aber indiscreten Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen wird. Es enthält herrliche Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien, Boudoirs, „cabinets d’aisance“ und Harems oder +Serails+, wie +de Sade+ sie nennt, in denen die Opfer von beiden Geschlechtern für die Orgien gezüchtet und gepflegt werden. Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt ihren Eltern entrissen worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die vornehme Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von Henkern, Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33 ff.). Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette V, 343 ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand gemeinschaftlich zu Venedig errichten (Juliette VI, 144).
+Alcide Bonneau+ meint, dass der Hirschpark dem Marquis +de Sade+ als Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei Sainte-Marie-des-Bois (Justine II, 40 ff.). Indessen hat der Marquis +de Sade+ doch ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und danach seine Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333) davon, dass „in mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen Zwecken für Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode +Ludwig’s+ XV. 34 Jahre alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt hat, halten wir allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte deutsche Autor, der ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten Ludwig auftreten lässt, versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen Quellen zu haben.
Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis +de Sade+ seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens der +Wirklichkeit+ entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese Wirklichkeit näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg auf authentische Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die geheimen pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten sollen im Folgenden geschildert werden.
a. +Das Freudenhaus der Madame Gourdan.+[211]
Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das Freudenhaus der Madame +Gourdan+ in der Rue des deux Portes, das unter den Regierungen +Ludwig’s+ XV. und +Ludwig’s+ XVI. als Bordell für den Hof und die vornehmen Fremden galt.
Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen aus, welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu befriedigen versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben,
1. +Das Serail.+ Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend sein mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden die Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde alles aufs genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se débiter dans un pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent s’y commettre!“ ruft +Pidanzat de Mairobert+ bei dieser Schilderung aus. Es ist kein Zweifel, dass dies Serail der Gourdan den Namen für die „Serails“ bei +Sade+ hergegeben hat. Ebenso lässt +de Sade+ in seinen Romanen häufig den Preis der Liebe vereinbaren und vor allem die Details der zu veranstaltenden Orgie vorher genau analysieren.
2. +Die+ „+Piscine+“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man zuerst die in der Provinz und in Paris für die +Gourdan+ aufgegriffenen Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden sich verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das berühmte „Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem Madame +Gourdan+ etwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte und das wieder zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass der Marquis +de Sade+ dieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und praktisch anwenden lässt, wie wir später bei der Besprechung der Kosmetica und Aphrodisiaca sehen werden, beweist wohl schlagend seine Arbeit nach berühmten Mustern. -- Weiter fand sich in der „piscine“ die „Essence à l’usage des monstres“, die durch ihren scharfen Geruch Impotente wieder potent machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger Grausamkeit anreizte. -- Das „Spezificum“ des Doktor +Guilbert de Préval+ (von welchem Charlatan später ausführlich die Rede sein wird), war ein wahres Wundermittel. Denn es diente zur Verhütung, Diagnostik und Heilung der Syphilis zugleich! Madame +Gourdan+ injicierte etwas davon den neu ankommenden Mädchen, um zu sehen, ob sie gesund seien. Also ein sexuelles +Tuberkulin+ des 18. Jahrhunderts! Alles ist schon dagewesen.
3. +Das+ „+Cabinet de Toilette+“. Hier empfingen die Schülerinnen dieses Venusseminars ihre zweite Vorbereitung.
4. +Die+ „+Salle de bal+.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer in das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit der +Gourdan+ unter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die Prälaten und Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer Abkunft in das Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider aller Art, sowie „Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der Geistliche in einen Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten, die Damen in Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier „erduldeten die vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen eines groben Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin ausgewählt hatte, um ihr unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“ Andrerseits glaubte der Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und genierte sich wenig in Ausdrücken und Handlungen.
5. Die „+Infirmerie+.“ Das war das Gemach für Impotente, deren erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt wurde. Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige Bilder und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische Kunstwerke, auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven befand sich ein Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände aus Spiegelglas bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen Boudoirs und alle Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte Stechginster-Ruten dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in allen Farben wurden zum Essen angeboten, von denen „man nur eine zu geniessen brauchte, um sich bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“ Sie hiessen „Pastilles à la Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen als Aphrodisiacum gegeben hatte. Man sieht, dass die berüchtigte Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des Marquis +de Sade+ in jener Zeit nicht vereinzelt war. --- Auch für die Frauen war in dieser „Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein waren vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina eingeführt wurden. +Mairobert+ konnte nicht erfahren, ob „die Chemiker diesen Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische Zusammensetzung haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch machten.“ -- Der „Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den Nonnenklöstern erfunden“, um den Mann zu ersetzen. Die +Gourdan+ trieb mit diesen künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem Nachlass „zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption in den Nonnenklöstern nicht übertrieben. -- Grosser schwarzer Ringe, der sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen Irritation der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten Buckeln besetzt, was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war ein ganzes Arsenal von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute „Condome“ heissen und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das Gift der Liebe schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“. Also gebührt die Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen das Vergnügen und dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nicht +Ricord+, sondern +Pidanzat de Mairobert+, der es 70 Jahre früher aussprach![212]
6. Die „+Chambre de la question+“. -- Das war ein Kabinet, in welches man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören konnten, was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“.
7. Der „+Salon des Vulcan+“. -- In ihm befand sich ein Fauteuil von sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort eine Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit gespreizten Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl war eine Erfindung des Herrn +de Fronsac+, Sohnes des Herzogs von +Richelieu+, welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt in diesen Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur zeitweilig, vom Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt fortzusetzen. Der „Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch die Schmerzensrufe, durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf keine Weise von Aussenstehenden gehört werden konnte.“ Dieses Mysterium des Lasters finden wir auch bei +de Sade+ wieder.
Die +Gourdan+ war die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. In +Villiers-le-Bel+ hatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus, wohin sie selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die Schwangeren. Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes Versteck für besonders raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten dasselbe ironisch das „Kloster“.
Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass man sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. Die +Gourdan+ gehörte zu der zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst offiziell von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert wurden. Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht über die körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir werden später einen solchen Bericht mitteilen.[213]
Im Hause der +Gourdan+ wurden die Maitressen für die vornehme Welt herangebildet. So hatte die spätere Gräfin +Du Barry+ ihre glänzende Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle der +Gourdan+ zu verdanken. Aber auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei der +Gourdan+ entdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte.
b. +Justine Paris und das Hôtel du Roule.+
Am 14. November 1773 hielt Madame +Gourdan+ auf ihre verstorbene Kollegin +Justine Paris+ eine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 401 bis 412) abgedruckt ist und so voll +sadischen Geistes+ ist, dass wir einen kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die Idee zu dieser Leichenrede concipierte der Prinz +Conti+, einer der berüchtigsten Lebemänner des ancien régime. +Ausgeführt+ wurde sie von der +Gourdan+, welche die Rede bei einer Orgie in +Conti’s+ Hause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-puissante Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè, Paphos, Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame Gourdan, sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte das charakteristische Motto:
La vérole, o mon Dieu, M’a criblé jusq’aux os.
Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man in den Romanen des +Marquis de Sade+ fast auf jeder Seite findet, schleunigst in die Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer Eltern hin. Darauf tritt sie in ein Pariser Bordell ein, wo sie schnell grosse Fortschritte im Dienste der Venus macht, und durch ein Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald berühmt wurde. Reisen nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie phlegmatisch mit dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig (emportée) mit dem Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nach +Italien+ und ist in Rom die „Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie durchreist ganz Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt. Leider macht sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend, die sie aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin eines Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital.
Sollte dem Marquis +de Sade+ diese Leichenrede ganz unbekannt geblieben sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in Madame +Paris+ und ihrer Reise durch Italien ein Vorbild der Juliette zu finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als Königin der Welt und als Idealhure gefeiert wird.
+Casanova+, dieser geniale Schilderer, dessen historische Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift von +Barthold+[214] überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren von einem Besuche im Bordell der +Paris+ im Jahre 1750, dem sogenannten Hôtel du Roule, und führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und Treiben in einem Pariser Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor Augen, das als Ergänzung der mehr systematischen Beschreibung des Hauses +Gourdan+ hier Platz finden möge.[215] „Das Hôtel du Roule war in Paris berühmt, mir aber noch unbekannt. Die Besitzerin hatte +es elegant möbliert+ und hielt zwölf bis vierzehn +ausgezeichnete Nymphen+. Man fand bei ihr alle wünschenswerten Bequemlichkeiten; guten Tisch, gute Betten, Reinlichkeit, +Einsamkeit in herrlichen Gebüschen+; ihr Koch war vortrefflich, ihre +Weine+ ausgezeichnet.
„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der aber Alle befriedigte.
„+Durch die Polizei geschützt+, war sie weit genug von Paris entfernt, um überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die über der Mittelklasse standen.
„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle Vergnügungen hatten einen gewissen Tarif.
„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf für ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.
Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese Schilderung +Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“+ übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris „einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“, ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die Polizei geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns, dass bei der genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch bei anderen Pariser Freudenhäusern nirgends ein +Koch+ erwähnt wird, dass die Reihenfolge der übrigen Epitheta bei +Casanova+ und +de Sade+ genau dieselbe ist, endlich dass +Casanova+, der im Juni 1798 starb, nachdem seine nur bis 1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte vollendet waren, die im Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht mehr für diese verwertet hat und auch früher den Marquis +de Sade+ nicht gekannt hat, dass ferner seine Memoiren erst im Jahre 1822 in der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich daraus der sichere Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb kulturhistorisch so wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch getreues Bild der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten wird, mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis +de Sade+ hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der +Justine Paris+ geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von uns gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus ergiebt sich, dass die Werke des Marquis +de Sade ebenso ein Objekt der Kulturgeschichte wie der Medizin sind+. Dieser merkwürdige Mensch hat uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten ihn +verstehen+, um ihn +erklären+ zu können, und wir überzeugten uns bald, dass auch der +Arzt+ hier die wichtigste Belehrung nur aus der +Kulturgeschichte+ empfangen kann. Das +Individuum de Sade+ wird erleuchtet durch den +geschichtlichen+ Menschen.
Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung +Casanova’s+ zurück. „Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher: ‚Nach Chaillot‘.
„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.
„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus einer Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns anständig, öffnete und wir fuhren hinein.
„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.
„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, in welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.
„Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und machten uns eine sehr anmutige Verbeugung.
„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar.
„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden.
„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl.
„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können, und wir gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner rufen würde.
„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er den Freuden der Liebe dienen konnte.
Madame +Paris+ sagte:
„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und halten Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der Ruhe und der Gesundheit.“
„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen.
„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um uns zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei.
„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“.
Schliesslich lassen sich +Casanova+ und sein Freund dazu bewegen, die Nacht in dem Bordell zu verleben.
Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18. Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert die mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet:
Au milieu de Paris, dans un obscur séjour, Est un temple charmant consacré par l’Amour; C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse Va porter son encens an dieu de la tendresse.
Das zweite Gedicht heisst „Les Reclusières de Vénus“ (Allégorie, A la nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten). Ich citire eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass die +Paris+ ihren Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu geben pflegte, ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch geschieht:
Des noms mignards, respirant la luxure, Feront an cœur la première blessure; Margot sera la charmant Aglaé, Fanchon Victoire, et Pernette Daphné, Dodon Fatime, et Charlotte Emilie, Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.
c. +Das Bordell der Richard.+[216]
Dieses Freudenhaus wurde hauptsächlich von +Geistlichen+ besucht. Madame +Richard+ hatte ihre Thätigkeit damit begonnen, systematisch junge Beichtväter zu verführen. Diese Spezialität der Erotomanie gab ihr den Gedanken ein, ein Bordell für Geistliche zu eröffnen. Dasselbe florierte glänzend. Madame +Richard+ wurde die Lieferantin von jungen Mädchen für ein „Missionshaus, für Prälaten und andere Geistliche.“ Eine erotische Szene aus diesem Freudenhause haben wir bereits erzählt.
d. +Ein Negerbordell.+
Ein Lüstling in Venedig bringt stets in das Bordell der Juliette zwei Negerinnen mit, weil der Kontrast zwischen weissen und schwarzen Menschen ihm besondere Befriedigung verschafft (Juliette VI, 152). Neger und Negerinnen spielen auch bei dem anthropophagischen Diner in Venedig eine Rolle (Juliette VI, 204). In dem Schlosse des Cardoville bei Grenoble, wohin Justine als ein Opfer der Lüste dieses Wüstlings geführt wird, sind zwei Neger als Helfershelfer bei diesen Orgien thätig. (Justine IV, 331.) -- Im dritten Bande von „Aline et Valcourt“ findet sich auf Seite 200 ein obscönes Bild, drei nackte Weiber darstellend und einen Mann, der die Genitalien des einen Weibes berührt, während von vier dabei stehenden Negern zwei mit wildem Ausdruck Keulen schwingen.
+Die Neger sind auch keine Erfindung Sade+’s! Es existierte schon vor 1790 in Paris ein +Negerbordell+! Dies befand sich im Hause einer Mlle. +Isabeau+, früher rue neuve de Montmorency, später rue Xaintonge, welches letztere Haus einem gewissen +Marchand+ gehörte. In diesem Bordell waren Negerinnen, Mestizen und Mulattinnen vorrätig. Es gab keine festen Preise, sondern die Insassinnen wurden „verkauft wie man die Sklavinnen einer Karawane verkauft.“[217]
+Fraxi+ meint[218], dass der Geschmack für schwarze Frauen vielleicht den Franzosen eigentümlich sei. Jedenfalls findet man noch heute in mehreren Bordellen von Paris und in den Provinzen ständig Exemplare dieser schwarzen Schönheiten. Auch +Hagen+ macht in seiner „Sexuellen Osphresiologie“ (S. 179-181) ausführliche Mitteilungen über diese Vorliebe der Franzosen für Negerinnen, die er vielleicht mit Recht auf Geruchsreize zurückführt.
e. +Die „petites maisons“.+
Indem wir bezüglich der anderen grossen Pariser Bordelle des 18. Jahrhunderts auf das berühmte Werk von +Rétif de la Bretonne+ verweisen[219], sowie auf die Schrift „Les bordels de Paris“ (1790), erwähnen wir nur noch das Freudenhaus im Faubourg Saint-Antoine, wo nach +Rétif’s+ Erzählung der Herzog von +Orléans+, der Graf von +Artois+ sich den wildesten Ausschweifungen und Grausamkeiten hingaben, wo man „Bestialitäten“ beging, die später der Marquis +de Sade+ in seinem „exécrable roman“: Justine ou les Malheurs de la vertu beschrieben habe.[220]
Offenbar genügte diese grosse Zahl von Bordellen noch nicht dem Unsittlichkeitsbedürfnisse des ancien régime. Man musste die Wollust bei sich selbst einquartieren. So schufen sich die vornehmen Herren und reichen Wüstlinge jener Zeit in den sogenannten „petites maisons“ gewissermassen ihre eignen Privatbordelle, Freudenhäuser en miniature. Jeder hat sein „kleines Haus“ mit mehreren Maitressen. Das gehörte zum vornehmen Ton bei Jung und Alt. +Casanova+ lernte in Paris den +80jährigen+ Chevalier d’+Arzigny+ kennen, den „Aeltesten der petits maîtres“, der sich rot schminkte, geblümte Kleider trug, die Perrücke pomadisierte, die Augenbrauen braun malte und ebenfalls parfümierte und ein Gebiss von Elfenbein trug. Selbst dieser alte Lebemann war „seiner Geliebten zärtlich zugetan, die ihm sein +kleines Haus+ führte, in welchem er stets in Gesellschaft ihrer Freundinnen zu Abend ass, die sämtlich jung, sämtlich liebenswürdig waren und jede Gesellschaft für die seinige aufgaben“.[221]
Auch der Marquis +de Sade+ besass im Jahre 1772 auf der butte Saint-Roch sein „petite maison“.[222]
f. +Die geheimen pornologischen Klubs.+
Das, was der Marquis +de Sade+ in der „Société des amis du crime“ geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit. Es gab in Paris +geheime+ Klubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke des praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“ hatten mit den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen.
Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub. Gegründet wurde er vom Herrn von +Chambonas+.[223] Diese geheime Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen an den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“; „Viceadmiral“ waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und „Ritterinnen“, die einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue und Verschwiegenheit geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel des Glückes führen liessen.[224] In ihren „mehr als galanten Versammlungen“ wurden die obscönsten Reden geführt.[225] Ein sehr eifriges Mitglied dieses obscönen Klubs war +Moët+, der Verfasser des „Code de Cythère“ (Paris 1746) und Uebersetzer der englischen Schrift „Lucina sine Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II von +Dühren+ „Das Geschlechtsleben in England“). Er verfasste für seinen Klub das merkwürdige Buch „L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de l’Ordre de la Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis (Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das „Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich einige Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse femme; „frégate“ = femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite; „goudron“ = fard; „hisser une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le corps; „mer“ = amour, intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des Klubs verkündigen folgende Verse:
L’isle de la Félicité N’est pas une chimère; C’est où règne la volupté Et de l’amour la mère; Frères, courons, parcourons Tous les flots de Cythère Et nous la trouverons.[226]
Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch einen heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr Geheimnis zu hüten suchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227]
Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten, der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms de plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses Manuscript gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in dem sich diese „sociétés de cynisme“, wie die +Goncourts+ sie nennen, wälzten.[228]
Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen.
Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“ +de Sade’s+ Schilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm bekannten Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene Druckerei mit zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden sich zahlreiche „cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben bedient werden, die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser appetitlichen Orte hingeben müssen. Daselbst findet man „seringues, bidets, lieux à l’anglaise, linges très fins, odeurs“. Aber man kann auch linguam puellarum sive puerorum nachher zur Reinigung benutzen.
In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer, Frauen und -- Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust gehalten. Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den Hauptversammlungssaal erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten Cruzifix, an dessen Ende die Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird Juliette befragt, ob sie die Arten der Unzucht und die Verbrechen, die man ihr nacheinander aufzählt, begehen würde. Nachdem sie bejaht hat, empfängt sie die „Instruktionen für die in die Gesellschaft der Freude aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen Club stattfindenden Orgien werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt werden.[229]
g. +Die Freudenmädchen.+
Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen, dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen Wollust das Jahrhundert der +Dirne+ ist. Die Dirne wird vergöttert, idealisiert. Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr Wollust, je raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der Liebe, Madame de St.-Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie zum ersten Male höre. Diese erwidert (S. 52-53): „So nennt man diese öffentlichen Opfer männlicher Ausschweifungen, welche stets bereit sind, sich ihrem Temperament oder ihrem Interesse zu ergeben. Es sind glückliche und ehrenwerte Geschöpfe, die aber von der allgemeinen Meinung entehrt werden, während die Wonne sie krönt. Sie sind der Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen, weil sie den Mut besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft liebenswürdigen Weiber, die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die ich seit 12 Jahren diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich fern davon, mich dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es freut mich sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese Benennung höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“. Das ist das, was die +Goncourts+ „den Verlust seines guten Rufes geniessen“ nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts erklären.
+Rétif de la Bretonne+ erhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem „Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht zur Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid doch noch nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr gewährt, durch die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten Männer in den Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen unsittlicheren Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre Gesundheit einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt daran, dass Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre Priesterinnen der Wollust. +Achtet Euch+!“[230]
Diese Verherrlichung der Dirne nahm oft sonderbare Formen an. So sprach ein Chevalier +de Forges+ bei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben dort finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im Genusse, in den Armen einer Prostituierten.[231]
Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert spiegelt sich am einleuchtendsten in dem Verhalten der +Polizei+ ihnen gegenüber wieder. Wir sahen, dass +de Sade+ das Bordell der Duvergier ausdrücklich durch die Polizei geschützt sein lässt. So war es in der That zur Zeit der Entstehung der „Juliette“, während der Schreckensherrschaft und unter dem Direktorium. Doch unter der Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen bestraft, einzelne sogar nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon Lescaut“ erinnert, jene berühmte Erzählung des Abbé +Prévost+, mit welcher übrigens die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des 18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl wurden ab und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste der bekannte Polizei-Inspektor +Marais+ dem Könige +Ludwig+ XV. über die Dirnen von Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine ernsthafte Aufsicht fehlte. +Parent-Duchatelet+ hat die Archive der Pariser Polizeipräfektur vom Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und aus dieser entnommen[233]: „Dass die Duldung der Polizei in Betreff der öffentlichen Dirnen und Häuser unbegrenzt war, dass sie nur in sehr argen Fällen einschritt und unsern jetzigen Duldungsscheinen entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie Haussuchungen anstellte, ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn Klagen angebracht wurden.
„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen und Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich von verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten.
„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch keine Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der Polizeikommissare und ihrer Diener abhing.
„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des verflossenen Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren minder roh und eilig war“.
Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene Zustände, wie sie +de Sade+ in seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit. Nach +Parent-Duchatelet+[234] wurden von 1791 an alle alten Einrichtungen abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr besonderer Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22. Juli dieses Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel der Zuchtpolizei in sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von öffentlichen Eingriffen in die Sitten, davon; allein offenbar wollte der Gesetzgeber jener Zeit nur die Geschöpfe erreichen, welche junge Leute des einen und des andern Geschlechts verführen, um sie einem Richter zu überliefern. Von dem Treiben der Lustdirnen sagt er nichts, und es scheint, dass er dies für ein Gewerbe ansah, welches jede zu üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift deshalb ein Eingriff gegen die persönliche Freiheit sei.
So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen gleich gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit frei gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie zu keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten.
Eine zügellose Frechheit, ein +beispielloses+ Aergernis war die Folge. Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer Zeit und bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon jetzt daran, dass der Marquis +de Sade+ diese ganze Zeit, von 1790 bis 1801, mit der kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller Freiheit in Paris zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des Dirnentums und der widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist.
Jetzt wurde die +Dirne+ zur „Göttin der Vernunft“, die +alle+ anbeten müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“. Es schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die Hauptfigur war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter unbeständig, und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis ablegt: „+Die Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu Teil werden+!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich auf allen Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité und den Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen, in den grossen Restaurationen erblickte man die scheusslichste Unzucht. Paris wurde die „Kloake der ganzen Republik“, die allen Schmutz der Provinzen an sich zog, das Genussleben nahm einen immer unerträglicheren Charakter an und steigerte sich bis zur äussersten Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796 der Boulevard des Temple das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar, geübt von Militärs. In Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen Weibern trugen sie ein wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit diesen Weibern waren zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier einer empörenden Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung, die selbst die Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal und die Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich völlig ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“ Unzucht dar.[236]
Hier wurde das Ideal, das der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen aufstellt, verwirklicht: +Die Massensuggestion der Wollust+! Zu dem unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben, um auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten Begierden hinabzuziehen. Diese +Infection+ der Moral durch das Gift der Wollust hat +Rétif de la Bretonne+ sehr schön wiedergegeben in seiner Schilderung des Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]: „Die Mädchen gehen aus und spazieren; einige machen sich durch ihre elegante Kleidung, noch öfter aber durch die unanständige Blosstellung ihrer verführerischen Reize bemerklich. Junge unverständige Menschen erlauben sich, ganz öffentlich sogar, strafbare Freiheiten -- und unsere Kinder, die Zeugen der Abscheulichkeiten sind, schlürfen das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit dem Alter, und der gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die Tochter eines Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter stehend, wo die angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen lässt, sieht ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf dem Fusse nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige Mädchen fühlt ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch schwach, aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht die Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die oft noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe Genüsse zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet sind. Um dieser Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden sein, die jede Probe besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche Unanständigkeit! Unter dem Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges -- Kinder haben es vor Augen -- und man wundert sich noch über die Verderbnis der Sitten vom zartesten Alter an.“ Und als Illustration zu diesen Worten berichtet A. +Schmidt nach Polizeiberichten+ -- wir betonen das, weil das Factum sonst kaum glaublich erscheint -- dass im Oktober 1793 alltäglich der Revolutionsgarten und namentlich die Gallerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen +im Alter von 7 bis 14 und 15 Jahren+ angefüllt waren, die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Und dabei waren dieselben „fast nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein Zufall, dass diese Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793 zeigten, nach jenen grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in Strömen floss. Es ist kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der Zeit der Terroristen erreicht wurde. +de Sade+, der im Dezember dieses Jahres wieder gefangen gesetzt wurde, hatte während dieser Zeit mit Wollust im Blute gewatet, und die entsetzlichen Ideen seiner Werke eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar die geheimen pornologischen Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im Opernhause „+nackte Bälle+“, bei denen nur das Gesicht maskiert war, feierten[239], wo die Zahl der +täglichen+ Dirnenbälle auf +mehrere Hundert+ stieg[240], auf denen die „Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.
Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000. Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].
Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des ancien régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte. Schauspielerinnen, Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier besonders in Betracht.
+Mercier+ erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen ganz besonderen Reiz ausüben[242]. +La Mettrie+ ruft emphatisch aus: „Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten Tänzerin +Camargo+ und der +Jalé+[243]. d’+Alembert+ meinte derb-cynisch, dass das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen und Sängerinnen „eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung sei“.[244]
Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von +Casanova+ erzählte Erlebnisse. Sein Freund +Patu+ führte ihn zu einer berühmten Sängerin der Oper, der Mademoiselle +Le Fel+, beliebt in ganz Paris und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei allerliebste kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten. -- „Ich bete sie an,“ sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre Schönheit“, erwiderte ich (Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen Gesichtsausdruck hat.“ -- „Das glaube ich gern! Der älteste ist der Sohn des Herzogs von +Anneci+, der zweite der des Grafen von +Egmont+ und der jüngste verdankt sein Leben +Maisonrouge+, der eben die +Romainville+ geheiratet hat.“ -- „Ach, entschuldigen Sie, ich glaubte Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ -- „Darin haben Sie sich auch nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie dies sagte, sah sie +Patu+ an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes Gelächter aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende Angriffe auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.
„Mademoiselle +Le Fel+ war gleichwohl nicht frech und +gehörte sogar der guten Gesellschaft an+, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde ich gewusst haben, +dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren+. Die grossen Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten, liessen ihre Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben starke Pensionen zahlten. +Folglich lebten diese Damen um so mehr im Wohlstande, je fruchtbarer sie waren.+“[245]
Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah +Casanova+ bei +Lani+, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte sich über Kopfschmerz. Während +Casanova+ ihr sein Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes, „ich glaube ich bin in anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten Antwort eines jungen Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für eine Jungfrau gehalten hatte, sagte +Casanova+: „Ich glaubte nicht, dass Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die Wette.[246]
Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage, sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“. Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen „verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu nennen waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten. Denn es verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede Tugend verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]
Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die +berühmtesten Dirnen+ von Paris erfahren wir, dass dieselben fast durchweg der Theaterwelt angehören.[248]
Die Opernsängerin +La Guerre+ war jene Dame, für welche der Herzog von +Bouillon+ in drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte.
Die Dirne +La Prairie+ gehörte zu denjenigen Weibern, welche sich dem Marschall Prinzen von +Soubise+ in dessen „petite maison“ nackt zeigen mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé Terrai!“ Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue Notre-Dame ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige Angebetete hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der Enthüllung den schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est le costume“, bemerkte der +Abbé+ kaltblütig, indem er ihr durch diese Worte anzeigte, dass er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben wünschte.
Die berühmte Mademoiselle +Du Thé+ war anfänglich als „Rosalie“ Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen Herzog von +Chartres+ in die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie von diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte dort mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle eröffnete, die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt gestattete. Diese Messalina war überaus geldgierig und eigennützig. Später wurde sie die Geliebte des Grafen von +Artois+. Ein junger in sie verliebter Musketier, der keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes malitiöse Gedicht:
Du Thé tu cherches à plaire A qui peut t’enrichir; Moi qui suis mousquetaire Je n’ai rien à t’offrir. Mais je sais faire usage D’un moment de loisir, Un homme de mon âge Ne paie qu’en plaisir.[249]
Die +Du Thé+ schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des Polizeiinspektors +Marais+ vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern hatte die +Du Thé+ keinen +Sou+! sie musste sich einen Thaler und 6 Livres leihen, um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]
Die Schauspielerin +Dubois+ von der Comédie française hatte einen Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits 16527 zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro Tag, da sie mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die gleiche Gier nach dem Gelde und nach dem Vergnügen.“
Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis +de Sade+ beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94) die Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10- bis 12000 Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der Wirklichkeit.
Die +La Chanterie+, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater nicht ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam und den Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà la Vierge qui m’a donné la chaude-p...!“[251]
Neben den Theaterdamen erfreuten sich die +Modistinnen+ und +Verkäuferinnen+ einer grossen Beliebtheit. Die „+jeunes ouvrières+“ kommen denn auch bei +de Sade+ mehr als einmal vor. +Rétif de la Bretonne+ hat diese Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe in seinen Werken geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen Briefwechsel mit den Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in der rue de Grenelle-Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine Madame +Devilliers+, die für die Gräfin +du Barry+ arbeitete. Letztere war selbst früher Modistin gewesen, bevor sie in das Bordell der +Gourdan+ eintrat. Das Leben und Treiben dieser Modistinnen schildert +Rétif+ besonders in „Le Quadragénaire“ (Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach +Parent-Duchatelet+[253] traten Lustdirnen während der Revolutionszeit mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man rechnete mehr als 20 dergleichen im Palais-Royal und unter ihnen acht, die sich in den alten hölzernen Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen Gefässe, die mit Pulver von verschiedener Farbe gefüllt und in ganz eigentümlicher Art aufgestellt waren, so dass sie Jedermann kannte. Bisweilen bekränzte man sie noch mit Blumen. Jetzt denke man sich, was in diesen Orten geschah, welche aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder- und einem Hinterladen, die beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte aber nur einige Stühle und -- eine spanische Wand hatten. Die Berichte jener Zeit schildern auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die täglichen Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien veranlasst wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger Mensch mehr besuchen.
Dass in den +Restaurationen+, +Cafés+, +Kneipen u. s. w.+ die Prostitution kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. +Casanova+ pflegte, wenn er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen, um dort eine Schöne zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen Polizeiverordnung vom 8. Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte, Limonadenverkäufer u. s. w., welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten, 100 Francs Strafe verhängte, wurde niemals angewendet. Ausserdem galt er nur für die, welche an solche Mädchen vermieteten, nicht aber für jene, welche den bei ihnen Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei man annahm, dass sie letztere gar nicht kannten.[254]
Auch das +Zuhältertum+ war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt. Der Marquis +de Sade+ zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den +Dorval+ (Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit seiner Dirnen zum Besitz von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789 spricht +Peuchet+ in seiner Encyclopädie von den Zuhältern und +Rétif de la Bretonne+ ebenso in seinem 1770 zum ersten Male erschienenen „Pornographe“. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde dem Pariser Polizeileutnant eine Denkschrift übergeben, deren Verfasser sich darüber so äusserte: „Die Mädchen können nicht ohne Beschützer bestehen. -- Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den ärgsten Bösewicht, um anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und gegen sie im Guten wie im Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein Mädchen ihre Wahl getroffen, so vermag sie nicht mehr, sich von ihm loszumachen; sie muss ihn in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und Ausschweifungen mit anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter diesen Menschen einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal haben), und kann sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So muss sie, um ihn loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber gerade darum noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]
Zahlreich waren endlich die +Unterhändlerinnen+, +Kupplerinnen+, +Begleiterinnen u. s. w.+, dieses notwendige Correlat der Prostitution, das natürlich bei +Sade+ in allen Gattungen vertreten ist. Auf den letzten Seiten des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser „mamans publiques“ von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen hatten mannigfaltige Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr ihr Gewerbe treiben konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es wenigstens bei anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]
Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen „maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“, „mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit 1796 auf.[257]
In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des +Knaben+- und +Mädchenhandels+ im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen, musste schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel ins Werk gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und für Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258] Im 16. Bande der „Nuits de Paris“ giebt +Rétif de la Bretonne+ ausführliche Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“ sind. Man sah 1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder beiderlei Geschlechts, im „zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von Kupplerinnen geführt, die die Kindheit profanierten und frühzeitig zu Grunde richteten. Bisweilen starben die unglücklichen Opfer nach den Schändlichkeiten, die man mit ihnen vornahm. „Man bezahlt das Kind,“ sagt +Rétif+, „wie man ein Tier bezahlt. Der Preis wird vorher zwischen Eltern und Kupplerin vereinbart, welche dabei immer den Vorteil hat.“ Rétif berichtet, dass dieser Handel schon unter dem ancien régime existierte und -- horribile dictu -- eine +Haupteinnahmequelle des Inspektors der Prostituierten bildete+, der davon vielleicht dem Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher niemals unterdrückt. Der Censor +Mairobert+ kannte alle Details und machte +Rétif+ damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes enthüllte.[259]
+Rétif de la Bretonne+ hat sich vielfach mit der +Organisation+ der Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769, 1770, 1786), einem Buche, in dem man nach +Parent-Duchatelet+ „Fragen von Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt findet.“ Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers +Lewis Moore+, des Advokaten +Linguet+ und des königlichen Censors +Pidanzat de Mairobert+.[260] +Rétif+ schlug darin der Polizei vor, in grossen Städten mehr oder weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche +alle+ (!) öffentlichen Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu den Häusern an und entwarf ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem sich die seltsamsten Dinge finden, die man sich nur vorstellen kann. So teilt er die Mädchen in verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer Schönheit und Reize; er setzt die Preise fest und organisiert ein Personal für den inneren wie für den äusseren Dienst des Hauses; ebenso nimmt er im Voraus auf die Verheirateten, auf die Mädchen, welche schwanger werden, auf ihre Kinder dem Alter und Geschlecht nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem Schicksale der Kranken, Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder Pfarrer vergisst er nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf Wäsche, Nahrung, wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde wegen dieser Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit gab ein vielleicht von +Rétif+’s Schrift begeisterter Anonymus in einer Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich auf Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine +Superiorin+ haben sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu erleichtern, auf +fünfhundert+ (!) beschränkt.[261]
+Rétif+’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. +Robert+ nahm in einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la population“ (Paris, an X, 2 Bände) den Plan +Rétif+’s wieder auf und schlug für diese Art von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der Marquis +de Sade+, der vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt, versuchte gleichfalls dieses Thema in seiner Weise zu bearbeiten. Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.) besitzt unter anderen auf +Sade+ sich beziehenden Autographen und Dokumenten auch den von dem Marquis entworfenen Plan eines Lupanars, in dem die Einrichtung des Hauses, das Vestibül, die Frauengemächer, die „Folterkammern“ -- jede derselben dient einer besonderen Art von Folterung -- genau beschrieben werden. Er vergisst sogar nicht den Kirchhof, auf dem die Opfer begraben werden, welche bei diesen Orgien getötet werden. Geheime Thüren erleichtern den unbemerkten Eintritt oder Austritt. Zum Schlusse wird das „Menu eines aufregenden Diners“ beschrieben.[262]
15. Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale.
Das Palais-Royal ist eine Stadt in der Stadt. Es ist die +Dirnenstadt+ von Paris und zugleich das Centrum des Pariser Lebens im 18. Jahrhundert, ein gesondert zu betrachtendes kulturgeschichtliches Objekt, das „mit seinen Spielhäusern, seinen royalistischen und jacobinischen Verschwörern, seinen Dirnen und Banditen, seiner vornehmen und doch verkommenen Kundschaft, seinem Luxus und seinem Elend eine kleine, aber keineswegs schöne Welt für sich darstellte.“[263]
Das Palais-Royal, nicht weit vom Louvre, wurde in den Jahren 1629 bis 1634 von +Lemercier+ an der Stelle der ehemaligen Hôtels +de Mercœur+ und +de Rambouillet+ für den Kardinal +de Richelieu+ erbaut und später eine Zeit lang von +Ludwig+ XIV. bewohnt, der es umbauen liess und es seinem Enkel, dem Herzog von +Chartres+ schenkte, wodurch es an die Familie Orléans kam. Der Regent +Philipp+ von +Orléans+ inaugurierte das Palais-Royal als Hauptstätte des Vergnügens und der Ausschweifungen für die vornehme Welt. Sein Urenkel, Herzog +Louis Philipp Joseph+ von +Orléans+, der berüchtigte +Philippe-Egalité+ liess in den Jahren 1781 bis 1786 den Palast gänzlich umbauen, so dass er seine heutige Gestalt annahm und sich zu einem grossen Complexe von Palast, Garten, Arkaden, Kaufhallen, Theatern, Cafés, Spiel- und Speisehäusern und zahlreichen Vergnügungsorten gestaltete. Die Hauptgalerien des Palais-Royal waren im Osten die „Galerie de Valois“, im Westen die „Galerie de Montpensier“, an deren nördlichem Ende das seit 1784 bestehende Théâtre du Palais-Royal lag, im Norden die „Galerie de Beaujolais“. 186 Arkaden umgaben den prächtigen +Garten+ des Palais-Royal, der in Form eines Parallelogrammes sich ausdehnte. In seiner unmittelbaren Nähe wurde das Theater der „Comédie française“ erbaut.[264]
In Palais-Royal entwickelte sich nun vor und während der Revolution jenes überaus lebhafte und bunte Treiben, das so viele vortreffliche Schilderer aus allen Ländern gefunden hat. Wie es hier im Jahre 1750, also vor dem Umbau aussah, erzählt +Casanova+[265]: „Neugierig auf diesen so vielgerühmten Ort, beobachtete ich Alles. Ich sah einen ziemlich hübschen Garten, Alleen grosser Bäume, Bassins, hohe Häuser, welche ihn umgaben, viele Männer und Frauen, die spazieren gingen, hier und dort Bänke, auf denen man Broschüren, Parfums, Zahnstocher und Kleinigkeiten verkaufte. Ich sah ganze Haufen von Strohstühlen, die man für einen Sou vermietete, Zeitungsleser die sich im Schatten hielten, Mädchen und Männer, die allein oder in Gesellschaft frühstückten, Kellner, welche schnell die unter Laubwerk verborgenen Treppen hinauf und hinabeilten.“ Ein Abbé nannte +Casanova+ die Namen aller Dirnen, die dort herumspazierten.
Aus dem Beginne der Revolution besitzen wir eine höchst interessante und wahrheitsgetreue Schilderung des Palais-Royal, dieser „capitale de Paris“, wie er es nennt, von dem oldenburgischen Justizrat +Gerhard Anton von Halem+, dem Freunde der Grafen +Stolberg+ und Verfasser der Geschichte des Herzogtums Oldenburg. Er war im Jahre 1790 in Paris. Schon beim Einzug lernte er das Hauptmerkmal dieser Stadt kennen.[266] Als die Reisenden hineinfuhren, wanden sich Haufen von Buben in Ringelreihen und sangen ein Chanson mit dem Refrain:
Viva l’amour Viva l’amour!
Dann heisst es in dem dreissigsten Reisebriefe: „Die Inschrift von Epikurs Gärten:
„Fremdling! hier wird dir wohl sein! Das grösste Gut ist hier Wollust,“
würde ganz für das Palais-Royal passen. Das Detail von seinen Herrlichkeiten, sowie von denen der Boulevards und des Pont-neuf, las man schon vor meiner Abreise in mehreren deutschen Journalen; und wenn ich Sie also geradezu in die allée des Soupirs führe, so kommen Sie an keinen unbekannten Ort. Hier muss ich Sie aber Ihrem Schicksal überlassen. Sehen Sie zu, wie Sie sich durch Scylla und Charybdis, die Braune und die Blonde, ohne zu scheitern durchschiffen. Verbinden Sie Ihre Augen, um nicht die vorüberrauschenden Schönen, deren Reize der Abend hebt, nicht ihre schmachtenden Blicke, nicht die Blumensträusse, die sie so freundlich darbieten, zu sehen; verstopfen Sie, wie Ulyss, Ihre Ohren, um weder jenes sanfte Gelispel, jene Tassoischen sorrisi, parolette e dolci stille di pianto o sospiri, jene lockenden „Viquets“ (wie geht’s) und „good night, my dear Sir!“ noch den Sirenengesang zu vernehmen:
„Aimons au moment du réveil, Aimons au lever de l’Aurore, Aimons au coucher du soleil, Durant la nuit aimons encore.“
Trotz der etwas idealisierenden Erzählung Halem’s erkennt man, dass das Palais-Royal nichts weiter war als der Hauptversammlungsort der Freudenmädchen. +Halem+’s Schilderung ist deswegen von Interesse, weil ihr die Ehre widerfahren ist, von +Arthur Chuquet+, dem treuen Teutophilen, Freunde unserer Literatur und alter deutscher Bücher, ins Französische übersetzt zu werden[267]. +Halem+, der Mitglied des Jakobinerklubs wurde, berichtet auch haarsträubende Dinge über die sittliche Korruption in dem Hause, wo er Wohnung genommen hatte.
Wenn im Jahre 1772 der Marquis +de Carraccioli+ noch bemerkt, dass das Palais-Royal die Promenade der Elegants sei, der Luxembourg die der Träumer, die Tuilerien, die „von aller Welt“, vor und nach der Oper, besonders des Abends, so konzentrierte sich nach dem Brande der Oper (1781) und nach der Umgestaltung des Palais-Royal durch den Bau von Galerien und Arkaden das gesamte Nachtleben von Paris an diesem Orte.[268] Hier spielten sich dann, besonders mit beginnender Dunkelheit, während der Revolution und des Direktoriums alle jene scheusslichen Szenen ab, deren wir zum Teil schon oben gedacht haben. Das Palais-Royal wurde eine „Höhle der Schurken und Dirnen“[269], die „Kloake von Paris“, wie es +Mercier+ in „Le nouveau Paris“ und +Rétif de la Bretonne+ in seinem grossen Werke über das Palais-Royal geschildert haben. +Rétif+ hat das Leben im Palais-Royal untersucht wie „der Anatom den Leichnam“. Im „Monsieur Nicolas“ schreibt er 1796: „Man weiss, dass das neue Palais-Royal das allgemeine Rendez-vous der Leidenschaften, Unternehmungen, der Wollust, Prostitution, des Spiels, der Agiotage, des Geldverkehrs, der Assignaten, und daher das Zentrum für alle Beobachtungen geworden ist. Dieser berühmte Bazar zog mich nicht blos durch seine Sehenswürdigkeiten an, sondern auch durch die Vergnügungen, welche ich dort fand.“[270]
+Mercier+ wünscht lebhaft, dass doch +Lavater+, der berühmte Physiognomiker, an einem Freitag Abend im Palais-Royal anwesend sein möge, um dort auf den Gesichtern alles zu lesen, was der Mensch sonst im innersten Herzen zu verbergen pflegt. Dort seien die Dirnen, die Courtisanen, die Herzoginnen und die ehrbaren Bürgerfrauen und +Niemand täusche sich dort+. Aber vielleicht würde dieser grosse Doktor mit all seiner Wissenschaft sich täuschen. Denn hier handelt es sich um Unterscheidung sehr feiner Nüancen, die man an Ort und Stelle studieren müsse. „Ich behaupte nun, dass Herr +Lavater+ sehr grosse Mühe haben würde, eine Frau von Stellung von einer unterhaltenen Dirne zu unterscheiden, und dass der gewöhnlichste Kaufmannsgehilfe ohne grosses Studieren mehr davon weiss als er.“ Dort betrachtet man sich mit einer Ungeniertheit, die nirgends in der Welt üblich als in Paris, und in Paris nur im Palais-Royal. Man spricht laut, man ruft sich an, man nennt die vorbeigehenden Frauen mit Namen, ebenso ihre Gatten, ihre Liebhaber. Man charakterisiert sie mit einem Wort. Man lacht sich ins Gesicht. Und alles ohne beleidigende Absicht. Man wird im Wirbel mit fortgerissen und lässt sich alle Blicke und Worte gefallen. +Ja, in Paris und im Palais-Royal hätte Lavater seine physiognomischen Studien machen müssen.+[271]
Dort empfingen auch die geistvollen Leute ihre Anregungen, suchten dort ihre Gesellschaft, gaben sich dort ihren Gedanken hin. „Es mag schön oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um 5 Uhr abends im Palais-Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie, und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder thöricht! So sieht man in der Allée de Foi unsere jungen Liederlichen einer Courtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen, lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber gleich verlassen sie diese um eine andere, necken sie sämtlich und binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.“ So spricht +Diderot+ im Anfange von „Rameaus Neffe“ nach der Uebersetzung unseres +Goethe+. Wieder ein köstliches Genrebild aus dem Palais-Royal und eine merkwürdige Vergleichung.
Diese „nächtlichen Promenaden“ im Palais-Royal waren in der ganzen Welt berühmt und repräsentierten die erste Pariser Sehenswürdigkeit. Hier suchte man pikante Abenteuer und fand sie. Es kam oft vor, dass Männer, die im Palais-Royal ihr Vergnügen suchten, bei den nächtlichen Promenaden ihre eigenen Frauen in gleicher Absicht lustwandelnd ertappten oder gar mit einem Galan überraschten.[272] Die Frauen des Palais-Royal waren alle Dirnen, ob sie nun zur engeren Prostitution gehörten oder nicht. Wer sich nächtlicher Weile dorthin begab, hatte sich damit einen gewissen Stempel aufgedrückt. Ein galantes Gedicht feiert diese nächtlichen, sternenbeglänzten Schönheiten des Palais-Royal.[273]
Vivent les nuits étoilées De ce jardin enchanteur Où nos femmes sont voilées, Aux dépens de la pudeur! Dessous ces fraiches allées La moins sage est à l’abri De la honte et du mari.
Ce mélange d’impudence, De tendresse et de gaîté, Depuis quelque temps en France, Fait notre amabilité. La prude et froide décence Combat, brouille tous les goûts; La licence les joint tous.
Die berühmte „Seufzerallee“ (Allée des Soupirs) war die Promenade der schönsten und verführerischsten Mädchen und Frauen, die sich aus allen Gesellschaftsklassen rekrutierten. Vornehme Damen, die Theaterwelt, die höhere Demi-monde und die feineren Dirnen waren hier das Ziel der beutelustigen Lebemänner. Aber auch in den übrigen Alléen, in der „Allée de la Foi“, den „Allées de Club“, unter den Colonnaden und Arcaden tummelten sich unzählige Spenderinnen der Lust, begehrt, verfolgt und umworben von jungen und alten Wüstlingen aus allen Teilen der Welt. Hier war das Eldorado der Prostitution. Hier waren ihre Schlupfwinkel in Gestalt zahlreicher Verkaufsläden, Kneipen, Spielhäuser, Variétés, Theater. Hier lernte +Rétif de la Bretonne+ von seinem Freunde, dem berüchtigten Charlatan +Guilbert de Préval+, der in alle Geheimnisse und Arten der Wollust im Palais-Royal eingeweiht war, „die verschiedenen Arten, sich mit Frauen zu amüsieren“ kennen oder „wie man die Frauen zum Vergnügen der Männer abrichtet“. +Rétif+ konnte aus der Erinnerung die Namen der Dirnen der Seufzerallee aufschreiben, er kannte auch die „Huris“, die „Exsunamitinnen“, die „Berceuses“, die „Chanteuses“, die „Converseuses“, lauter „dem 18. Jahrhundert eigentümliche moralische Phänomene“ oder wie wir heute sagen würden, lauter verschiedene sexualpathologische Typen. +Rétif+’s Werk über das Palais-Royal ist uns durch einen Neudruck (bei +A. Christiaens+ in Brüssel, 3 Bände) zugänglich geworden. Der Verfasser sagt über den Inhalt desselben in der Vorrede: „Pfui! welch eine Geschichte!“ -- Ha! ha! gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädige Fräulein, machen Sie nicht immer so ‚Pfui‘! Sie lesen doch die Geschichte des Affen, des Ochsen, des Elephanten, des Rhinoceros, und +Buffon+ hat Sie für den Esel zu interessieren gewusst. .. Wir werden Ihnen von menschlichen Wesen erzählen und ein sehr moralisches Buch über sehr unmoralische Geschöpfe schreiben, die trotz einiger Aehnlichkeiten sich weit über Stuten, Eselinnen und alles mögliche Getier erheben. Die Schönen des Palais-Royal sind sehr hübsch, besonders die jungen. Was die Alten betrifft, so ist es damit wie überall: ein altes Tier ist niemals schön. -- Wie es sich auch verhalte, wir werden Ihnen merkwürdige, unerhörte Sitten vorführen, viel pikantere als vor sechs Monaten. Aber vorher wollen wir eine Vorstellung geben von dem Gesichte, dem Alter, dem Wuchse, der Haltung, dem Gange, den Sitten und Talenten dieser Schönen, unter den „noms de guerre“, die sie angenommen haben.“ Hierauf beschreibt +Rétif+ 32 Freudenmädchen aus der „Allée des Soupirs“, die man auch auf einem dem ersten Bande beigegebenen Bilde erblickt. Er erzählt dann die Geschichte jedes einzelnen Mädchens, wobei häufig die interessantesten Streiflichter auf die Sitten der Revolutionszeit fallen. Der zweite Band führt uns in den berühmten „Cirkus“ des Palais-Royal. „Die Majestät dieses Saales, der Reiz des Orchesters, die anmutigen Bewegungen der Tänzerinnen, die Schönheit, die Eleganz der Zuschauerinnen, alles trug dazu bei, um diesem schönen Souterrain ein magisches Aussehen zu geben. Ferner wurde die Aufmerksamkeit durch Spiele erregt, durch Kaffeetische und heimliche Cabinette, welche der Wollust und selbst der Liebe als Zufluchtsort dienen konnten. Nachdem wir alles dies geprüft hatten, bemerkten wir gegen neun Uhr, in dem Augenblick, wo alle anständigen Frauen hinausgingen, um fein zu soupiren, dass nur die +öffentlichen Mädchen+ dort blieben. Wir beobachteten sie neugierig in unserer Eigenschaft als Aushorcher.“ Eins der zurückbleibenden Mädchen diente ihnen als Cicerona und berichtete ihnen über die anderen, die sogenannten „Sunamitinnen“.
Die +Sunamitinnen+ trugen ihren Namen nach der bekannten Beischläferin des Königs +David+, welche durch ihre Lebenswärme die Kräfte des alternden Königs neu beleben sollte. In Paris gab es im vorigen Jahrhundert Unternehmerinnen im Palais-Royal, die sich zu diesem Zwecke zahlreiche Mädchen hielten, die in der ersten Blüte ihres Alters und vollkommen gesund sein mussten, was man durch den Genuss ausgewählter Speisen und durch tägliche Bewegung zu unterstützen suchte. Zu der Kur eines einzigen Mannes werden sechs Mädchen erfordert. Das erste Mal war die Matrone selbst gegenwärtig, liess den Patienten in ein aromatisches Bad steigen und nahm eine gründliche Reinigung seines Körpers vor. Dann legte sie ihm einen festen Maulkorb an, führte ihn zu Bette und legte zu beiden Seiten von ihm eine Sunamitin, deren Haut die seinige berührte. Ein paar Mädchen konnten diesen Dienst nur 8 Nächte hintereinander versehen, dann lösten ein paar frische sich ab und die beiden ersten ruhten aus, badeten sich die ersten beiden Tage, und vergnügten sich 14 Tage lang, bis die Reihe wieder an sie kam. Der Alte musste nicht nur das dienstthuende, sondern auch die ausruhenden Mädchen bezahlen, im ganzen drei Louisdors. Jedes Mädchen bekam sechs Francs und die Matrone behielt die zwölf übrigen für sich. Man gab sorgfältig Acht, dass die jungfräuliche Keuschheit dieser Sunamitinnen unangetastet blieb. Denn sonst würden die Lebensverlängerinnen, besonders während der Schwangerschaft, schädlich statt nützlich sein. Erlaubte sich der Patient den Genuss eines solchen Mädchens, so würde er sich nicht allein sehr schaden, sondern musste auch eine beträchtliche Summe verlieren, die er gleich anfangs in die Hände der „Wiederherstellerin“ niederzulegen verpflichtet war. Ein Mädchen diente zu diesem Gebrauche drei Jahre, von dem Zeitpunkt an gerechnet, wo sie mannbar wurde. Später würde sie den Greis beherrschen und „seine Ausflüsse zurückstossen, statt durch ihre Einflüsse auf ihn zu wirken“, und würde sie ihm die „verderbten Auswurfsflüssigkeiten zurückgeben, die sie von ihm empfangen hatte.“ Ein Mädchen, das täglich gebraucht wurde, konnte höchstens nur ein Jahr tauglich bleiben. Die Periode des sunamitischen Dienstes war gleichsam das Noviziat zum Orden der Buhlerin. War jene vorüber, so wurden sie in diesen eingeweiht.[274]
Auch in der „Justine“ des Marquis +de Sade+ muss die Titelheldin einem greisen Mönche diese nächtlichen sunamitischen Dienste leisten (Justine II, 228).
Der dritte Band von +Rétif+’s „Palais-Royal“ spielt in den „Colonaden“ und führt uns dort die „Converseuses“ oder „Exsunamitinnen“ vor, 43 an der Zahl, die vornehme Damen auf die mannigfaltigste Weise unterhalten mussten.
Von einer anderen Spezialität des Palais-Royal erzählt +Mercier+[275]. In einem Restaurant, das gleichzeitig ein Bordell war, öffnete sich während der Mahlzeit in einem Salon particulier auf ein gegebenes Zeichen beim Rauschen einer sanften Musik und unter einer Wolke von Wohlgerüchen der Balkon, und herabstiegen, wie aus einem Olymp, ebenso schön als -- leicht gekleidete Nymphen, die dann -- die Verdauung befördern halfen. Eine „satanisch geistreiche“ Erfindung.
Die vierundvierzig Figurae Veneris, die ein lasciver französischer Schriftsteller zusammengestellt hat, könnten wohl bis aufs halbe Hundert vermehrt werden, wenn man alle die Anerbietungen addierte, welche einem zwischen elf und zwölf Uhr in einer schönen Sommernacht in den hölzernen Gallerien des Palais-Royal von den ebenso viele Spezialitäten der Liebe durch ihre verschiedenen Namen ausdrückendes Dienerinnen der Venus gemacht wurden[276].
In der Schreckenszeit wurde das Palais-Royal ein Schauplatz der wüstesten Orgien und ein ständiger Aufenthaltsort für den Auswurf der Prostitution, für die +Soldatendirne+. Der Garten, die Gallerie und andere öffentliche Räumlichkeiten des Palais-Royal wurden „ebenso ekelhafte als ruhestörende Tummelplätze des Militärs und der Freudenmädchen. Auf die schamloseste Weise ergingen sie sich beiderseits öffentlich und rudelweise in den schmutzigsten Handlungen und Zoten, so dass die Passage gehemmt ward und kein anständiger Mensch sich blicken lassen durfte. Im Verlaufe des Jahres gestaltete sich auch die Wasserseite des Tuileriengartens abends zu einem ähnlichen Stelldichein in Masse zwischen Soldaten und liederlichen Weibsbildern, die, den Skandal nicht achtend, hier offen Unzucht trieben und Frechheiten aller Art. Ausserhalb und innerhalb der Stadt feierten die Soldaten schauerliche Orgien.“[277] Fast alle Soldaten in der Garde waren Zuhälter. Ja, viele nahmen in diesem Corps nur Dienste, um auf Kosten einiger Dirnen zu leben.[278]
Schliessen wir unsere Schilderung des Palais-Royal mit den Worten eines der besten Kenner der gesamten Pariser Korruption im 18. Jahrhundert. +Mairobert+ ruft im „Espion anglais“ aus: „Tous ces monuments du luxe et de la volupté française +n’approchent pas+ d’une sorte de spectacle qui s’est établi naturellement et +sans frais+, bien supérieur, suivant moi, par l’aisance, la familiarité, l’abandon qui y règnent. +Ce sont les promenades nocturnes du Palais-Royal.+“[279]
Gegenüber dem Palais-Royal verschwanden die übrigen Vergnügungslokale, die trotzdem in grosser Zahl vorhanden, aber nur von kurzer Dauer waren, zumal da sie im Gegensatze zum Palais-Royal ein Entrée erhoben. Die +Vaux-hall d’été+ und +d’hiver+, das +Colisée+ waren die besuchtesten Unterhaltungsorte, in denen man nach Entrichtung von 1 bis 3 Livres Entrée sich ebenfalls der verschiedenartigsten Genüsse erfreuen konnte.
Ein italienischer Artist +Torré+ oder +Torres+ eröffnete das +Vaux-hall d’été+ im Jahre 1764 am Boulevard Saint-Martin. Hier wurden Feuerwerk, Illuminationen veranstaltet, Ausstattungsstücke gegeben. Von 1768 an kamen Bälle, ländliche Feste, Pantomimen und Clownkunststücke hinzu.
Das +Vaux-hall d’hiver+ befand sich im westlichen Teile des Stadtteils Saint-Germain, nahe der rue Guisard. 1769 erbaut, wurde es am 3. April 1770 eröffnet. Hier wurden hauptsächlich Ballets von schönen Tänzerinnen aufgeführt. Im Jahre 1785 musste das Unternehmen aufgegeben werden.
Das +Colisée+ war ein Gebäude mit Garten für Tänze, Gesang, Schauspiele, Feste, Feuerwerk u. s. w. Es lag im äussersten Westen der Champs-Elysées, rechts von der Avenue Neuilly und wurde bei der Vermählung des Dauphins (späteren +Ludwig+ XVI.) eröffnet. Schon 1778 ging das Etablissement ein.
Nach +Dulaure+ war der öffentliche Zweck dieser Etablissements, wie der vieler ähnlicher, die Pariser zu amüsieren. Der geheime Zweck aber war der, sie „zu verderben, zu betäuben und auszuplündern.“ Es wimmelte dort von Tänzerinnen und öffentlichen Dirnen.[280]
16. Die Onanie im 18. Jahrhundert.
Wir gehen nach der Schilderung der Verhältnisse der Prostitution und nach der Beschreibung ihrer Hauptsitze nunmehr dazu über, die hauptsächlichsten Verirrungen des Geschlechtslebens zu untersuchen und beginnen mit der gewöhnlichsten, der +Onanie+.
Das „branler“ wie der technische Ausdruck bei +Sade+ lautet, kehrt fast auf jeder Seite wieder. Gleich im Anfang der „Justine“, als Justine über den Verlust ihrer Eltern trauert, zeigt ihr Juliette, die im Kloster diese Praktiken erlernt hat, an sich selbst die Befriedigung durch Manustupration. Diese wollüstige Erregung, die man sich jeden Augenblick ohne einen anderen verschaffen könne, sei der beste Trost über alles Leid, da die Onanie mit Sicherheit alle Schmerzempfindungen zum Verschwinden bringe. (Justine I, 5). Delbène, die Oberin des Klosters, in dem Juliette erzogen wurde, eine sehr wollüstige Frau, hatte schon im Alter von neun Jahren „ihre Finger daran gewöhnt, den Wünschen ihres Kopfes zu antworten“ (Juliette I, 3). In der „Société des amis du crime“ existiert sogar ein eigner „Saal für Masturbation“ (Juliette III, 65). Der Herzog von Chablais rühmt denn auch die „französische Methode“ der Onanie als die beste (Juliette III, 292). Madame de St-Ange, welche der Eugenie im Anfang der „Philosophie dans le Boudoir“ einen ganzen Lehrkursus in den Künsten und technischen Ausdrücken der Liebe erteilt, vergisst auch nicht, sie mit der Onanie bekannt zu machen, dieser bequemen Art „de se donner du plaisir“ (Philosophie dans le Boudoir I, 43). --[281]
+Mairobert+ lässt die Madame +Richard+ sich in charakteristischer Weise über die ungeheuere Verbreitung der Onanie in Frankreich äussern. Diese so raffinierte Kunst, welche, wie sie von einem Geistlichen und Mitglied der Akademie der schönen Wissenschaften erfahren habe, bei den Alten sehr in Flor gewesen, später aber vernachlässigt worden sei, werde immer mehr Mode in diesem Jahrhundert der Wollust und der -- Philosophie. In den berühmten Bordellen der +Florence+, der +Paris+, der +Gourdan+, der +Brisson+, könne man diese Künste sehen. „Viele treiben auch einfache und mutuelle Onanie, um keine Kinder zu bekommen oder die syphilitische Ansteckung zu vermeiden.“[282]
Höchst realistisch, in glühend sinnlichen Farben schildert +La Mettrie+ die „voluptueuse approche des doigts libertins“[283], und die mutuelle Onanie zwischen Frauen muss sehr verbreitet gewesen sein, um das folgende boshafte Couplet hervorzurufen[284]:
Il est des Dames cruelles, Et l’on s’en plaint chaque jour: Savez-vous pourquoi ces belles Sont si froides en amour? Ces Dames se font entr’elles, Par un généreux retour Ce qu’on appelle un doigt de cour.
Für immer verewigt sind die zügellosen Ausschweifungen der Onanie im 18. Jahrhundert durch die berühmte Monographie von +Simon André Tissot+ über die Onanie,[285] das erste Werk seiner Art, das „in glühendsten Farben, in brillantem, geradezu klassischem Stile die Folgen unseres Lasters, überhaupt sexueller Ausschweifungen der damaligen verlotterten französischen Bourgeoisie vor Augen führte, ein Werk, das trotz seiner Ueberhebungen und Uebertreibungen der Folgen der Onanie oder wohl auch infolge derselben ein ungeheures Aufsehen erregte und zu europäischer Berühmtheit gelangte, das viele Auflagen erlebte und von der damaligen Zeit fast verschlungen wurde.“[286]
17. Die Tribadie im 18. Jahrhundert.
Dieses Kapitel ist vielleicht das kulturgeschichtlich merkwürdigste in Beziehung auf das Geschlechtsleben Frankreichs im 18. Jahrhundert. Wir glauben nicht, dass selbst das antike Lesbos derartige Zustände gesehen hat, wie sie in Frankreich im vorigen Jahrhundert herrschten. Auch hier spiegeln die Werke +de Sade’s+ getreu das Bild jener Zeit wieder und belehren über die Häufigkeit des amor lesbicus oder der sapphischen Liebe.
Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer ihm vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein ausgezeichneter Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden Männerhasse erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann gleich mit Juliette und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet (Juliette II, 138-150 auch III, 157.) Die höchste tribadische Kunst findet sich in Bologna (Juliette III, 306 ff.). Die Prinzessin Borghese (Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline von Neapel (Juliette V, 259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche Anhänger hat diese Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.).
In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III, 284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV, 116).
Auch an Andeutungen zu einer +Erklärung+ der Tribadie lässt es +Sade+ nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres Lebens wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als Surrogat die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III, 60-64). Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“ zu diesem Geschicke. Wenigstens hebt +Sade+ bei einer anderen Tribade Madame de Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst 20 Jahre alt, ist „die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine ‚clitoris de trois pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines Mannes und Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen Allüren ist auch die venezianische Tribade Zatta (Juliette VI, 194). +Sade+ behauptet, dass fast alle Tribaden die Praktik der Paedicatio übten. Denn mit den Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren Raffinements sich angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le plus délicat de tous, il est tout simple qu’elles en composent un de leurs plus divins plaisirs“. (Justine I, 253).
Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt auch +Mirabeau+ in „Ma conversion“.[289]
Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch +Diderot+ mit seiner „Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit nicht überboten. +Mairobert+ hat nämlich in seinem „Espion anglais“ mehrere hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen überraschenden Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser Tribaden des 18. Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte „Confession d’une jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und welche uns ein lebensvolles Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte Anandryne“ entrollt, welche im „Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte.
Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines Bauern, war von der Madame +Gourdan+ für ihr Bordell eingefangen worden. Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam zu einem grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits für die königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass der Vater unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie schwanger. +Mairobert+, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem Mädchen, die sich Mademoiselle +Sapho+ nannte, ihre Lebensgeschichte erzählen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, dass +Mairobert+, als königlicher Censor in alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft eingeweiht, in die „Confession d’une jeune fille“ seine eigenen Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall stellt diese seltsame Beichte einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur und Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine ausführliche Besprechung widmen.
Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel, faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine Dirne zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass sie sich in ihrer Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig benutzte,[291] wobei sie sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je caressais ma gorge, mes fesses, mon ventre; je jouais avec le poil noir qui ombrageait déjà le sanctuaire de l’amour;[292] j’en chatouillais légèrement l’entrée. Cependant je sentais en cette partie un feu dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs; +contre une petite sœur+ que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich und beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt. Nehmen wir an, Sapho wäre nicht von der +Gourdan+ entführt worden, wäre weiter so streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne Gelegenheit zum Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar, dass eine solche zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den Weg der Tribadie gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an ihre Schwester gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein Bedürfnis geworden wäre. Die +Gewohnheit+, das +Erworbensein+ der conträrsexuellen Gefühle spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die Heredität sehr skeptisch.
Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem Elternhause zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame +Gourdan+ eine Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren Insassinnen Sapho oft schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im Dorfe umhergehen sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich mit Freuden aufgenommen und von der +Gourdan+ nach Paris gebracht, wo sie zunächst bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht wurde, dessen Frau die erste Prostituierung der +Gourdan+’schen Novizen besorgen musste. Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion des Mädchens vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches Vorhaben und richtete folgenden charakteristischen Brief an die +Gourdan+[293]:
„Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese Acquisition mit Gold aufwiegen.“
Von dieser Entdeckung benachrichtigte die +Gourdan+ sofort Madame +de Furiel+, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden Brief:
„Madame,
ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück entdeckt -- für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren depravierten Geschmack haben -- denn ich kann eine meinen Neigungen ganz entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich kenne Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität etwas zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren Diensten pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau von höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und ich bin überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können. Andernfalls senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass Sie ihr nicht zu viel angethan haben. Es wird immer noch eine ausgezeichnete Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.
Verbleibe in Hochachtung u. s. w.
Ihre +Gourdan+.“
Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an die +Furiel+ verkauft.
Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame +de Furiel+. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes Souper und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte zunächst der Zahnarzt der +Furiel+ Saphos Mund, brachte die Zähne in Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser. Dann erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an Händen und Füssen und Entfernen der Hühneraugen und -- überflüssigen Haare; Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen. Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen, frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf Schultern und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd à la tribade, d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten) und mit Bändern geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“ d. h. ein aus Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an den Körper anschmiegte, darüber eine rotseidene Polonaise bildeten ihre neue Kleidung. So wurde sie zu Madame +de Furiel+ geführt.
Madame +de Furiel+ empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur „ein wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie, zwei mit einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la bouche, bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr schon einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie sie. Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae. Defigit illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam magna voce clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi Sappho.“ Et per duas horas artifex filiae fuit Veneris novae.
Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der lesbischen Liebe, rief Madame +de Furiel+ zwei Kammerfrauen, von denen sie Beide gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem deliciösen Souper zu erholen, bei welchem die +Furiel+ Sapho Aufklärungen über die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert im „Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau erhielt Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten. Besonders jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn bestand dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir ein, in dem sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“ befand. Ausserdem erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender Männer und Frauen in den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken stellten dieselben Bilder dar. Zahlreiche Nachbildungen männlicher Glieder reizten die Sinne; Bücher und Bilder obscönen Inhalts lagen auf einem Tische. Am Fusse der Statue befand sich ein Feuer, das durch sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten werden musste, so dass die „postulante“ immerwährend Acht darauf haben musste und genötigt war, von diesen Materialien ununterbrochen etwas hineinzuwerfen; vergass sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim Anschauen so vieler Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie das kleinste Spiel einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer Zerstreuung und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an jedem Tage drei Stunden.
Nach dieser Erzählung versprach Madame +de Furiel+ unserer Sapho schöne Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden, Unterricht im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die Liebe bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte sich Sapho bereit.
Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose. Wäscherinnen, Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten Sapho mit allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den übrigen Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den Corridoren: „+Die Furiel+ hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues; welch ein Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“
Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal von runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten Licht empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale. Die Göttin war dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus gestützt, majestätisch in die Versammlung herabstiege, um ihr zu präsidieren. +Sie schwebte ganz in der Luft+, ohne dass dies Wunder die Eingeweihten überraschte.[295]
Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem 2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar stand die Büste der +Sappho+, der Schutzheiligen des Tempels, der ältesten und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von +Houdon+ angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) +d’Eon+, der „berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen die Büsten der von +Sappho+ besungenen griechischen Tribaden, der +Thelesyle+, +Amythone+, +Kydno+, +Megare+, +Pyrrhine+, +Andromeda+, +Cyrine+ u. s. w. In der Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager von mehr rundlicher Form, auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin ruhten. Ringsherum sassen nach türkischer Sitte auf kleinen viereckigen Fusspolstern die einzelnen tribadischen Paare „les jambes entrelacées, chaque couple composée d’une mère et d’une novice“, oder nach mystischer Terminologie eine „Incuba“ und eine „Succuba“. Die Wände des Saales waren mit hundert Reliefs geschmückt, welche die verschiedenen geheimen Teile des Weibes darstellten, wie sie in dem „Tableau de l’amour conjugal“[297], in +Buffon’s+ „Histoire naturelle“ und bei den „geschicktesten“ Anatomen abgebildet waren.
Die Aufnahme unserer +Sapho+ gestaltete sich folgendermassen: Alle Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“ trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse Levite und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder ganz empor geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie zuerst das heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter und aromatisch duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen gepulverter Substanzen fortwährend von zwei Tribaden unterhalten wurde. Sapho musste sich zu den Füssen der Präsidentin Mademoiselle +Raucourt+, einer berühmten Schauspielerin der Comédie Française, niederlassen, und ihre „Mutter“, Madame +Furiel+ sagte: „Schöne Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier ist eine ‚postulante‘: Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie hat niemals mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat bei den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und Eifer gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei uns zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho, dass sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete sie vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in einen lichten Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier wurde sie auf den von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt, gänzlich entblösst und von allen anwesenden Tribaden genau daraufhin untersucht,[298] wie viele von den auf der Marmortafel aufgezeichneten +dreissig+ Reizen des Weibes sie besässe. Hierbei las eine der ältesten Tribaden die folgende französische Uebersetzung eines alten lateinischen Gedichtes vor.[299]
Que celles prétendant à l’honneur d’être belle, De reproduire en soi le superbe modèle. D’Hélène qui jadis embrasa l’univers, Etale en sa faveur trente charmes divers! Que la couvrant trois fois chacun par intervalle Et le blanc et le noir et le rouge mêlés Offrent autant de fois aux yeux émerveillés, D’une même couleur la nuance inégale. Puisque neuf fois envers ce chef d’œuvre d’amour La nature prodigue, avare tour à tour, Dans l’extrême opposé, d’une main toujours sûre De ses dimensions lui trace la mesure: Trois petits riens encore, elle aura dans ses traits, D’un ensemble divin les contrastes parfaits. Que ses cheveux soient blonds, ses dents comme l’ivoire, Que sa peau d’un lys pure surpasse la fraicheur, Tel que l’œil, les sureils, mais de couleur plus noire, Que son poil des entours relève la blancheur. Qu’elle ait l’ongle, la joue et la lèvre vermeille. La chevelure longue et la taille et la main, Ses dents, ses pieds soient courts ainsi que son oreille. Elevé soit son front, étendu soit son sein: Que la nymphe surtout aux fesses rebondies, Présente aux amateurs formes bien arrondies: Qu’u la chute des reins, l’amant sans la blesser, Puisse de ses deux mains fortement l’enlacer, Que sa bouche mignonne et d’augure infaillible, Annonce du plaisir l’accès étroit pénible. Que l’anus, que la vulve et le ventre assortis, Soient doucement gonflés et jamais applatis. Un petit nez plaît fort, une tête petite. Un tétin repoussant le baiser qu’il invite; Cheveux fins, lèvre mince, et doigts fort délicats Complettant ce beau tout qu’on ne rencontre pas.[300]
Von diesen Reizen brauchte die zur Aufnahme bestimmte aber nur etwas mehr als die Hälfte zu besitzen, um aufgenommen zu werden, d. h. mindestens sechzehn. Jedes Tribadenpaar stimmte ab und sagte seine Meinung der Präsidentin ins Ohr. Diese zählte und verkündete das Resultat. Alle stimmten für die Aufnahme unserer Novize. Dieser Beschluss wurde dann durch einen „baiser à la florentine“ bekräftigt, worauf +Sapho+ als Tribade gekleidet ward und vor der Präsidentin einen Eid ablegen musste, nie mit Männern zu verkehren und nie die Mysterien der Versammlung zu verraten. Hierauf wurde auf jede Hälfte eines goldenen Ringes von Madame +Furiel+ und der Sapho ihr Name eingeritzt. Dann hielt die Präsidentin, Mademoiselle +Raucourt+ eine +Aufnahmerede+,[301] deren Inhalt in Kürze angegeben werde.
„Femmes, recevez-moi dans votre sein, je suis digne de vous“. Diese Worte stehen in dem 2ten „Lettre aux femmes“ der Mlle. +d’Eon+. Diese d’Eon ist das Muster einer Tribade die überall dem männlichen Geschlechte Widerstand geleistet hat. Ihr Ausspruch kann als Motto der Rede gelten.
Zunächst verbreitete sich die +Raucourt+ über den Ursprung der „Secte anandryne“. Schon Lykurg habe zu Sparta eine Tribadenschule eingerichtet. Die Nonnenklöster im modernen Europa, eine Emanation des Collegiums der Vestalinnen, +verkörperten das beständige Priestertum der Tribadie+, wenn auch nur als ein schwaches Abbild der +wahren+ lesbischen Liebe wegen des Gemisches von „pratiques minutieuses et de formules puériles.“
Weiter wird nur allzu wahr ausgeführt, wie ein junges Mädchen überall Gelegenheit findet, ihren wollüstigen Kitzel zu befriedigen, viel eher als ein Mann. „Elle les trouve dans presque tout ce qui l’environne, dans les instruments de ses travaux, dans les utensiles de sa chambre, dans ceux de sa toilette, dans ses promenades et jusque dans les comestibles.“ Dann helfe man sich gegenseitig und +werde einander unentbehrlich+,[302] und das neue Leben triumphiere über alle Eitelkeiten dieses Jahrhunderts. Die Busskleider verwandeln sich in Kleider der Lust. Die Tage der allgemeinen Geisselung würden zu Orgien; denn die Flagellation sei ein mächtiges Reizmittel der Wollust. So wird man im Kloster Tribade.
Ueberallhin muss nun die Tribade den Kultus der Vesta bringen und eifrig Propaganda für denselben machen. Die +Raucourt+ nennt jetzt die bekanntesten Tribaden: die Herzogin von +Urbsrex+, die Marquise de +Terracenès+, Madame +de Furiel+ (die Beschützerin unserer Sapho und Gemahlin des Generalprocurators); die Marquise de +Téchul+[303] (die sich als Kammerfrau, Coiffeuse, Köchin verkleidete, um ihre Zwecke bei den Gegenständen ihrer Liebe zu erreichen), Mademoiselle +Clairon+ (berühmte Schauspielerin des Théâtre Français), die Schauspielerin +Arnould+, die deutsche Tribade +Sonck+ (unterhalten von einem Bruder des preussischen Königs).
Als Novize wird Mlle Julie, eine junge Tribade, erwähnt, die von der +Arnould+ und der +Raucourt+ in die lesbische Liebeskunst eingeweiht wurde. Zum Schluss verherrlichte die Rednerin die Freuden der Tribadie. Der Genuss zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern ist flüchtig, kurz und illusorisch. Nur der zwischen Frauen ist wahr, rein und dauerhaft und hinterlässt keine Reue. Sind Defloration, Schwangerschaft und Geburt ein Genuss?
Die Tribadie gewährt nur reine, immer herrlicher werdende Freuden. Den Mann schwächen die Ausschweifungen mit zunehmendem Alter. Bei der Tribade wächst die Nymphomanie mit dem Alter. Sie wird aus einer Succuba zu einer Incuba d. h. activ. Sie bildet selbst neue Schülerinnen aus.
„Die Tribadie hinterlässt keine Reue und ist die ‚sauve garde‘ unserer jungen Mädchen und Witwen, sie vermehrt unsere Reize, erhält sie länger, ist der Trost unseres Alters, wenn kein Mann uns mehr will, eine +wirkliche Rose ohne Dornen durch das ganze Leben+.“
Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“, besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder gesungen wurden, meist aus den Werken der +Sappho+. Als alle berauscht waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste, sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs que l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen, welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den Bildern und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame +de Furiel+ und +Sapho+.[306]
Fräulein +Raucourt+,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr emanzipierten Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Sie verliess den Marquis +de Bièvre+, dessen Maitresse sie gewesen war, um fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen. Aber nicht ohne sich vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu lassen. Dieser Seigneur machte darüber einen Calembour, indem er seine ehemalige Freundin als „l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente) bezeichnete.
Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten sapphischen Brief der +Raucourt+ mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen zu lassen:
„An Madame de Ponty, Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans.
Brüssel, 21. Messidor. Sonntag, 10. Juli.
Wie mein Herz Dir dankt, meine Liebe, für Deinen schönen Brief vom fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der Aufregung zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde Dir niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames Ding ist doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn Du Dich so sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht bemerktest, und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst, dass Du traurig bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen und beunruhigen, dass ich alles verlassen und mich in die Eilpost werfen würde, um Dich wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich fühle mich dessen fähig; für mich ist das einzige unmögliche Ding: ohne Deine Liebe zu leben. -- Ich bin entzückt, dass das Badezimmer und Deine Boudoirs nach englischer Art Dir gefallen; sie sind von mir für Dich eingerichtet worden, und ich darf wohl hoffen, dass Du, wenn Du sie benutzest, an diejenige denken wirst, welche die Arbeiten leitete. Du hast mir nicht gesagt, ob Du mit den Blumenvasen zufrieden bist, unglücklicher Weise giebt es augenblicklich keine mehr. Lass Nelken auf dem Markte kaufen, es können gewöhnliche sein. Wir brauchen sie für die Boudoirs. -- Ich bin überrascht, dass Du Mme. Dugazon nicht gesehen hast; sie sollte zwei Tage nach mir abreisen, wie mir Labuxière sagte. Riboutet hatte mir versprochen, dass seine Frau Dich bald besuchen würde. Aber ich wünsche, dass alle diese Zerstreuungen, für die ich gesorgt habe, Dir unbefriedigend erscheinen, und dass Du meiner inständigen Bitte nachkommst und mich besuchst. Ich versichere Dich, dass Du es nicht bereuen wirst. Von allen Ländern, die wir zusammen bereist haben, giebt es nicht eines, welches so vortreffliche Spaziergänge hat wie dieses; dies ist auch mein einziges Vergnügen. Ich ermüde meinen Körper, um meine Gedanken zu zerstreuen, immer wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann krampft sich mein Herz zusammen; und alle meine Freuden sind in der Vergangenheit und in der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse Abenteuer erlebt. Ich habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male besucht hat; gestern hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort, ebenso Talma und seine Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach dem Essen fuhr er mit mir in einer Kalesche in der Force spazieren. In meinem Leben habe ich so etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich herbeiwünschte! Um 9 Uhr kehrte ich zurück und machte Toilette, um bei dem Praefekten zu soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte. Der Garten war illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen wenigstens 20 Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die Hälfte sehr hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort, ob Dich meine Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss, mich in Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir spräche, wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion mache, habe ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine theure, vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher Weile. Ich komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück, die von den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt sagten wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das reizend finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein einziger Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin, welche sich mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich hoffe, dass ein tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme trägt. Henriette! noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste meiner +Enthaltsamkeit+.. Es ist zum Sterben.“[308]
Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich erhalten:[309]
Pour te fêter, belle +Raucourt+, Que n’ai-je obtenu la puissance De changer vingt fois en un jour Et de sexe et de jouissance! Qui, je voudrais, pour t’exprimer Jusqu’à quel degré tu m’es chère, Etre jeune homme pour t’aimer, Et jeune fille pour te plaire.
Wer war aber die Mlle. +d’Eon+, deren Büste im Tribadenheiligtum der „Secte Anandryne“ aufgestellt war? Die Geschichte dieses Fräuleins +d’Eon+ bildet eines der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen Vorkommnisse, dessen wir kurz gedenken wollen.
Der Chevalier +d’Eon+[310] war ein talentvoller burgundischer Landjunker, der sich in Paris zum Doktor der Rechte, Censor, litterarischen Dilettanten, vor Allem aber zum Liebling hochadliger Familien emporgearbeitet hatte. Er galt als findiger Kopf. Den entscheidenden Umschwung seines Geschickes führte aber seine +eigentümliche, frauenhaft zarte Erscheinung+ herbei. Als +Ludwig+ XV. kurz vor dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges einen geheimen Agenten +Douglas+ nach Petersburg schickte, gesellte man diesem +d’Eon+ bei, der -- auf Wunsch +Conti’s+ oder des Königs +Frauentracht+ anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der Kaiserin eigenhändige Briefe +Ludwigs+ XV. in die Hände spielte, das Wohlgefallen der Czarin erregte und sich so als geheimer diplomatischer Agent grosse Verdienste um sein Vaterland erwarb. Später, nach Ablegung seiner Frauentracht, machte er den siebenjährigen Krieg mit, ging dann wieder als geheimer Agent nach London, welche Rolle er jedoch als Mann durchführte. Hier geriet er aber mit dem französischen Gesandten +Guerchy+ in Zwist. Es kam soweit, dass d’Eon drohte, alle in seinem Besitze befindlichen geheimen Papiere der englischen Regierung auszuliefern. Es gelang jedoch +Ludwig+ XV. den Chevalier vorläufig durch eine Rente von 12000 Livres zu beschwichtigen, und damit dieser sich gegen seine Feinde schützen könne, riet der König ihm in einem unter dem 4. Oktober 1763 geschriebenen Briefe, dass er wieder Frauenkleider anlegen solle, was aber +d’Eon+ noch nicht befolgte. Nach dem Tode des Königs wiederholte +d’Eon+ seine Drohungen, als er Gefahr lief seine Rente zu verlieren. Nun taucht eine neue Person in dieser Komödie auf. Das war kein Geringerer als der Autor der „Hochzeit des Figaro“, +Beaumarchais+, der als Abgesandter König +Ludwig’s+ XVI. nach London ging, um +d’Eon+ zur Auslieferung der Geheimpapiere zu bewegen. Schon scheint die Rückkehr +d’Eons+ gesichert, die Auslieferung der Papiere unmittelbar bevorzustehen, da erklärt der Sohn des ehemaligen französischen Gesandten +Guerchy+, dass er das Andenken des Vaters an diesem Nichtswürdigen rächen würde, wann und wo er es immer wagen sollte, sich in seinem Vaterlande zu zeigen.
Bei diesem precären Stand der Sache kam ein sinnreicher Kopf -- wahrscheinlich +Beaumarchais+ selbst, -- auf den Einfall, alle Schwierigkeiten in der Art zu heben, dass man +d’Eon+ zu der öffentlichen Erklärung vermöchte: +er sei überhaupt kein Mann, sondern ein -- Weib+. Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt: alle Vergehen wider die Beamten-Disciplin, alle litterarischen Anfeindungen +Guerchy’s+ würden dadurch als Unarten einer in ihrer Eitelkeit verletzten Frau entschuldbar und jede Forderung von Genugthuung als Narretei erscheinen. In den Friedens-Unterhandlungen +Beaumarchais+’ war es mithin der erste und der entscheidende Punkt, +d’Eon+ zu der unumwundenen, feierlichen Versicherung zu bestimmen, er sei seit jeher ein Weiblein gewesen, das nur durch wunderbare Schicksalsfügung sich alle Zeit als Mann im Leben umgethan habe.[311]
So kam am 25. August 1775 der folgende seltsame Vertrag zu Stande, ein Unicum in der Weltgeschichte:
„Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais einerseits (mit besonderer Vollmacht des Königs von Frankreich ddo. 25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d’Eon vorgewiesen und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde) und
+Fräulein+ Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Beaumont, grossjährig, vormals Dragonerhauptmann, Ritter des königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und des Grafen von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen Rechtes, Advokat am Parlament von Paris, königlicher Censor für belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier Douglas nach Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen, französischer Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital, Gesandtschaftssekretär des Herzogs von Nivernais etc. andererseits -- sind über folgende Vertrags-Bestimmungen einig geworden:
Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der politischen Papiere.)
Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der Correspondenz d’Eons.)
Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie fortan in Frieden zu lassen.
Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den Streitteilen aufgerichtet werde, fordere ich im Namen Sr. Majestät, +dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen lassen, völlig aufhöre+. Und ohne weiter Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf aus dieser Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld einzig und allein ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt hat, verlange ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über ihr Geschlecht, welches bis heute unerschöpflichen Anlass zu Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die sich immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange ich also, dass das Phantom eines Chevalier d’Eon völlig verschwinde und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das wahrhaftige Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in Frankreich und vor der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung bringe. Fräulein d’Eon kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen[312], als sie durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter, welche sie gleicherweise durch ihre Lebensführung, ihren Mut und ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird. Unter diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit zusichern, kraft dessen sie nach Frankreich gehen und daselbst unter dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht blos Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er hat auch die Güte, die Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in einen Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“
+d’Eon+ verpflichtete sich zur Annahme all dieser Bedingungen, erhob aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und Ehrenrechte. So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz tragen zu dürfen. Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung von -- Mädchenwäsche und Frauenkleidern.
Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in ganz Frankreich -- mit Ausnahme der Eingeweihten -- als Mädchen.[313] Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel der Vesta“ errichteten. +Casanova+ erklärt geradezu: „Der König wusste und hat es stets gewusst, +dass er (d’Eon) eine Frau sei+, und der ganze Streit, den dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der auswärtigen Angelegenheiten hatte, war eine Posse, welche der König bis zu Ende spielen liess, um sich dadurch zu unterhalten.“[314]
+Louvet de Couvray+ lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich -- enthüllt.
Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt. +Sade+ hat mehrere solche Typen geschildert.
Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus einer Bemerkung des Grafen +von Tilly+ über die lesbische Freundin eines Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un genre de rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela m’amuse et j’ai l’immoralité, d’en rire.“[315]
18. Die Paederastie.
Der Marquis de +Sade+ singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten. Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in der „Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen Genuss in der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans l’un et l’autre sexe. Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore plus de volupté que celui d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir I. 99). Er beschreibt ausführlich die Freuden dieses Lasters und betont vor allem, dass es die Schwängerung mit absoluter Sicherheit verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er gelegentlich nicht paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie mit diesem „Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den Justine im Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein durchweg homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass gegen das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt. Er ist, soweit wir uns erinnern, +der einzige Typus mit hereditärer sexueller Inversion+, den +de Sade+ gezeichnet hat. +Alle übrigen haben die sexuellen Perversitäten während des Lebens allmählig erworben.+ Wir sind überzeugt, dass +Sade+, der sich überall als ein genauer Kenner sexualpathologischer Persönlichkeiten und Neigungen erweist, hier nach der Wirklichkeit schildert. So ist es im Leben. Der Urning durch Heredität ist die Ausnahme, der Urning durch Verführung, durch lasterhafte Entartung, last not least durch Geisteskrankheit, ist die Regel. -- Bressac entwickelt (Justine I. 162-164) die Theorie, dass der +Pathicus+, der er ist, von Natur ein ganz anderer Mensch sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren, beruhend auf einer „construction toute différente“. +Es wäre eine „stupidité“, sie zu bestrafen+! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen dürfte. „+Ah!+ sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas que nous f.... des culs, aurait-+elle aussi justement proportionné leur orifice à nos membres+; cet orifice n’est-il pas +rond+ comme eux, quel être assez ennemi du bon sens peut imaginer qu’un trou +ovale+ puisse avoir été créé par la nature pour des membres +ronds+. Ses intentions se lisent dans cette difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). --
Selbst die Tribaden fröhnen bei +Sade+ der griechischen Liebe, sei es mit künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. -- Die Verbreitung dieses Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die Duvergier erzählt, wie sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die Paederastie werde. „Les cons ne valent plus rien, ma fille, on est en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“ Demgemäss wird manchmal der „coniste“ mit offenbarer Verachtung gegenüber dem „bougre“[316] behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr als einen Tempel auf Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass „le cul est bien recherché en Italie (III, 290).“
Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in Frankreich gefunden. +Mirabeau+ versichert, dass während der Regierung +Heinrich’s+ III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les portiques du Louvre“, und dass unter +Ludwig+ XIV. die Paederastie ihre bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] +Heinrich+ III. war selbst homosexuell gewesen. +Heinrich+ IV. „trat zwar wieder sehr dagegen auf, konnte es aber nicht hindern, dass später unter +Ludwig+ XIII. der homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. +Philipp von Orléans+, Bruder +Ludwigs+ XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt, in wie unglücklicher Ehe durch +Philipp’s+ Vorliebe für Männer seine Frau, die deutsche Fürstentochter +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz, oft ‚Lieselotte‘ genannt, mit ihm lebte. Was +Ludwig+ XIV. anbetrifft, so wird berichtet, dass verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor seiner Grossjährigkeit lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln, um ihn ohne Vermittelung einer Maitresse beherrschen zu können. Der junge König soll allerdings bald eine Abneigung gegen jene Männer gefasst haben, die in dieser Weise ihn zu beeinflussen suchten. Der Kammerdiener des Königs, +Pierre de la Porte+, berichtet in seinen Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal +Mazarin+ im Jahre 1652 nach einem Diner, das der damals 15jährige König bei ihm einnahm, mit ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache nicht aufgeklärt und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318]
In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von +Bussy-Rabutin+ bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in dem über einen Paederasten-Club berichtet wird, den der Herzog von +Grammont+, der Malteserritter +de Tilladet+, +Manicamp+, der Marquis +de Biran+ als „Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden untersucht „pour voir si toutes les parties de leurs corps étaient saines, afin qu’ils pussent supporter les austérités“. Enthaltsamkeit vom Weibe war streng vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den „rigueurs du Noviciat, qui durerait jusques à ce que la barbe fut venue au menton“ unterwerfen. Wenn einer der „Brüder“ sich verheiratete, musste er die Erklärung abgeben, dass dies wegen der Regelung seiner Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil ihn seine Eltern dazu gezwungen hätten oder weil er einen Erben hinterlassen müsse. Zugleich musste er schwören, niemals seine Frau zu lieben, und nur so lange bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er bedurfte für dieses Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die ihm nur einmal wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier Klassen, damit jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte. Diejenigen, welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe von den vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die Vorgänge in diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der Neigung zur griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht eingeweiht werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause statt. Die Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein Kreuz, auf welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit Füssen trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319]
Wenn +Bouchard+ von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass dieser „cour était extrêment impie et débauchée, +surtout pour les garçons+. M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler la pique; leur donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils voudraient, et quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur chambre, avec cinq ou six garces, qu’ils enfermaient avec eux une heure à deux“,[320] so sind wir geneigt, diese homosexuellen Neigungen der Knaben weniger auf ein noch „undifferenziertes Geschlechtsgefühl“ zurückzuführen, wie +Havelock Ellis+ und +Symonds+ annehmen, als auf das ihnen am Hofe dieses Herzogs von +Orléans+ gegebene Beispiel und auf direkte Verführung. Und wenn +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz über eben diesen Herzog von +Orléans+ schreibt: „Monsieur denkt an nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach nichts; das Bedientenpack ist überall Herr und Meister“,[321] so möchten wir +Bouchard’s+ obige Angaben einigermassen bezweifeln.
Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen Hofe auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn +Ludwig+ XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio und anderen homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird berichtet, dass er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae jussit hominem genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings wurden noch 1750 zwei Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323]
Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet +Dupin+, der Regierungscommissar des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch +schändlichere+ Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über die Paederastie häufen sich in +schreckenerregender+ Weise. -- Die Sodomiterei und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit auf, wie die Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324]
In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux Etats-généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt +Rétif de la Bretonne+ in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität und andere Formen der Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen Frankreich erniedrigen“.[325]
+Rétif+ sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass auch jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert werde.[326]
Auffällig ist allerdings, dass im vorigen Jahrhundert die Zeit der grössten Ausbreitung der sokratischen Liebe mit dem Auftreten der Moden à la grecque zusammenfiel, wodurch offenbar ein Beweis für den starken Einfluss der Mode auf diese Verhältnisse geliefert wird.
19. Flagellation und Aderlass.
Die Flagellation, dieses mächtige Hilfsmittel der Wollust, hat der Marquis +de Sade+ ausgiebig in seinen Werken verwendet. Wir erwähnen nur die +grossen Flagellationsszenen+ in der „Justine“ und „Juliette“ (Justine III, 129; Juliette II, 138-150 zwischen Frauen; Juliette V, 335). Juliette besuchte im Auftrage der Duvergier mit drei jungen Modistinnen den Herzog Dendemar in St. Maur, dessen sexuelle Monomanie darin besteht, junge Mädchen (und zwar selten Prostituierte) bis aufs Blut zu geisseln, wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlte. (Juliette I, 344 ff.).
Der Marquis +de Sade+ hat auch auf diesem Gebiete litterarische Studien gemacht. Er verweist auf die zu seiner Zeit bedeutendsten Schriften über den Flagellantismus von +Meibom+ und +Boileau+ (Juliette V, 169). Diese Studien haben ihn belehrt, dass zu allen Zeiten die Männer es gewesen sind, welche bei der Flagellation die aktive Rolle übernahmen. Er wundert sich deshalb, dass bei der natürlichen Grausamkeit des Weibes dieses der aktiven Geisselung so wenig Geschmack abgewonnen habe (?)[327], und er lässt durch den Mund des Dolmancé die Hoffnung aussprechen, dass die Frauen auch dieser Spezialität bis zu dem „point où je le désire“ ausbilden möchten (Phil. dans le Boud. I. 157).
Interessante Einzelheiten über die Flagellation im 18. Jahrhundert teilt +Cooper+ mit[328]. +Voltaire+ erwähnt die Rute oft in seinen Schriften, namentlich, wenn er die Jesuiten damit lächerlich machen kann. Auch in den Memoiren jener Zeit wird die Rutenstrafe häufig erwähnt.
Die Schläge wurden schon an ganz kleine Kinder ausgeteilt, da die Bonnen behaupteten, dass dadurch Muskulatur und Haut „gestärkt“ würden. In allen französischen Klosterschulen war die Rutenstrafe für junge Mädchen etwas gebräuchliches, wie dies ja auch natürlich ist bei dem Flagellantismus, der unter den Nonnen herrschte. „Die heiligen Schwestern straften mit Entzücken ihre Schülerinnen auf dieselbe Weise, wie die heiligen Väter ihre Beichtkinder zu absolvieren pflegten.“
Während der Schreckenszeit lauerten die Tricoteusen den Nonnen auf, um sie schimpflich auszupeitschen. Bekannt ist der tragische Fall der +Théroigne de Méricourt+, die auf der Terrasse „Des Feuillants“ öffentlich von einer Bande von Weibern ausgepeitscht wurde und darüber den Verstand verlor. Auch nach dem Sturze +Robespierre’s+ wurden von den Anti-Terroristen junge Mädchen auf der Strasse entblösst und gegeisselt.
Es soll sogar kurz vor der Schreckensherrschaft ein „+Rutenklub+“ bestanden haben, dessen weibliche Mitglieder sich „gegenseitig mit entzückender Eleganz die Rute gaben.“ Viele vornehme Damen gehörten zu diesem Klub, über dessen sexuelle Tendenzen wohl kein Zweifel bestehen kann.
Ueber +Jean Jacques Rousseau’s+ Vorliebe für diese Art geschlechtlicher Erregung ist schon so viel geschrieben worden, dass wir darauf verzichten, die Geschichte seiner Züchtigung durch Mademoiselle +Lambercier+ nochmals ausführlich darzustellen und auf R. v. +Krafft-Ebing+ verweisen[329]. Die französische Litteratur des letzten Jahrhunderts ist nach +Cooper+ reich an Geschichten von Prügelstrafen, die namentlich bei dem schönen Geschlecht grossen Anklang fanden. Ueber einige causes célèbres dieser Art berichtet ebenfalls +Cooper+.
+England+ ist bekanntlich heute das klassische Land des sexuellen Flagellantismus, und seine berühmteste Geisslerin war +Theresa Berkley+ in London, Charlotte-Street 28, welche in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts sich grossen Ruhm und ein Vermögen durch ihre Kunst erwarb. Sie besass zahllose rutenartige Instrumente mit allen möglichen Reizvorrichtungen zur Erregung und Erhöhung der Wollust. „Thus, at her shop, whoever went with plenty of money, could be birched, whipped, fustigated, scourged, needle-pricked, half-hung, holly-brushed, furse-brushed, butcher-brushed, stinging-nettled, curry-combed, phlebotomized and tortured till he had a belly full.“[330] Auch hielt sie für die Ausübung der aktiven Flagellation Dirnen, u. a. eine Negerin und eine Zigeunerin. Sie erfand eine Maschine, auf der die Männer festgebunden wurden und die eine sehr sinnreich-wollüstige Einrichtung hatte. „There is a print in Mrs. Berkley’s memoirs, representing a man upon it quite naked. A woman is sitting in a chair exactly under it, with her bosom, belly and bush exposed: she is +manualizing+ his +embolon+, whilst Mrs. Berkley is birching his posteriors. The female acting as +frictrix+, was intended for Fisher, a fine, tall, dark haired girl, all must remember who visited Charlotte Street at that day, as well as the good humoured blonde, Willis; the plump, tight, frisky and merry arsed Thurlow. Grenville with the enormous bubbies; Bentinc, with breadth of hip and splendour of buttock; Olive, the gipsy, whose brown skin, wicked black eye, and medicean form would melt an anchorite; the mild and amiable Palmer with luxuriant and +well fledged+ wount, from whose tufted honors many a noble lord has stolen a sprig; and Pryce, the pleasing and complaisant, who, if birch was a question, could both give and take.“[331] Die +Berkley+ starb im September 1836, nachdem sie von 1828 bis 1836 über 10000 Pfund Sterling erworben hatte. Ihre Korrespondenz, die Dr. +Vance+, ihr Testamentsvollstrecker aufbewahrte, enthielt Briefe von Personen beiderlei Geschlechts aus den höchsten Kreisen und wurde vernichtet.
Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau +Berkley+ in den neueren Werken über Flagellantismus und auch sonst nicht erwähnt fanden, und dieses Curiosum um so eher für Forscher auf diesem Gebiete von Interesse sein wird, als auch in den Romanen des Marquis +de Sade+ ganz +ähnliche Maschinen+ vorkommen, auf denen die Opfer festgebunden werden. Wir bemerken gleich an dieser Stelle, dass wir auf die höchst interessante Geschichte des englischen Flagellantismus ausführlicher in demjenigen der folgenden Bände zurückkommen, in welchem wir das Geschlechtsleben in England, vorzüglich in +London+ untersuchen, das manche aus dem englischen Wesen sich ergebenden Eigentümlichkeiten darbietet.[332]
Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der +Aderlass+ bei +Sade+ spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt ein Graf Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung verschaffen kann, dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er dieselben hat reichlich essen lassen. +Sade+ verfehlt nicht, solche Szenen darzustellen. Besonders schauerlich ist die, bei welcher der Graf seine eigene Frau venaeseciert und sich an der Bewusstlosen geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253).
Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte Operation. +Brissaud+ erzählt, dass in den Klöstern die Regel des Aderlasses in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B. fünfmal, bei den Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct Valentin und St. Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen gefeiert:
Seigneur du jour Saint Valentin Fait le sang net soir et matin Et la saignée du jour devant Garde des fièvres en tout l’an.
+Raulin+ pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe zu heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von +Dyes+ u. A. in unseren Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt. Vielleicht kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines +Broussais+ und +Bouillaud+ mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder. Dann können wir auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. +Brierre de Boismont+ berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den Genitalien und dem After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen liess, wobei er sich in den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er Blut sah, steigerte sich seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er befriedigte dieselbe an dieser Person.[334]
Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und einfach die Handlungen des Grafen Gernande +nachgeahmt+ hat. Später werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen einzelner Vorkommnisse in +Sade’s+ Romanen bringen.
20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und Geheimmittel im 18. Jahrhundert.
Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet +Sade+ in seinen Werken eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher Wert zukommt.
Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei +Sade+ künstlicher Anregung und sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch kein Mangel an den verschiedensten +Aphrodisiaca+ zur Belebung der entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon „composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro lässt sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223). Die Durand reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer „anregenden“ Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette (Seite 330) werden „stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“ auf die Teilnehmer der Orgie gespritzt. -- Neben diesen äusserlichen Aphrodisiaca kennt +Sade+ auch innerliche. Juliette gebraucht als solche Wein und Liqueure, Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in Italien öffentlich verkauft werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand betreibt einen Handel mit Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette III, 229).
Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der Madame +Gourdan+ reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war. Dort wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben gerade in Beziehung auf den Marquis +de Sade+ von Wichtigkeit sind und ihr Hauptbestandteil, die +Canthariden+ nach +Binz+ eine „berüchtigte Rolle im Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag vielleicht ein Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am Platze sein. Bis schon von +Dioscurides+ (Materia medica Lib. II. Cap. 65) erwähnten Canthariden gelten seit langer Zeit als ein sexuelles Stimulans. Soll doch schon der römische Dichter +Lucretius+ infolge des Genusses eines cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben sein. +Ambroise Paré+ berichtet über mehrere derartige Todesfälle. Zu +Paré’s+ Zeit war der Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in Frankreich Mode geworden. Die Heimat dieser aphrodisisch wirkenden Bonbons war Italien, von wo besonders +Catharina von Medici+ dieselben in Frankreich einführte. Am Hofe +Heinrich’s+ III. und +Karl’s+ IX., fanden dieselben reichliche Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es besonders der Herzog von +Richelieu+, der von diesen so unschuldig aussehenden Bonbons bei seinen Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch machte. Seine Propaganda für die nach ihm benannten Pastillen hatte zur Folge, dass dieselben in den letzten Regierungsjahren +Ludwig’s+ XV. Mode wurden[338]. +Gerade in diese Zeit+ fällt die Affäre des Marquis +de Sade+ in Marseille, bei der diese Bonbons eine fatale Rolle spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der Madame +Du Barry+, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren höchst wahrscheinlich cantharidenhaltig.
Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die durch sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung der Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der Wirkung beobachtet werden.[339]
Die +Kosmetik+ erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im Jahre 1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des Pont-Neuf Vermietungsstände für +Sonnenschirme+ zu errichten, damit die für den zarten Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die Sonnenstrahlen durch diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten könnten[340]. Die Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen Mengen angewendet, dass +Casanova+ gewiss Recht hatte, wenn er -- der von Zeit zu Zeit gern den Charlatan spielte -- der Herzogin von +Chartres+, die an Acne des Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer Mittel verbot. Er verschrieb ihr milde Abführmittel -- was gewiss sehr zweckmässig war -- und die Waschung mit Wegebreitwasser[341], welches im vorigen Jahrhundert bei Hautentzündungen vielfache Verwendung fand.
Als +Enthaarungsmittel+ erwähnt der Marquis +de Sade+ das +Rusma+, das „dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer Anmerkung als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus Galatien stammen lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes und sehr beliebtes orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta depilatoria“ oder „Rusma Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird hergestellt aus 2 Teilen Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½ Teilen Weizenmehl. Das ist die Vorschrift von J. J. +Plenck+, einem berühmten Dermatologen des 18. Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist noch an dieser Stelle das grosse Interesse, welches der Marquis +de Sade+ allen Gegenständen der Medicin und Anthropologie entgegenbringt. Er suchte sich darüber in allen ihm zugänglichen wissenschaftlichen Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später werden wir noch erwähnen, dass seine Frau ihn während seines Aufenthaltes im Gefängnis stets mit Büchern versorgen musste. Dieser Gefängnisaufenthalt war wohl erst die Veranlassung, dass +Sade+ sich über die mannigfaltigsten Dinge zu belehren suchte.
Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren die sogenannten +falschen Jungfrauschaften+, deren grosse Häufigkeit ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch adstringierende Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern. Dieses Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte zurück. In dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts lebenden französischen Arztes +Heinrich de Mondeville+, dessen für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche Ausbeute liefernden Schriften von J. +Pagel+ im Urtext zum ersten Male herausgegeben wurden, findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung der Jungfrauschaft[344]: „Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten Pflege: innen und aussen. Die innere Pflege haben Huren nötig, die in ihrem Geschäfte erprobt sind (antiquae), von ihnen insonderheit die, welche naturgemäss eine weite oder infolge des häufigen Coitus schlüpfrige und weiche Vulva haben, +um denen, die mit ihnen zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als öffentliche Dirnen zu erscheinen+. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen, die +nicht verheiratet+, aber unseligerweise +defloriert+ sind, ihre Zuflucht, um als +unverfälschte Jungfern+ dazustehen, wenn es dazu kommt, sich mit dem von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck suchen sie auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas bringen sie in dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in die Vulva; die Folge davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen, der mit ihnen den Coitus vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe man in die Scheide Drachenblut und lege darüber Werg und Charpie, beides befeuchtet mit Regenwasser, in dem +adstringirende Pflanzen+, wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich und dergl. abgekocht sind, oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man vorsichtig, dass sie nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen Schorfs an den Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es fliesst Blut und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück Schwamm, benetze es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit Blut, bringe sie hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte von der grossen Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18. Jahrhundert wieder an der Tagesordnung. Wir haben oben über das „Jungfrauenwasser“ der Madame +Gourdan+ berichtet. Auch +Sade+ kennt verschiedene Mittel zur Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt ihre „pommade“, mit der sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren will (Juliette I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette eine „Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179). Auch die Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I, 187).[346]
Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die Schminke und alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten, obwohl gerade damals die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘ so ausserordentlich geschätzt und begehrt war“[347]. Es gab damals Hunderte von Pasten, von Essenzen, von Schönheitswässern und Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig waren die +Schminken+, vor allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un rouge, qui dise quelque chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das Schminken legten, zeugt folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der Schreckenszeit.[348]
(Die Marquise klingelt)
Marton
Gnädige Frau --
Marquise
+Marton+ ich stehe auf --
Marton
Hier bin ich, gnädige Frau --
Marquise
Mein Kind, was giebt’s Neues?
Marton
Gnädige Frau, man spricht von einem Aufstand der diesen Morgen losbrechen soll --
Marquise
Warum nicht gar?
Marton
Man spricht von Plünderung, von Zerstörung, von Weiberraub, ja sogar --
Marquise
Weiberraub ja sogar -- ei, Kind, du scherzest - Himmel, wenn man --
Marton
Ach! ich habe überall gehört, dass die Ungeheuer die Frauen töten werden, und man sagt, dass diejenigen, die ihnen gefallen, als unglückliche Opfer ihrer Lüste --
Marquise (sehr lebhaft).
Ich zittre -- Marton -- kleide mich doch an -- Marton -- +mein Rot! geschwind mein Rot+! Himmel! wie ich aussehe -- bleich -- niedergeschlagen -- ich sehe scheusslich aus -- sie werden mich töten!.... --
Die Männer trieben die gleichen Toilettenkunststücke, schminkten sich ebenfalls, vergossen „künstliche Thränen“ und enthaarten auf Verlangen der Geliebten den ganzen Körper. „C’est ainsi que M. le duc d’Orléans au témoignage de M. d. Valencay qui lui donna le chemise, se présenta dans le lit de Mme. de Montesson“[349]. Eine grosse Errungenschaft des 18. Jahrhunderts auf kosmetischem +Gebiete+ war das +Bad+. Die Badeeinrichtungen bildeten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einen mit grossem Luxus ausgestatteten Bestandteil vornehmer Häuser und wurden hauptsächlich zu kosmetischen Bädern benutzt. Die Heldinnen +Sade’s+ steigen ebenfalls nach vollbrachtem Tages- oder Nachtwerk ins Bad.
Die Schriften des Marquis +de Sade+ gewähren uns ein erschreckendes Bild von der Häufigkeit der auch einen gewissen Zusammenhang mit der +Kosmetik+ aufweisenden +Abortiv-+ und +Praeventivmittel+ im 18. Jahrhunderte. Jene Zeit brachte die Verhältnise hervor, welche zu der gegenwärtigen Abnahme der Bevölkerungsziffer in Frankreich geführt haben. Aus +Galliot’s+ Statistik, die mit dem Jahre 1789 beginnt, kann man die grosse Ausdehnung der Fruchtabtreibung in Frankreich entnehmen. Er schliesst seine Resultate mit den Worten: „On se plaint de tous côtés, en +France+, de la décroissance de la population. On a fait récemment de nombréuses lois pour protéger l’enfant; nous venons à notre tour demander une protection pour le foetus.“[350] Das vorige Jahrhundert kannte denn auch bereits alle Mittel, welche noch heute angewendet werden, um die Conception zu verhindern oder die Abtreibung der Frucht zu bewirken. Höchst charakteristisch ist jene Stelle in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo Madame de St.-Ange auf eine Frage Eugeniens die anticonceptionellen Mittel aufzählt (Philosophie dans le Boudoir I, 99) und neben „éponges“, die sich die Frauen in die Vagina einführen und „condomes“, deren sich die Männer bedienen, als ein vorzügliches Mittel auch die Paedicatio empfiehlt, die am besten den malthusianischen Ideen des Jahrhunderts entspreche. Ist aber das „Unglück“ geschehen, so wissen die Helden und Heldinnen +Sade’s+ Mittel und Wege, um die Frucht im Mutterleibe zu töten. +Sade+ erwähnt die Sabina als ein vortreffliches Abortivum. (Juliette III, 204). Aber ein noch sicheres und gefahrloseres Mittel als Sabina, das zudem „den Magen nicht angreift“ ist dasjenige, welches die von ihrem Vater schwangere Juliette anwendet. Sie lässt sich nämlich von einem berühmten Accoucheur eine viermonatliche Frucht vermittelst einer Nadel abtreiben. (Juliette III, 212). Die Durand verkauft Emmenagoga m diesem Zwecke (Juliette III, 229).
Als letzter Gruppe von sexuellen Mitteln gedenken wir noch der +antivenerischen+ Geheimmittel, mit welchen das Frankreich des vorigen Jahrhunderts in grosser Zahl überschwemmt wurde. Denn trotz aller Ausschweifungen in Venere war die Furcht vor der Syphilis sehr gross, und die Charlatane fanden ein nur zu williges Publikum für ihre Betrügereien. Wir wissen nicht, ob der Plan für ein Bordell mit der Aufschrift: „Du plaisir pour de l’or et santé garantie“[351] zur Ausführung gekommen ist Jedenfalls war die Vorsicht in dieser Beziehung gewiss gerechtfertigt. +Casanova+ hatte es sich zum Prinzip gemacht, niemals in einem fremden Bette zu schlafen.[352] Juliette untersucht ihre Kunden stets genau auf syphilitische Symptome hin. Ein Mann, der mit schwerer Syphilis behaftet ist und der daher als Spezialität seiner Wollust diejenige gewählt hat, die von ihm gebrauchten Weiber anzustecken, wäre beinahe der Juliette gefährlich geworden. (Juliette I, 238-240). Im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 98) wird erzählt, wie ein Mann seinen Rivalen aus Rache syphilitisch infizierte damit dieser die Krankheit der früheren Geliebten mitteile. Eine ganz ähnliche Idee führt +Sade+ am Ende der „Philosophie dans le Boudoir“ aus. Dort lässt man einen syphilitischen Knecht holen, der vor den Augen der triumphierenden Scheusale die unglückliche Madame de Mistival infizieren muss, wonach Dolmancé ausruft: Parbleu, voici une inoculation, comme Tronchin n’en fit de ses jours. (Philosophie dans le Boudoir II, 183-184).
Medicamentöse Schutzmittel gegen Syphilis wurden vorzüglich in den Gewölben des Palais-Royal angepriesen. Es gab auch Manche, die ohne Scheu dieselben in Flugschriften bekannt machten und ihre Betrügerei durch Anschläge an den Mauern, durch Verteilung von Karten oder Zetteln auf der Strasse feilboten.[353]
Wir haben früher schon den Charlatan +Agirony+ und das „Spezificum des Doktor +Préval+“ erwähnt. Der Letztere ist wohl der berüchtigste Charlatan des 18. Jahrhunderts gewesen, dessen Persönlichkeit um so mehr Interesse erweckt, als +Guilbert de Préval+ derjenige war, welcher +Rétif de la Bretonne+ in die Geheimnisse der Pariser Prostitution und die „Artes amandi“ des Palais-Royal einweihte, ein Mensch, der nur im schmutzigsten Sumpfe sich wohl fühlte.[354] Die Geschichte dieses Erzcharlatans wird im „Espion anglais“ ausführlich erzählt.[355]
+Préval+ studierte seit 1746 in Caën, wo er dann eine umfangreiche Praxis ausübte, machte später noch anatomische Studien zu Paris und promovierte dort im Jahre 1750. Er beschäftigte sich nunmehr 20 Jahre mit der Therapie der Syphilis und entdeckte nach Ablauf dieser Zeit ein „unfehlbares Specificum“ gegen diese Krankheit, mit welchem er mehr wie 8000 (!) Menschen heilte. Das Mittel besass übrigens die Kraft, auch alle übrigen „Haut- und Blutkrankheiten“ zu heilen. Selbst bis „nach Indien, Amerika und -- Martinique“ drang der Ruf dieses Mittels wo es „Pians und Scorbut“ zur Heilung brachte. Gleichzeitig war dieses Mittel, eine sogenannte „eau fondante“[356], ein zuverlässiges Vorbeugungsmittel der Syphilis. Endlich diente es sogar, wie das heutige Tuberkulin bei Tuberkulose, zur Diagnose der Syphilis, wozu es z. B. Madame +Gourdan+ benutze. Die Ankündigung dieses Mittels machte ausserordentliches Aufsehen und „brachte alle Köpfe der jungen damals am alten Hofe befindlichen Wüstlinge in Aufruhr.“[357] Man liess den Herrn +Préval+ kommen, überhäufte ihn mit Schmeicheleien, wie sie kaum dem Entdecker einer neuen Welt zu Teil geworden wären, verlangte aber, dass er selbst in Gegenwart von Zeugen den nötigen Versuch machen sollte, die Wirksamkeit des von ihm angegebenen Mittels zu beweisen. +Préval+ ging darauf ein. Im Juni 1772 geschah das Unglaubliche. In Gegenwart vornehmer Herren vollzog unser Charlatan an einer exquisit inficierten Dirne, die im Spital der barmherzigen Schwestern behandelt wurde, einen Coitus, nachdem er zuvor sein berühmtes Mittel eingenommen hatte.[358] Er blieb gesund, wobei aber nicht mitgeteilt wird, ob eine frühere, doch sehr wahrscheinliche Syphilis dieses Lebemannes Ursache dieser Immunität war. +Parent-Duchatelet+[359] „könnte noch die Zeugen dieser merkwürdigen Szene nennen“, allein der Rang, den sie im Staate einnahmen, „befahl ihm Stillschweigen.“
Wir befinden uns nicht mehr in dieser Lage und nennen die Namen. Es waren der Herzog von +Chartres+, der Graf +de la Marche+, der Marschall +Richelieu+, der +Herzog von Nivernois+ und andere „Cavaliere“. Auch der Herzog von +Zweibrücken+ liess ähnliche Versuche anstellen, die günstig ausfielen. +Préval+ wurde vom Pariser Magistrat aufgefordert, die Syphilitischen im Bicêtre mit seinem Mittel zu behandeln. Es wurden ihm zu diesem Zweck 6 Männer und 4 Frauen zugewiesen. Von diesen Dingen bekam die medizinische Fakultät Kenntnis und trat zu einer merkwürdigen Sitzung am 8. August 1772 zusammen, in der +Préval+ aus der Liste ihrer Mitglieder gestrichen wurde, mit 154 gegen 6 Stimmen. Er fing darauf mit der Fakultät einen Prozess an und verklagte dieselbe vor dem Pariser Parlament. Nachdem dieses im Jahre 1777 den Beschluss der Fakultät aufgehoben hatte, wurde derselbe nach neuerlicher Weigerung der letzteren am 13. August 1777 bestätigt und +Préval+ ausserdem noch zu einer Geldstrafe von 3000 Francs verurteilt.
Wenn man auch dem Beschlusse der Fakultät als solchem zustimmen kann, so ist doch die +Begründung+ desselben sehr fragwürdiger Natur. An einer Stelle derselben heisst es nämlich: „Es wäre Sache der Moral, zu prüfen, bis zu welchem Punkte eine Erfindung erlaubt sein könne, welche kein anderes Ziel habe, als den natürlichen Reiz des Lasters noch durch den der Straflosigkeit zu verstärken. Wir wissen oder glauben es doch zum mindesten, dass ein Schutzmittel gegen die in Rede stehende Krankheit eine Liederlichkeit veranlassen würde, wodurch die Bevölkerung und bürgerliche Ordnung, wir könnten auch hinzusetzen, die Reinheit der Sitten leiden müssten.“ Schon +Girtanner+, der sich in seinem Werke überall als einen rigorosen Moralisten erweist, bemerkt dazu: „Der Erfinder eines solchen Mittels, verdiente nicht Verachtung, sondern den Dank des menschlichen Geschlechts, weil dadurch, in kurzer Zeit, die Lustseuche ganz von der Erde vertilgt werden müsste. Und welcher Menschenfreund wünscht nicht, dass es möglich wäre, eine so glückliche Revolution zu bewirken!“[360] +Parent-Duchatelet+, der diesem Gutachten der Pariser medizinischen Fakultät ein enthusiastisches Lob zollt, wird von +Proksch+ mit Recht getadelt.[361] Denn man kann das Laster verdammen, ohne der Menschheit die Schutzmittel vor Krankheiten zu entziehen, und wenn die +Furcht+ vor Krankheiten der einzige Beweggrund der Tugendhaftigkeit sein soll, dann dürfen wir +diese+ Tugend nicht allzuhoch einschätzen.
Das Hauptschutzmittel gegen die venerischen Ansteckungen war im 18. Jahrhundert wie -- heute: +der Condom+. Wir haben bereits mehrere Male auf den weit verbreiteten Gebrauch dieses Praeservativs hingewiesen, von dem in jedem Bordell, ein „ganzes Arsenal“ vorhanden war. Auch die alleinwohnenden Prostituirten betrieben den Verkauf dieser „redingotes d’Angleterre“. Als +Casanova+ in Marseille ankam und nach seiner Gewohnheit die erste Erholung von den Reisestrapazen bei einer Dirne suchte, wobei er seine Furcht vor Ansteckung äusserte, bot ihm das Mädchen „englische Hüllen“ an, welche „Beruhigung gewähren“. Aber er mochte sie nicht, da sie „von zu geringer Qualität waren.“ Darauf offerierte die Schöne „+feinere+ zu +drei Francs+ das Stück“, welche „die Händlerin nur dutzendweise verkaufte“ worauf +Casanova+ sich bereit erklärte, das ganze Dutzend zu nehmen und sich zu diesem Behufe ein paar Specimina von einer kleinen 15jährigen Dienerin „anpassen“ liess.[362]
Der Condom wurde von dem unter +Karl+ II. lebenden Londoner Arzt Dr. +Conton+ erfunden, ist daher eigentlich „Contom“ zu nennen. Nach der Angabe dieses Arztes wurde diese zum Bedecken des männlichen Gliedes vor dem Beischlaf bestimmte Hülle aus den Blinddärmen der Lämmer bereitet. Zu diesem Behufe ward das entsprechende Darmstück in gehöriger Länge aus den geschlachteten Lämmern herausgeschnitten, getrocknet und dann durch Reiben mit einem feinen Oele und Kleien schlapp, weich und geschmeidig gemacht.[363]
+Proksch+ macht über die weitere Geschichte und Beurteilung dieser Erfindung sehr interessante Mitteilungen und constatiert, dass in der Neuzeit „das hypermoralische Toben gegen den Condom“ beinahe ganz aufgehört hat. Die Aerzte erkennen den hohen Wert der Condome als Mittel zur Verhütung der venerischen Krankheiten fast einstimmig an. „Die meiste Anerkennung der Schutzkraft der Condome kam, freilich wider Willen, von einer Seite, von welcher man es gar nicht vermutet hätte.“ Im Jahre 1826 erschien nämlich ein päpstliches Breve (+Leo+ XII.), welches diese Erfindung verdammte, „weil sie die Anordnungen der Vorsehung hindert, welche die Geschöpfe an dem Gliede strafen wollte, mit dem es gesündigt.“ +Proksch+ übt an diesem Breve eine vernichtende Kritik, auf die wir den Leser verweisen. -- „Die Condome aus Blinddärmen der Lämmer, aus Fischblasen und Goldschlägerhäutchen sind weniger zuverlässig, da diese tierischen Membranen sehr bald vertrocknen, brüchig und rissig werden, von kleinen Insekten an- oder durchfressen werden, und zudem fast gar keine Dehnbarkeit im trockenen Zustande besitzen, sodass sie bei einer geringen Gewaltanwendung entzwei gehen können.“[364] +Proksch+, dieser ernsthafte und gelehrte Forscher auf dem Gebiete der venerischen Krankheiten, hat aber durch sehr exakte Versuche nachgewiesen, dass die Condome aus +Kautschuk+ die sichersten Schutzmittel gegen alle durch naturgemässen Beischlaf erworbenen venerischen Krankheiten sind.[365] Die moralischen Einwände, welche man gegen den Gebrauch dieser Condome erhoben hat, sind nicht stichhaltig für denjenigen, der weiss, dass +Alles+ in der Welt gemissbraucht werden kann, und dass das gesellschaftliche Wohl höher gestellt werden muss als die Bedenken des Einzelnen. Alle diese Einwürfe hat +Proksch+ im humansten Sinne widerlegt. Der +Arzt+, der die +Gesundheit+ des einzelnen Menschen, der Familie und der ganzen Gesellschaft zu schützen berufen ist, kann nicht den Standpunkt eines Theologen einnehmen, der sich, wie wir zugeben, auch vertheidigen lässt. Er muss auch einen +Missbrauch+ seiner Ratschläge von sich abweisen, der ihm doch gewiss nicht zur Last fällt. „Sollte durch den Condom einer jeden erdenklichen Unreinlichkeit und dem triefenden Schmutz einerseits und andrerseits den hirnverbrannten Einfällen eines jeden Wüstlings Rechnung getragen werden, dann müsste er freilich nicht nur die Geschlechtsteile, sondern auch den ganzen Körper überziehen.“ (+Proksch+.)
Endlich kommen wir zu einer letzten Gruppe von Aphrodisiaca. Das sind die +Surrogate+ des Mannes, wie wir sie nennen möchten, die künstlichen Apparate, welche der Frau die Abwesenheit des Mannes ersetzen sollen, vor allem die ledernen +Phalli+ oder +Godmichés+, die „Consolateurs“, wie sie bei der +Gourdan+ heissen die „bijoux indiscrets“, „bijoux de religieuse“ (englisch: Dildo, indiscreet toy; italienisch: Cazzo, Parapilla), deren Gebrauch aus dem Culte des Priapus entsprungen ist.[366] Diese schon seit dem Altertume[367] in Gebrauch befindlichen künstlichen Phalli erlangten im 18. Jahrhundert wieder eine weite Verbreitung, nicht blos in Frankreich[368], sondern auch in Deutschland, wo sie von den vornehmen Damen als „Samthanse“ bezeichnet wurden.[369] +Sade+ beschreibt sogar automatisch wirkende Godmichés (Juliette V 328), sowie kunstvoll mit verschiedenen scharfen Spitzen versehene Instrumente, wie sie z. B. die Tribade Zatta gebraucht (Juliette VI 124). Wie wir auf einer Abbildung in der „Philosophie dans le Boudoir“ (Band II, 31) ersehen, waren die Godmichés des vorigen Jahrhunderts ähnlich konstruiert wie diejenigen, welche noch heute in Frankreich Verwendung finden, und welche +Garnier+ folgendermassen beschreibt:[370] „On en fabrique ici (à Paris) en caoutchouc rouge durci, parfaitement imités, que l’on vend secrètement à des adresses connues de toutes les intéressées. Le mécanisme en est des plus ingénieux. Ils se gonflent à volonté et du lait ou tout autre liquide, placé à l’intérieur, s’échauffant au contact du vagin, s’échappe et se répand au moment psychologique, pour rendre l’illusion plus complète.“[371] Diese Dinge wurden übrigens nicht blos im Amor lesbicus gebraucht, sondern sogar auch zwischen Mann und Frau, w. z. B. Madame de St. Ange es zur Paedicatio des Dolmancé benutzt (Philosophie dans le Boudoir II, 31).
+Garnier+ meint, dass die sogenannten „japanischen Kugeln“, welche in Japan, China und Indien seit alter Zeit von wollüstigen Frauen benutzt wurden, erst seit 1819 nach Europa gelangt und damals zuerst im „Dictionnaire des sciences médicales“ beschrieben worden seien.[372] Das ist ganz unrichtig. Wie wir oben (S. 130) zeigten, waren diese „pommes d’amour“ schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich bekannt.
21. Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert.
„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis +de Sade+ ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach einer Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a beaucoup déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10). „Nur viel essen macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil (Juliette II, 72). Die „diners énormes“ sind daher recht häufig in +Sade’s+ Romanen (Juliette II, 268). Clairwil ist ebenso „capriciös in den Ausschweifungen der Tafel wie in denen des Bettes, in beiden gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur von Geflügel und Wildpret, trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und Kaffee. Elle mangeait excessivement.“ (Juliette II, 151).
„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen Trunk auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332). Ambroise sagt bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus leiht, kommen immer der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu der fürchterlichen Orgie beim Minister Saint-Fond präparieren sich die Teilnehmer durch die „ausgesuchtesten Weine und die opulentesten Speisen“ (Juliette II, 15), und auch während der Orgien lässt man sich zu den Unmässigkeiten des Comus und der Cypris durch „fremde Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette und die Königin Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen zwei Flaschen Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit begründet, dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach der kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit, ihr Bild steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem Vorbilde des von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen Wein verschiedener Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser Punsch und 10 Tassen Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden der Liebe macht (Justine III, 231-232).
Das 18. Jahrhundert war „in Wahrheit das Jahrhundert der grossen Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des grands cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“, vorzüglich in der Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu bereiten wusste.“ Die Indigestion war oft die „Strafe der grossen Esser“. Der Feldzug des Prinzen +Soubise+ in Deutschland wurde bekannter „durch seine opulenten Diners als durch seine Siege“. Der Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete Omelette, die 100 Thaler kostete.[374] +Voltaire+ sprach sich sehr scharf gegen die überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die nach seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse, welche unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal stattgefunden hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung +Ludwigs+ XVI. wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt und in regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira, der „den Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die Gänge unter sich teilten und die spanischen und Kapweine, welche das Werk krönten“.[377] Nach +Brillat-Savarin+ waren die Chevaliers und die Abbés die grössten Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et philosophiques“ wurden Mode, die aber, wie +Paul Lacroix+ bemerkt, ebenso sehr der Gastronomie gewidmet waren.[378]
Präsident +Henault+, der intime Freund der Madame +Du Deffand+, war bekannt durch seine vortrefflichen Diners. +Voltaire+ redet ihn einmal an:
Henault, fameux par vos soupers!
+Rétif+ beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre bei +Grimod de la Reynière fils+“[379] und berichtete über mehrere „pikante“ Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan +Guilbert de Préval+, wo der Dichter +Robé+ seine cynischen Poeme vorlas, bei Herrn +de Morfontaine+ und beim Grafen +de Gémonville+.[380] Ganz wie heute nahmen schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren „Freundinnen“ ein „vorbereitendes“ Souper ein. +Casanova+ schildert ein solches Souper in Marseille.[381]
Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen zur Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert +Reichardt+[382]. „Der sehr besonnene und von jeder Uebertreibung entfernte Geschichtschreiber fügt der Darstellung von den blutigen Septembertagen, indem er von den von Wut, Blut und Branntwein trunkenen, gedungenen Mördern spricht, die mit Säbel und Beil, mit Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung des Marseiller Marsches ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie wilde Tiere mordeten, folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan, dass die Getränke, welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem besonderen Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut erzeugte, und diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur vernünftigen Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im Kloster Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes zu trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la liberté)“.
Merkwürdig ist, dass der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen bereits den Typus des +Vegetarianers+ und des +Antialkoholisten+ gezeichnet hat. Der erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich J. +Newtons’s+ Schrift „Return to nature or defence of vegetable regime“, die 1811 in London erschien. +Sade+ führt in Bandole einen typischen Vegetarianer und Antialkoholisten vor, der allerdings diese Enthaltsamkeit aus sexuellen Gründen übte. Er isst wenig, und nur Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja, dieser Bandole ist bereits ein Vorläufer von +Leopold Schenk+. Zwar entwickelt er keine vollständige „Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass die Frau nur dann geschwängert wird, wenn sie eine gesunde und leichte Nahrung geniesst. Auch Zamé in „Aline et Valcour“ ist enragierter Vegetarianer, der sich des Fleischgenusses „par humanité et par régime“ enthält. Und er weist mit Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel, die sich nur von Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit erfreuen. Die jungen Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und frisch. Ihr Leben verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und sie werden durchaus glücklich.[383]
22. Diebstahl und Räuberwesen.
Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis +de Sade+ deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens, übt das Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der „berühmtesten Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet hat. (Juliette II, 193). Dieser wird durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen verführen und berauben lässt. Er empfindet einen besonderen sexuellen Genuss, wenn er bei der Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein kann. Seine Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später besprechen. -- Die Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti ist ebenfalls der Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der Diebstahl eine Wonne ist, kommen noch mehrere vor.[384]
Ungeheuerlich war ja die +Geldgier+ im Frankreich des 18. Jahrhunderts, was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt: „Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, +man entehrt sich, wenn man nicht reich ist+. Gold ist Alles und das übrige ohne Gold ist nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich vor meinen Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige es ihm mit Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das Geld“. Graf +Tilly+ sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un siècle dont le devise pourrait être: laissons là les parchemins: nous parlerons un autre jour de vos vertus. +Montrez moi de l’or+“. Das Geld ist der „universelle Motor“ dieser Zeit geworden, wie Madame +du Hausset+ sagt[385]. Die Räuber und Diebe, von denen es auch in +Sade’s+ Romanen wimmelt, bildeten die wirksame Staffage der Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der Prostitution in der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen Diebstahl, Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und blieben fast während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung. Schon in der ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche Diebstähle und Morde zahlreicher als gewöhnlich“ geworden, so dass die Massnahmen der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die Gefängnisse und deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der 10. Aug. und die Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen entsetzlichen Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu angethan, die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf den Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry im Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess und sogar durch +öffentliche Anschläge+ zum Eintritt in ihre Reihen einluden, indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in Aussicht stellten! In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete sich der Zustand in Paris zu einem geradezu unerträglichen. Die Verbrechen vermehrten sich dermassen, dass „+tagtäglich Diebstähle+ und Morde begangen wurden“. Das Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer der Spitzbuben und Betrüger diejenige der ehrbaren Leute überstiege“. Zu Anfang dieses Jahres lagerten zahlreiche Räuberbanden um Paris. Eine Menge von Raub- und Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter Grausamkeit ausgeführt“ verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser +Bourdroux+ war besonders berüchtigt als Führer einer solchen Bande. Die Ueberfälle von Seiten der Räuberbanden „geschahen meist mit unerhörter Keckheit, die Häuser wurden förmlich erstürmt, die Insassen sämtlich auf grässliche Weise ermordet, und dann erst die Plünderung vollzogen“.[388]
Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung der Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der Liederlichkeit gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution, zumal die der niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den Banden der Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren Besucher ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt würden; ferner die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen der Faulheit, der Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die Spielhäuser.[389]
In der Bevölkerung wurde jeder Sinn für die öffentlichen Interessen durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle Unterhaltung drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle. Die Straflosigkeit der Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen Beispiels oder zerstörte alle Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein und Haben, von Mein und Dein. In dem Meere der allgemeinen Verderbnis ging jeder Anflug von Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten machten sich aus Eitelkeit und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters und des Verbrechens. „Der Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen sich am Pranger gegen „alle Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht nur in ihren Zurufen, sondern auch in ihren Gebärden und Handlungen so überaus schamlos, frech und gemein, dass man schliesslich anordnen musste: allen ausgestellten Weibern die Hände und die Röcke festzubinden!“ +Schmidt+ betont besonders die „grauenhafte Thatsache“, dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein Teil der blutigen und unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt und empfohlen, der andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es eine vollständige Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der Revolutionszeit: man würde sicher nach allen Richtungen hin zu +schaudererregenden Ziffern+ kommen.“[390]
Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und Räubereien in +Sades+ Romanen verstehen.
23. Der Giftmord.
Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen. Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie die +Brinvilliers+ und die +Voisin+ geschlechtlich ausschweifende Weiber waren. +Sade+, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des menschlichen Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus erfasst und in der Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht. Höchst anschaulich malt er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei aus, die eine ungeheuere sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III, 214.) Auch ist der Giftmord wegen seiner Unauffälligkeit den anderen Arten der Tötung vorzuziehen. Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der Tod überrascht unter Deinen Augen die betreffende Person, ohne Lärm, ohne Skandal, kaum dass Du es merkst. O Justine! Justine! es ist eine herrliche Sache, das Gift! wie viel Dienste hat es schon geleistet! wie viel Leute bereichert, von wie viel unnützen Wesen die Welt befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal par excellence. (Juliette III, 220 ff.) +Sade+ hat sie deutlich als krankhaft entartete Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit ihrem cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit das Bild der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen ganzen Garten mit Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte, Emmenagoga, Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren das „poudre du crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet wird, damit seine krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten Grad der Wollust bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de tigre d’Ethiopie“, mit der ein junger Mann aus der Welt geschafft wird, das „Königsgift“ (poison royal), durch welches nach +Sade+ unter +Ludwig+ XV. viele Mitglieder der königlichen Familie vergiftet wurden. Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile, verschiedene Schlangengifte („Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“, „Aimorrhois“). Auch der Minister Saint-Fond betreibt Giftmord im Grossen, ebenso Noirceuil, der der +Brinvilliers+ einen Lobhymnus singt (Juliette II, 31 und 85).
Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski Strammonium in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die Durand und Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit Giften eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251).
Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der Regierung +Ludwig’s+ XIV. eine wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem Lande eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte Abbé +Guibourg+, der Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie mit Giften und Liebesphiltren.[391] Der Giftmord nahm so überhand, dass der König am 7. April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre royale de l’arsénale“ oder „Chambre ardente“ errichten musste, die ausschliesslich sich mit Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am bekanntesten ist die Giftmischerin +Marie Madeleine Marquise de Brinvilliers+, die auch der Marquis +de Sade+ sehr häufig erwähnt.[392] Es ist interessant, dass dieses teuflische Weib, wie sich aus einer unter ihren Papieren aufgefundenen Autobiographie ergab, +von frühester Jugend an in sexuellen Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete+. Eine unersättliche Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben. Dies war offenbar das Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier, welche eigentlich nichts weiter ist, als ein potenzierter Egoismus, macht zuerst gefühllos gegen das Geschick und die Leiden Anderer. Diese Hartherzigkeit wandelt sich bei weiterem Fortschreiten der sexuellen Entartung in Grausamkeit und Mordlust um. So geschah es auch in diesem Falle. Erst nach längeren Ausschweifungen lernte die +Brinvilliers+ von ihrem Geliebten +de Sainte-Croix+ die Giftmischerei kennen, die sie dann mit einer wahren Wollust betrieb. Sie vergiftete ihren Vater, ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und zahlreiche andere Personen. Nach Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie am 16. Juli 1676 enthauptet; ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut, so dass, wie Madame +de Sévigné+ in ihren Briefen erzählt, „ganz Paris Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und dadurch von gleichem Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393]
In der That trat diese Infektion ein. Die Giftmorde mehrten sich in erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktive +Voisin+, die +Vigouroux+, des +Œillets, Delagragne+ sind die berühmtesten Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde dies Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt. Die bekanntesten Giftmischer sind +Desrues+ und seine Frau, die sich um jeden Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der ihnen im Wege stehenden Personen griffen.[394] +Sade+, der alle ihm naheliegenden Vorbilder benutzt hat, lässt auch diesen +Desrues+ zusammen mit dem grossen Räuber +Cartouche+ als Henker bei einer Orgie fungieren, oder vielmehr durch Noirceuil zwei Männern diese berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI, 323). Ebenso erzählt +Rétif de la Bretonne+ im vierten Bande der „Année des dames nationales“ (S. 1166 ff.) die Affaire +Desrues+.
24. Mord und Hinrichtungen.
Des Marquis +de Sade+ Werke triefen von Blut wie sein Jahrhundert. Das ist es, was ihren unseligen Ruf begründet hat. Keiner hat vor ihm und nach ihm mit so grässlicher Wahrheit jene verhängnisvolle Kombination geschildert, die er unermüdlich und mit einer eisernen Konsequenz in seinen Büchern walten lässt; die Kombination des Jahrhunderts: +Wollust+ und +Blut+! Er hat sein Jahrhundert aufs Papier gebracht! Deshalb wirken seine Schriften so verderblich, deshalb grinst uns aus ihnen eine Welt der Hölle an. Denn der +Schrecken+ verging, alle +wirklichen+ Qualen jener Zeit sind dahin und die ungeheuren Ströme von Blut in die dunkle Erde hinabgeflossen, die sie mitleidig aufnahm. Aber in +Sade’s+ Werken +lebt+ jener Schrecken noch, da wird er vielleicht für ewige Zeit bis zur Vernichtung der Welt leben: „Justine“ und „Juliette“ sind die wirklichen Reste einer grausen Zeit. Leichengeruch weht uns aus ihnen an, und die mordende Wollust des 18. Jahrhunderts wird wieder lebendig. Wir sind in Sodom.
Konnte dies +ein+ Mensch ersinnen und erdenken? Nein! Auch hier ist es das +Gemälde+ der +Zeit+. Wir wollen +Sade+ Gerechtigkeit widerfahren lassen. Und das können wir nur, indem wir ihn +erkennen+. Denn die Erkenntnis ist das Höchste in der Welt. Sie allein führt zur Gerechtigkeit, nicht das blosse dumpfe Gefühl, welches sich von solchem Graus mit Abscheu abwendet. Schon +Jules Janin+ sagte, dass der Marquis +de Sade+ ein Objekt der „histoire naturelle“ sei, dass man über ihn schreiben müsse, wie man die Monographie des Skorpions oder der Kröte schreibt.[395] Nur die kalte wissenschaftliche Analyse kann das Wesen dieses Mannes erleuchten und das endgiltige Urteil über ihn feststellen. Nur sie hat ein Recht zu diesem Urteil.
Sehen wir zu, ob dieses Jahrhundert der Wollust nicht auch eines der unerhörtesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Mordlust gewesen ist!
Die +Hinrichtungen+ waren im 18. Jahrhundert öffentlich. Wirkte vor der Revolution die +Grausamkeit+ derselben depravierend auf die Zuschauer, so wirkte +während+ der Revolution die +Massenhaftigkeit+ der Enthauptungen vielleicht noch verderblicher. Mit Recht erklärte der edle +Beccaria+ in seiner klassischen Schrift „Ueber Verbrechen und Strafen“, die jeder Menschenfreund gelesen haben sollte, dass die Hinrichtungen, für den grössten Teil der Zuschauer zu einem Schauspiel werden und die Menschen grausam machen.[396] Das französische Volk, von Natur zur Grausamkeit geneigt, war dieser Gefahr in höherem Grade ausgesetzt als jedes andere. Die grossen Geister jener Zeit erkannten dies wohl. So verdammt +Montesquieu+ im „Esprit des lois“ die Foltern und die schrecklichen Martern bei der Hinrichtung, und +Voltaire+ hörte niemals auf, gegen diese Unmenschlichkeiten zu protestieren.
Bis zur Revolution waren in Frankreich als Arten der Todesstrafen hauptsächlich die +Vierteilung+, das +Rad+ und der +Galgen+ gebräuchlich. Die mildere Enthauptung wurde so selten ausgeübt, dass sie sogar von den Henkern „verlernt“ wurde, wie die Hinrichtung des Grafen +de Lally+ im Jahre 1766 bewies.[397] Die gewöhnliche Weise der Hinrichtung war das +Rad+, das denn auch bei +Sade+ öfter vorkommt. Der unglückliche Delinquent wurde auf „einem Wagenrade ausgestreckt.“ Der Henker zerbrach ihm mit einer schweren eisernen Stange die Knochen der oberen und unteren Extremitäten, und verfuhr dabei mit grosser Geschicklichkeit, um sich den Beifall der Zuschauer (les suffrages des spectateurs) zu erwerben.[398] Sodann wurde der Delinquent in die Speichen des Rades geflochten und sterbend zur Schau gestellt.
Die Strafe des Galgens ist bekannt. Die Vierteilung werden wir bei der schauerlichen Hinrichtung des +Damiens+ kennen lernen.
Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen und genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese Executionen auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die des Strassenräubers +Cartouche+ und seiner Bande (27. November 1721), des Räubers +Nivet+ und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des +Deschauffonis+, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der Gattenmörderin +Lescombat+ durch den Galgen (1755), des +Damiens+ durch Vierteilung (1757), des Giftmörders +Desrues+ und seiner Frau durch das Rad (1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung und verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen und oft leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder nicht die am wenigsten Ungeduldigen. Jede folgte „avec ardeur“ allen Peripetien der Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte. Der Scharfrichter, umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines Seigneur inmitten seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert, ausgesucht vornehm in weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher. Das Volk verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte bekam es zu merken ob das Volk guter oder schlechter Laune war, da man ihn je nachdem bald mit Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf- und Zornesrufen überschüttete.[399]
Die grässlichste Hinrichtung, die vielleicht jemals vollzogen worden ist, war die des unglücklichen +Robert François Damiens+, der am 5. Januar 1757 einen Mordversuch auf den König +Ludwig+ XV. machte und dafür am 28. März dieses Jahres unter entsetzlichen Martern vom Leben zum Tode gebracht wurde. +Thomas Carlyle+, dieser, was den Ausdruck des Affects betrifft, ohne Zweifel grösste Geschichtschreiber der grossen Revolution, bricht angesichts der blutigen Greuel der Schreckenszeit in den Ruf aus: „Ach diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder, wie glänzende von Thränen unsterblichen Mitleids perlende Augen, voll Mitleid über der Menschen Los!“[400] Uns scheint, dass +tausend+ Hinrichtungen mit der Guillotine nicht die eine furchtbare Exekution des armen +Damiens+ aufwiegen können, die wirklich gen Himmel schreit und das Mitleid der Sterne anruft, dass diese Schandtat des ancien régime selbst durch die während der Revolution geflossenen Ströme von Blut kaum gelöscht worden ist. Und wenn wir nun die Einzelheiten derselben vernehmen, dann wird uns ein Blick in die Grausamkeit der französischen Volksseele eröffnet, der mit einem Schlage die Werke eines Marquis +de Sade+ begreiflich macht und den wollüstigen Blutdurst der Revolution vorherahnen lässt.
Ueber die Hinrichtung des +Damiens+ besitzen wir den Bericht eines Augenzeugen, dem wir in der Hauptsache folgen.[401]
An +Damiens+ wurde dasselbe Urteil vollstreckt wie an dem Mörder +Heinrich’s+ IV., +François Ravaillac+, am 27. Mai 1610. Er (Damiens) wurde zunächst am Morgen des 28. März 1757 gefoltert, wobei ihm mit glühenden Zangen Brüste, Arme, Schenkel und Waden aufgerissen und in die Wunden geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pech mit Wachs und Schwefel vermischt, gegossen wurden. Gegen drei Uhr Nachmittags wurde der Unglückliche dann zuerst nach Notre-Dame und darauf zum Grève-Platze geführt. Alle Strassen, die er dorthin passieren musste, waren von einer dichten Menschenmenge (monde affreux) besetzt, die „weder Hass noch Mitleid“ bezeugte. +Charles Monselet+ berichtet: „Wohin auch der Blick sich wendete, überall bemerkte er nur die Menge, immer wieder die Menge. Die Menge unter der Arkade Saint-Jean! Die Menge in den ersten Häusern der Rue de la Mortellerie! Die Menge in der Rue de la Vannerie! Die Menge in der Rue de la Tannerie! Die Menge an der Kreuzung der Rue de l’Epine und der Rue de Mouton! Die Menge an allen Ausgängen des Platzes. Auf dem Platze selbst eine compakte Menge, bestehend aus allen möglichen Elementen, aber vor allem aus dem Pöbel. In den Fenstern eine geschmückte, kokette Menge; vornehme Herren und grosse Damen, grosse Damen besonders, die mit dem Fächer spielten und ihre Riechfläschchen im Fall einer Ohnmacht bereit hielten.“[402] Um 4½ Uhr nahm dann jenes grässliche Schauspiel seinen Anfang, dessen blosse Schilderung uns -- wir wollen dies nicht verschweigen -- noch heute Thränen des Mitleids und des Wehs über die unsäglichen Leiden eines längst in Staub Zerfallenen entlockt hat.
In der Mitte des Platzes war eine niedrige Plattform errichtet, auf welcher der Unglückliche, der weder Furcht noch Erstaunen zeigte, sondern nur den Wunsch bekundete, schnell zu sterben, von den sechs Henkern mit eisernen Ringen festgebunden wurde, so dass der Rumpf vollkommen fixiert war. Darauf fesselte man ihm die rechte Hand und liess sie in einem schwefligen Feuer verbrennen, wobei der Bejammernswerte ein entsetzliches Geschrei erhob. Man sah (nach +Monselet+), während die Hand verbrannt wurde, die Haare des Unglücklichen sich auf dem Kopfe steil emporrichten! Darauf zwickte man wieder den Körper mit glühenden Zangen und riss ihm Fleischstücke aus der Brust und an anderen Stellen aus, goss dann flüssiges Blei und kochendes Oel in die frischen Wunden, was, wie es in den „Mémoires“ von +Richelieu+ heisst, die Luft auf dem ganzen Grève-Platze durch den entsetzlichen Gestank verpestete. Nunmehr befestigte man um Oberarme und Oberschenkel, um Hand- und Fussgelenke grosse Taue, die mit dem Geschirr von vier Pferden verbunden wurden, welche an den vier Ecken der Plattform standen. Dann trieb man diese Pferde an, die so den Delinquenten zerreissen sollten. Allein diese waren nicht gewohnt, solche Henkersdienste zu tun. +Mehr als eine Stunde+ hieb man auf sie ein, ohne dass es ihnen gelang, eine der Extremitäten abzureissen. Nur die gellenden Schmerzensschreie unterrichteten die „nombre prodigieux de spectateurs“ von den unerhörten Qualen, die hier ein menschliches Wesen erdulden musste. Man spannte sechs Pferde vor, die alle zugleich in Bewegung gesetzt wurden. Das Geschrei des +Damiens+ steigerte sich zu einem wahnsinnigen Gebrüll. „So kräftig war dieser Mensch.“ Wieder blieb der Erfolg aus. Endlich bekamen die Henker von den Richtern die Erlaubnis, das grauenvolle Werk durch Einschneiden der Gelenke zu erleichtern. Zuerst durchtrennte man die Hüftgelenke. Der Unglückliche „hob noch den Kopf, um zu sehen was man mit ihm machte,“ schrie aber nicht, sondern drehte oft den Kopf nach dem ihm entgegengehaltenen Kruzifix, das er küsste, während zwei Beichtväter auf ihn einsprachen. Endlich nach 1½ Stunden dieser „Leiden ohne Beispiel“, wurde der linke Schenkel zuerst abgerissen. +Das Volk klatschte in die Hände+! Der Delinquent hatte sich bis jetzt nur „neugierig und gleichgültig“ gezeigt. Als aber der andere Schenkel weggerissen wurde, fing er wieder an zu schreien.[403] Nachdem man die Schultergelenke durchgehauen hatte, wurde zuerst der rechte Arm abgetrennt. Das Geschrei des Unseligen wurde schwächer, und der Kopf begann zu wackeln. Erst beim Abreissen des linken Armes fiel derselbe hintenüber. So war nur der zuckende Rumpf übrig, der noch lebte und ein Kopf, dessen Haare plötzlich weiss geworden waren. Er lebte noch! Während man die Haare abschnitt und die vier Gliedmassen sammelte, stürzten die Beichtväter zu ihm. Aber +Henri Sanson+ (der Scharfrichter) hielt sie zurück, indem er ihnen mitteilte, dass +Damiens+ soeben den letzten Seufzer ausgehaucht habe. „Die Wahrheit ist“, schreibt der zuverlässige +Bretonne+, „dass ich noch den Rumpf sich drehen und den Unterkiefer, wie wenn er spräche, sich hin und herbewegen sah.“ Dieser Rumpf atmete noch! Seine Augen wandten sich noch gegen die Umstehenden. Man berichtet nicht, ob das Volk noch zum zweiten Male in die Hände klatschte. Sicher ist, dass während der Dauer der ganzen Hinrichtung Niemand daran dachte, seinen Platz zu verlassen, weder in den Fenstern noch auf der Strasse. Die Reste des Märtyrers wurden auf einem Scheiterhaufen verbrannt, und die Asche in die vier Winde zerstreut.[404] „Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der -- man möge es glauben -- die grössten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch erlitten hat, was die +Dauer+ derselben anbetrifft.“ So schliesst der Herzog von +Croy+, ein Augenzeuge, seinen Bericht, den wir fast wörtlich übersetzt haben. Und +Monselet+ ruft aus: „Dass man mir nicht mehr von der Anmut und dem Leichtsinn des achtzehnten Jahrhunderts spricht! Dieses rosige Jahrhundert ist für ewig befleckt mit dem Blute des +Damiens+!“ Noch einige andere Nachrichten von Augenzeugen teilen wir mit, die jenem Bilde des Jammers eine infernalische Ruchlosigkeit zur Seite stellen, wie sie selbst ein +Sade+ kaum hat schildern können. Und man denke sich, dass das, was wir berichten, +wirklich+ geschah! Ein ganzes Volk berauscht sich vier Stunden hindurch an den entsetzlichsten Qualen, welche die Welt jemals gesehen hat!
„Der Zusammenfluss von Menschen in Paris an diesem Tage war unbeschreiblich. Die Bewohner der benachbarten Dörfer und der entfernten Provinzen, sogar Ausländer waren herbeigekommen wie zu der glänzendsten Lustbarkeit. Nicht allein die Fenster nach dem Gerichtsplatz zu, sondern auch die Dachfenster und Bodenluken wurden mit einem rasenden Preise bezahlt. Kopf an Kopf war auf den Dächern zu sehen. +Am meisten erstaunte man über die hitzige Begierde der Frauenzimmer+, die sonst so gefühlvoll, so mitleidig sind, diesem grässlichen Schauspiel nachzugehen, +sich daran zu weiden+, und es mit aller seiner Schrecklichkeit bis ans Ende thränenlos und ohne Rührung zu betrachten, während alle Mannspersonen schauderten und ihr Gesicht wegwandten.“[405]
Madame +du Hausset+ erzählt in ihren Memoiren, dass man sogar während der Hinrichtung spielte.[406] Ja, man that noch Schlimmeres. +Casanova+, der einer von den Ausländern war, welche der Execution beiwohnten, berichtet über eine Szene, welche eine schauerliche Illustration zu der Lehre +Sade’s+ ist, dass die Qualen eines Anderen die eigne Wollust aufstacheln. +Casanova+ erzählt: „Am 28. März, dem Tage des Märtyrertums von +Damiens+, holte ich die Damen schon früh bei der +Lambertini+ ab, und da der Wagen uns kaum fassen konnte, nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoss und wir begaben uns so nach dem Grèveplatze. Die drei Damen drängten sich zusammen, so viel sie vermochten und nahmen die erste Reihe an dem Fenster ein; sie bückten sich dabei und stützten sich auf die Arme, um uns nicht zu verhindern, über ihre Köpfe hinwegzusehen. Das Fenster hatte drei Stufen oder Tritte, und die Damen standen auf dem zweiten. Um über sie wegsehen zu können, mussten wir uns auf dieselbe Stufe stellen; denn auf dar ersten würden wir sie überragt haben. Nicht ohne Grund gebe ich meinen Lesern diese näheren Umstände an. Denn sonst würde es schwer sein, die Details zu erraten, die ich ihnen verschweigen muss.
„Wir besassen die Ausdauer, vier Stunden bei diesem abscheulichen Schauspiel zu verharren. Die Hinrichtung des +Damiens+ ist zu bekannt, als dass ich davon zu sprechen brauchte; zunächst, weil die Schilderung zu lang sein würde, und dann, weil solche Greuelthaten die Natur empören. Während der Hinrichtung dieses Opfers der Jesuiten[407] musste ich die Augen abwenden und mir die Ohren zuhalten, wenn ich das herzzerreissende Geschrei hörte, als er nur noch seinen halben Körper hatte; aber die +Lambertini+ und die dicke Alte machten nicht die geringste Bewegung; war das eine Wirkung der Grausamkeit ihres Herzens? Ich musste mich stellen, als glaubte ich ihnen, indem sie mir sagten, der Abscheu den ihnen das Attentat dieses Ungeheuers einflösste, hätte sie gehindert, das Mitleid zu fühlen, welches notwendiger Weise der Anblick der unerhörten Qualen, denen man ihn unterwarf, erregen musste. Die Thatsache ist, dass +Tiretta+ die fromme Alte während der Zeit der Hinrichtung auf eine eigentümliche Weise beschäftigt hielt. Vielleicht war das auch die Ursache, dass diese tugendhafte Dame keine Bewegung machte und auch den Kopf nicht umdrehte. Da er sehr nahe hinter ihr stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihr Kleid in die Höhe zu schlagen, um nicht die Füsse darauf zu setzen. Das war ohne Zweifel in der Ordnung; allein als ich eine unwillkürliche Bewegung nach der Seite machte, bemerkte ich, dass +Tiretta+ die Vorsicht zu weit getrieben hatte.“[408]
Jeder Commentar zu der Erzählung +Casanova’s+ ist überflüssig. Dass es sich nicht um einen +momentanen+ Anfall von Satyriasis gehandelt, sondern um eine die einzelnen Phasen der grauenvollen Hinrichtung +begleitende+ und durch sie +hervorgerufene+ wollüstige Ekstase, geht mit aller Evidenz daraus hervor, dass diese scheusslichen sexuellen Manöver +zwei Stunden+ lang dauerten, wie +Casanova+ ausdrücklich hervorhebt.[409] „Die Handlung wurde wiederholt und ohne einen Widerstand.“
Dass +Ludwig+ XV. den Gesandten mit grossem Behagen alle Einzelheiten dieser Execution mitteilte, wird nicht Wunder nehmen.[410] Auch die Hinrichtung des Giftmischers +Desrues+, der am 6. Mai 1772 gerädert und dann noch lebend verbrannt wurde, lockte eine grosse Zuschauermenge an, „spectateurs distingués ont désiré jouir de cet épouvantable spectacle“, und die Zimmer auf dem Grèveplatze wurden „sehr teuer vermietet.“[411]
Die Revolution fand also ein auf Hinrichtungen wohl dressiertes Publikum vor. Wir betonen nochmals, dass +Sade+ alle Greuel der Schreckenszeit mit erlebt hat, da er 1790 freigelassen wurde und nur von Dezember 1793 bis zum 10. Thermidor (28. Juli) 1794 wieder im Gefängnis sass. Gleich die ersten Vorläufer der Septembermorde, die Erstürmung der Bastille (14. Juli 1789), der Zug nach Versailles (5. Oktober 1789), die blutigen Ereignisse in Avignon in den Jahren 1790 und 1791, lassen erkennen, welche Rolle die +Frauen+ bei den Hinrichtungen und Morden spielen würden, und dass keineswegs den französischen Frauen des Volkes der Blutdurst und die Grausamkeit eigentümlich war. In Avignon war der Streit zwischen den päpstlichen Aristokraten und dem patriotischen Volke aufs heftigste entbrannt. Schon Anfang 1790 forderte der „päpstliche Galgen“ seine Opfer, um bald nach Ankunft des berüchtigten +Jourdan+ von dem „patriotischen“ Galgen abgelöst zu werden. Am 14. September 1791 wurde Avignon dem französischen Reich einverleibt und eine Regierung von „sechs leitenden Patrioten“ eingesetzt. Am 16. Oktober 1791 begab sich einer derselben, +l’Escuyer+ in die Cordelierskirche, um dort die Päpstlichen zusammen zu treffen und „ein Wort der Ermahnung zu ihnen zu sprechen“. Die Antwort darauf war „ein kreischendes Geheul der +aristokratisch-päpstlichen+ Andächtigen, worunter +viele Weiber+ waren. Ein tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da +l’Escuyer+ nicht floh, zum tausendhändigen Drängen und Stossen wurde, zum tausendfüssigen Treten, mit Niederfallen und Getretenwerden, mit dem Stechen von Nadeln, Scheren und anderen weiblichen zugespitzten Instrumenten. Grässlich zu sehen, wo rund herum die alten Toten und Petrarcas Laura schlafen, der Hochaltar und brennende Kerzen und die Jungfrau darauf herniederblicken; die Jungfrau ganz ohne Thränen und von der natürlichen Farbe des Steins. -- +l’Escuyers+ Freunde stürzen wie Hiobsboten zu +Jourdan+ und der Nationalmacht. Aber der schwerfällige +Jourdan+ will sich vorerst der Stadtthore bemächtigen, eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als man in der Cordelierskirche anlangte, ist sie still und leer; +l’Escuyer+, ganz allein, liegt da am Fusse des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend, von Scheren zerstochen, unter die Füsse getreten, massakriert. Seufzt noch einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.“[412] Nun folgte das schreckliche Strafgericht, welches unter dem Namen des „Eisturms“ von Avignon für immer einen traurigen Ruhm erlangt hat. Männliche und weibliche Aristokraten wurden ins Schloss geschleppt und in unterirdische Kerker am Rhonefluss geworfen. Neben diesen Verliessen befand sich die „Glacière“ (auch „Trouillas“ oder „Pressoir“ genannt), der berüchtigte „Eisturm“, ein „lieu de mort, lieu de supplice“, die grosse Totenkammer, in welche früher die Opfer der Inquisition lebend hinabgeworfen wurden, mitten unter Skelette, wo man sie verhungern liess. Wieder sah dieser entsetzliche „Eisturm“ Thaten, „für die die Sprache keine Namen besitzt.“ -- Undurchdringliches Dunkel und Schatten entsetzlicher Grausamkeit umhüllen diese Schlosskerker, diesen Glacièreturm. Nur dies ist klar, dass viele eintraten, wenige zurückgekehrt sind. Als am 15. Novbr. 1791 der General +Choisi+ in Avignon einrückte und +Jourdan+ absetzte, da fand man im Eisturme „+hundertdreissig Leichname+ von Männern und Weibern, ja selbst Kindern (denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt, konnte ihr Kind nicht verlassen) lagen aufgehäuft in jener Glacière, faulend unter Fäulnis, zum Entsetzen aller Welt.“
Unverkennbar hat der Marquis +de Sade+ diesen Eisturm von Avignon, der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe mit ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen Gewölbe des Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine Opfer schleppt. So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten unterirdischen Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen (Justine IV, 176, 221).
Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August 1792, von der +Carlyle+ sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte der Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche Biederkeit und Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden Schweizern sich wieder gezeigt habe, kam jene +Septemberwelt+ „dunkel, voll Nebel, wie eine Lappländer Hexenmitternacht“; vom Sonntag dem 2. September 1792 nachmittags bis zum Donnerstag, 6. September 1792 abends folgen nacheinander „hundert Stunden, die man der Bartholomäusmordnacht, den Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen Vesper oder dem Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an die Seite stellen muss. Schrecklich ist die Stunde, ruft +Carlyle+ aus, wenn die Seele des Menschen in ihrem Wahnsinn alle Schranken und Gesetze durchbricht und zeigt, welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen! Aus ihrem unterirdischen Kerker sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen hier in diesem Paris, wie wir sagten, wie es schon lange prophezeit war; grässlich, verworren, peinlich anzusehen, und doch kann man, ja man sollte wirklich nicht es jemals vergessen“.[413]
Priester, Aristokraten, Schweizer wurden aus den Gefängnissen hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein hoher Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das Geheul der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern, das noch grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen wird nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei, das laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin +Lamballe+ wird der schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt. Ihr schöner Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten, obscönen Greueln von Schnurrbart -- grands-lèvres, die die Menschheit gern für unglaublich hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von +Jourgniac’s 38stündiger Todesangst+[414], von +Matons Erlebnissen+ vor seiner „Résurrection“[415] und von dem Dritten im Bunde, dem armen +Abbé Sicard+.[416] Diese drei könnten wir hören in „wunderbarer Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit sie gleichzeitig ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen Nachtwachen, für uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber „die anderen +Tausendundneunundachtzig+, worunter Zweihundertzwei Priester, die ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für immer in schwarzem Tode erstickt.“[417]
Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat in den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei +Carlyle+ nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die „grands terroristes“, die +grossen Schreckensmänner+, Gestalten der Hölle, die +Fouché+, +Collot+, +Couthon+ in Lyon, die +Saint-André+ in Brest, die +Maiquet+ in Orange, +Lebon+ (der Namensvetter eines modernen ebenso scheusslichen +Lebon+) in Arras und +Carrier+ in Nantes, diese „Weltwunder“ (nach +Carlyle+) schwelgen in „Strömen sich ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch wie die Gestalten des Marquis +de Sade+ in -- Wollust.
Schon +Brunet+ hat den grössten der grossen Terroristen, +Jean Baptiste Carrier+ als einen derjenigen bezeichnet, die +Sade+ als Vorbild für die blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und ohne welche „letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben würden“[420].
Neuere Forschungen, insbesondere die Schrift des Grafen +Fleury+[421] haben dies vollauf bestätigt. +Carrier+ war ein Schlächter und Henker aus Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner Geliebten und Oberaufseherin +Caron+ sich den widerlichsten Orgien hingab. Er „stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu finden.“ Il faudrait un volume, pour rappeler les orgies auxquelles présida le représentant. Er +liess schöne Frauen, nachdem er sie genossen hatte, ertränken.+ In seinem Serail an der Barrière de Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem Briefe +Julliens+ an +Robespierre+ heisst, seine Nächte mit „frechen Sultaninnen und niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten, während die +Caron+ diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert worden war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen müde ward und zu den „+Noyades+“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt geworden sind für alle Zeiten.“
In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im Dunkel der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt +Carrier+, „wurde +senkrecht+ vollstreckt“. (Déportation verticale). Bald folgte eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu Schiffen mit aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der Todesangst die Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten, liess der scheussliche +Grandmaison+, der Helfershelfer +Carrier’s+, die Finger abhauen![422] Man warf auch die Opfer mit gebundenen Händen ins Wasser, ergoss einen beständigen Bleihagel über die Flussstelle, bis der letzte mit dem Wasser Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen versichern, dass man oft die Frauen vollständig nackt auszog, dass man kleine Kinder hineinwarf, deren jammernden Müttern erwidert wurde: „Wölflein, die zu Wölfen heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden zusammengebunden und hineingeworfen. Das sind die „+republikanischen Hochzeiten+“ (mariages républicains), ebenso berühmt für alle Zeit. Und als der Strom die Leichen wieder zurückwälzt, als Raben und Wölfe sich gierig auf die am Flussufer liegenden Cadaver stürzen, da ruft +Carrier+ aus: „Quel torrent révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da verlässt dieser Nero der Revolution sein Serail, begleitet von seinen Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“ Sie schauen dem grässlichen Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il passait les nuits en orgies bacchiques avec des femmes et ses ‚roués‘ ordinaires.“ So meldet die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren, und dass im ganzen 4860 Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder unter 15 Jahren.[423] Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am Sonnenlicht untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“ (+Carlyle+).
Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie +Sade+ und mit ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution alle Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden vor dem ‚+flambeau de la philosophie+‘.“ Ist das ein Zufall?[424]
In +Lyon+, wo +Collot-d’Herbois+ haust, „fliessen die Gossen auf der Place des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper auf ihren Wellen dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über den Fluss geführt, um auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und Kanonen in Masse erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu grässlich, um sie in Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die Nationalgarden beim Feuern das Gesicht abwenden.“[425]
Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so zur +Gewohnheit+ geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis 1794. Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine, +Mordbanden+ wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche im Süden Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl der Menschen, die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die Guillotine, sei es auf andere Weise, war Legion. Vom Könige und der Königin bis hinab zum Schuster +Simon+ mussten sie alle dahin. Und wahr wurde auch das Wort des düsteren +Saint-Just+, dass „für Revolutionäre es keine Ruhe gäbe als im Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie Saturn, ihre eigenen Kinder (+Verguiaud+).
In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern vergewaltigt (Madame +Roland+ in ihren Memoiren); aus den Haaren guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in Meudon war nach +Montgaillard+ eine „Gerberei von menschlichen Häuten, solcher Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und woraus ein ganz gutes Waschleder gemacht wurde, zu Hosen und anderem Gebrauch. Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die Haut der Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im Gewebe.“[426]
Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er sich im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des Thermidor zu furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat guillotiniert. Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen Namen, der unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es +Houssaye+ in erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427] Unter ihnen glänzt ein Name (7. Thermidor) ganz besonders: +André Chénier+.
La sainte guillotine va tous les jours!
Und endlich kommt jener +neunte Thermidor+, der das Ende der Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen +Robespierre+, jener Tag, dem +Marie-Joseph Chénier+ in der wunderbaren „Hymne du 9 thermidor“ begeistert zujauchzt:
Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance: Tu vins purifier un sol ensanglanté: Pour la seconde fois tu fis luire a la France Les rayons de la Liberté!
25. Ethnologische und historische Vorbilder.
Der Marquis +de Sade+ war ein scharfer Beobachter. Ausserdem hatte er während seines Gefängnislebens die Kenntnis der zeitgenössischen Litteratur sich in einem grossen Umfange zu eigen gemacht. Es ist daher kein Wunder, dass wir die Spuren beider Eigenschaften in seinen Werken antreffen. Was uns am charakteristischsten erscheint, ist die grosse Rolle, welche bei +Sade+ die +Ethnologie+ spielt. Auch das ist kein Zufall. Die ersten Anfänge der Völkerkunde gehören dem 18. Jahrhundert und speziell Frankreich an, wo J. F. +Lafitau+ im Jahre 1724 das erste bedeutende Werk dieser Art in seinen „Mœurs des Sauvages américains comparées aux mœurs des premiers temps“ veröffentlichte,[428] über das sich +Voltaire+ in einer Schrift von ähnlicher Art sehr anerkennend äussert. („Essai sur les mœurs et l’esprit des nations“ 1756). Weiter förderten dieses grosse Interesse an der Kenntnis wilder Völker die zahlreichen Reiseexpeditionen hervorragender französischer Gelehrter im 18. Jahrhundert. Wir nennen nur die bekannten Namen eines +Bouguer+, +La Condamine+, +Bougainville+, +La Pérouse+, +Marchand+, +d’Auteroche+, +Duhalde+, +Charlevoix+, +Savary+, +Le Vaillant+, +Volney+, +Dumont+. Man fing an -- zwar noch in roher und primitiver Weise -- die Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völker zu vergleichen und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu studieren. Dabei gefiel man sich in einer gewissen Verherrlichung der europäischen Civilisation. Die Wilden waren noch nicht die „besseren Menschen“ unseres +Seume+. +Lafitau+ schreibt: „Ich habe mit grosser Betrübnis in den meisten Berichten gelesen, dass diejenigen, welche über die Sitten wilder Völker geschrieben haben, sie uns geschildert haben als Menschen, welche kein irgendwie religiöses Gefühl besitzen, keine Kenntnis einer Gottheit, keine Persönlichkeit, der sie irgend welchen Kultus widmen, wie Menschen, welche weder Gesetze, noch eine Obrigkeit, noch irgend eine Form der Regierung haben, mit einem Worte als Menschen, welche von Menschen ungefähr nichts haben als nur die Gestalt. Man hat sich gewöhnt, eine Vorstellung von den Wilden zu entwerfen, welche sie nicht von den Tieren unterscheidet.“[429]
Diese Beurteilungsweise wilder Völker findet man auch bei +Sade+. Er rechtfertigt durch die Laster und Grausamkeiten, welche man bei ihnen findet, diejenigen seiner Zeit. So zählt er alle die Völker auf, welche sich durch grosse +Schamlosigkeit+ auszeichnen, um dadurch der von ihm gepredigten Unzucht eine feste Unterlage zu geben. (Juliette I, 122-28). +James Cook+ hat in der Südsee überall die +Paederastie+ verbreitet gefunden. Folglich ist dieselbe gut. („Philosophie dans le Boudoir“ I, 201). Ja, wenn man mit einem Ballon den Mond erreichen könnte, würde man sie dort ebenfalls finden, da sie allen Menschen im Naturzustande eigentümlich ist. Die +Grausamkeit der Frauen+ ist in der ganzen Welt eine und dieselbe. Zingua, Königin von Angola (ein mit Vorliebe von +Sade+ immer und immer wieder genanntes Scheusal), die „grausamste aller Frauen“ opferte ihre Geliebten nach dem Genusse, liess Krieger mit einander kämpfen und gab sich dem Sieger hin, und liess in einem grossen Mörser alle vor dem dreissigsten Jahre geschwängerten Frauen zerstampfen. (Phil. dans le Boud. I, 156). Zoë, die Gemahlin eines chinesischen Kaisers, fand das grösste Vergnügen daran, Verbrecher vor ihren Augen hinrichten zu lassen, und liess Sklaven opfern, während sie dabei mit ihrem Gatten der Liebe pflegte. Je grösser die Grausamkeiten waren, um so grösser war ihre Wollust. Sie erfand jene hohe Erzsäule, in der man den Delinquenten lebendig röstete (ibidem). Theodora amüsierte sich bei der Castration von Männern. (Ib. S. 157.) Auch erzählt +Sade+ öfter die bekannte Geschichte des +Amerigo Vespucci+ (den er freilich nicht nennt), dass die Frauen von Florida ihren Männern kleine giftige Insekten ans Glied setzten, die durch ihren Stich dasselbe anschwellen liessen, und neben heftigem Schmerz und Geschwürsbildung auch eine unersättliche Libido verursachten. (Phil. dans le Boud. I, 157).[430] So bringt +Sade+ für alle Laster ethnologische Beispiele in Fülle bei, für Giftmord, Prostitution, Anthropophagie, sexuelle Entartungen, Malthusianismus, Atheismus u. s. w. Die Bibel liefert ihm viel Material. Dann kommen die Lappen, die Afrikaner, die Asiaten, die Türken, die Chinesen, Angola, die Neger der Pfefferküste. Er kennt alles. Er citiert +Cook’s+ Reisen, +Paw’s+ „Recherches sur les Indiens, Egyptiens, Arméniens“ (Anthropophagie), die „Coutumes de tous les peuples“. Er weiss, dass es in Lappland, in der Tartarei, in Amerika eine „Ehre ist, seine Frau zu prostituieren“, dass die Illyrier besondere Wollustorgien feiern in grosser Versammlung, dass der Ehebruch bei den Griechen florierte, und die Römer sich ihre eignen Frauen unter einander liehen; dass seine geliebte Zingua ein Gesetz erliess, das die „vulgivaguibilité“ der Weiber vorschrieb. Sparta, Formosa, Otaheiti, Cambodja, China, Japan, Pegu, Cucuana, Riogabar, Schottland, die Balearen, die Massageten liefern ihm eine Menge von überzeugenden Beispielen für die Richtigkeit seiner Lehren. Aus +Peloutier’s+ berühmter „Geschichte der Celten“ (Berlin 1754) beweist er, dass das von Roland geübte „jeu de coupe-corde“, das Hängen aus Wollust, schon von den Celten geübt wurde (Justine IV, 201) und versteigt sich sogar an dieser Stelle zu folgendem charakteristischen halb wahren Ausspruch: „Fast alle Ausschweifungen, die in der ‚Justine‘ beschrieben wurden, waren früher ein Teil religiöser Ceremonien und wurden von unseren Vorfahren geübt wie z. B. die Flagellation.“ Für die Geisselung beruft er sich auch noch auf das seither oft citierte Werk von +Brantôme+, wobei er ausnahmsweise aufs genaueste die von ihm benutzte Ausgabe angiebt: Brantôme „Vies des Dames galantes“ Tome I. édition de Londres 1666. (Juliette II, 133).
Alle bizarren Ideen, alle merkwürdigen Einfälle berüchtigter erotischer Scheusale verwertet +Sade+. So erklärt Noirceuil, dass er zweimal an einem Tage heiraten will, und zwar um 10 Uhr früh als Frau verkleidet einen Mann, um 12 Uhr als Mann einen Knaben, der als Frau verkleidet ist. Juliette dagegen will in derselben Kirche zu derselben Zeit als Mann verkleidet eine Tribade heiraten, die als Frau verkleidet ist und eine andere Tribade, die als Mann verkleidet ist. So übertrifft er durch diese vierfache Verbindung +Nero+, der den Tigellinus als Frau und den Sporus als Mann heiratete. (Juliette VI, 319). Juliette, die im Nachahmungstalent nicht hinter Noirceuil zurückbleiben will, macht ein Stückchen der Kaiserin +Theodora+ nach. Sie streut sich Gerstenkörner auf die Geschlechtsteile und lässt sich dieselben von Gänsen aufpicken, was ihr eine unendliche Wonne bereitet (Juliette IV, 341).
Ueberaus häufig citirt +Sade+ den berüchtigten Marschall +Gilles Laval de Retz+ (+Rais+ -- z. B. Justine II, 171); Philosophie dans le Boudoir I, 153 -- über den +Bossard+ und +de Maulle+ eine ausgezeichnete Monographie geliefert haben.[431] Dieser „Ritter Blaubart“, ein Mann von schöner, eleganter Erscheinung und grosser Gelehrsamkeit, verlässt im 27. Jahre „den Hof, die bisherige, erfolggekrönte militärische Laufbahn, verstösst Weib und Kind, verschwindet auf seinem einsamen Schlosse, treibt unsinnige Verschwendung, ergiebt sich mystischen Studien, Teufelsbeschwörungen und Aehnlichem, verfällt dann sexuellen Ausschweifungen, wird Paederast, Kinderräuber, Mörder, Sadist, Leichenschänder u. s. w.“[432]. Dieses Ungeheuer lockte nach und nach 140 Kinder in sein Schloss, wo sie in scheusslicher Weise ermordet wurden. Das Opfer wurde niedergeworfen, entweder durch einen Knecht oder durch +Gilles de Retz+ selber, der Hals abgeschnitten, wobei +Gilles+ den Anblick des zuckenden Körpers wollüstig genoss. Dann schnitt er die Extremitäten ab, öffnete Brust oder Bauch und riss die Eingeweide heraus. Bisweilen setzte er sich auf den Körper des Opfers, um den Todeskampf zu fühlen, „plus content de jouir des tortures, des larmes, de l’effroi et du sang que de tout autre plaisir“. Auch köpfte er den Leichnam, nahm den Kopf in die Hände, betrachtete ihn mit wollüstigen Blicken und küsste ihn leidenschaftlich.[433] Der vom Beichtvater des Marschalls aufgezeichneten Beichte entnehmen wir noch die folgenden Details: „Egidius de Rays, sponte dixit, quamplures pueros in magno numero, cujus amplius non est certus, cepisse et capi fecisse, ipsosque pueros occidisse et occidi fecisse, seque cum ipsis +vicium et peccatum sodomiticum+ commisisse,.. tam ante quam post mortem ipsorum et in ipsa morte damnabiliter... cum quibus etiam languentibus vicium sodomiticum committebat et exercebat mode supra dicto.“ Gilles pflegte oft zu seinen Komplizen zu sagen: „Niemand auf der Welt versteht oder könnte auch nur verstehen, was ich in meinem Leben gethan habe. Es giebt Niemanden, der es thun könnte.“ Mit ähnlichem Stolze sprechen die Helden +Sade’s+ über ihre Unthaten. Schon +Eulenburg+ hat hervorgehoben, dass der Marquis +de Sade+ nicht nur dem Marschall +Retz+ an „verschiedenen Stellen von ‚Justine et Juliette‘ begeisterte Nachrufe widmet“, sondern dass er ihm auch „würdige Genossen“ giebt, u. a. in jenem Jérôme (Bd. 3 der Justine), der als Schlossherr in Sicilien durch seine Agentin Clementia überall Kinder aufgreifen und ankaufen lässt, um sie ganz im Stile des +Gilles de Rais+ zu Tode zu martern.[434]
+Das eigene Zeitalter des Marquis de Sade war aber überreich an einer Fülle ähnlicher Gestalten! Sade+ schildert, wenn er auch auf ethnologische Vorbilder und Persönlichkeiten einer fernen Vergangenheit zur Ergänzung des von ihm gezeichneten Sittenbildes zurückgreift, immer doch noch mehr seine eigene Zeit mit all ihren wilden Trieben, ihrer Wollust und ihrem Blutdurst. „Wie viele geheime, privilegierte Verbrecher“, sagt J. +Michelet+, „gab es, die man nicht zu verfolgen wagte! Die Mächtigen oder die durch Mächtige Geschützten überliessen sich entsetzlichen Phantasien, die sie oft zum Morde führten“.[435] +Michelet+ erzählt, dass ein Parlamentsrat ein junges Mädchen grausam misshandelte und darauf vergewaltigte. Er tötete seinen Kutscher, der sein Komplize war. Später, als die Sache doch ruchbar wurde, sich selbst.
+Sade+ erwähnt sehr häufig den Grafen +Charolais+ (z. B. Philosophie dans le Boudoir I, 153, II, 131), der „Morde aus Wollust begangen habe“. Dieser Graf von +Charolais+ (1700-1760) „düsteren Angedenkens“ verband nach +Moreau+ den empörendsten Cynismus mit einer kaum fassbaren Wildheit. Er liebte, Blut bei seinen Orgien fliessen zu sehen und richtete die ihm zugeführten Courtisanen in grausamer Weise zu. „Inmitten seiner Ausschweifungen mit seinen Maitressen war ihm nichts angenehmer, als mit seiner Flinte Dachdecker oder Passanten zu erschiessen“.[436] Das Herabrollen der Leichen vom Dache bereitete ihm ein unendliches Vergnügen.[437] Auch der Abbé +de Beauffremont+ soll die Menschen von den Dächern heruntergeschossen haben.[438] +Sade+ hat ebenfalls diese eigenartige Monomanie in das Register seiner sexuellen Perversionen aufgenommen. Juliette erschiesst ihren Vater, während sie sich mit einem anderen Manne geschlechtlich befriedigt, um den Genuss zu erhöhen (Juliette III, 115).
Nach +Michelet+ (a. a. O.) liebte dieser +Charolais+ das schöne Geschlecht nur „im blutigen Zustande“. Sein Vater, der Prinz +von Condé+, hatte schon ein Vergnügen daran gefunden, Menschen zu vergiften, so z. B. den Dichter +Santeul+, und hatte auf seine beiden Söhne, den Herzog von +Bourgogne+ und den Grafen +Charolais+ diese perversen Neigungen vererbt. Beide bedienten sich als einer Helfershelferin bei ihren Orgien der Madame +de Prie+. Eines Tages erschien, wie +Michelet+ erzählt, bei derselben eine Madame +de Saint-S+., die alsbald von den sauberen Herren Prinzen nackt ausgezogen wurde, et +Charolais+ la roula dans une serviette. Trotz dieses Erlebnisses liess sich die Unglückliche noch einmal in das Haus der +de Prie+ locken und wurde diesmal „wie ein Hühnchen gebraten“. Von ihren schweren äusseren und inneren Brandwunden erholte sie sich erst nach mehreren Jahren. Ausdrücklich erwähnt +Michelet+, dass der Herzog von +Bourgogne+ diese grausame Idee hatte. Sollte dieses Scheusal nicht in dem Herzog Dendemar in der „Juliette“ geschildert sein, der die nackten Leiber von vier Freudenmädchen mit brennendem Oel begiesst (Juliette I, 352)? Es ist doch sehr wahrscheinlich.
Ganz unverkennbar ist dagegen die folgende Uebereinstimmung und Entlehnung. Die +Goncourts+ erzählen von dem Herzog von +Richelieu+, dem Helden der berüchtigten Pastillen, dass es ihm ein besonderes Vergnügen bereitete, die von ihm gequälten Menschen +weinen+ zu sehen.[439] Bei +Sade+ (Justine I, 14) kommt ein Grosskaufmann Dubourg vor, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder und Mädchen weinen zu machen.
Der berüchtigte Anthropophage +Blaize Ferrage+, genannt Seyé, scheint ebenfalls dem Marquis +de Sade+ als Vorbild gedient zu haben. Dieser Mensch „hauste 1779 und 1780 in den französischen Gebirgsabhängen der Pyrenäen“ tötete Männer, Frauen und besonders junge Mädchen; Männer ass er nur aus Hunger, hingegen benutzte er die Frauen vor dem Morde zu sexuellen Genüssen, und es wurde berichtet, dass er besonders an Kindern seine Wollust auf die brutalste Weise befriedigte. Am 12. Dezember 1782 zum Tode durch das Rad verurteilt, wurde er, erst 25 Jahre alt, schon am folgenden Tage hingerichtet.[440] +Sade+ schildert ebenfalls einen solchen Anthropophagen, der wie +Ferrage+ im +Gebirge+ sein Wesen treibt. Das ist Minski, der „Eremit der Apenninen“ (Juliette III, 313).
+Brunet+ erwähnt noch mehrere sadistische Typen des 18. Jahrhunderts.[441] Ein vornehmer Pole, Verfasser verschiedener historischer Werke, der Graf von +Potocki+, soll Missethaten „dans le genre de ceux du marquis +de Sade+“ begangen haben und infolgedessen aus seinem Vaterlande verbannt worden sein. In +Lyon+ waren vor der Revolution die Sitten so verderbt, dass zahlreiche sadistische Attentate sich ereigneten, und +Michelet+ mit Recht in seiner „Geschichte der französischen Revolution“ behauptet, dass „nicht ohne Grund ein nur zu berühmter Schriftsteller mehrere Episoden eines verabscheuungswürdigen Romans in Lyon sich abspielen lasse“.
Wir können diese Bemerkung +Brunet’s+ noch durch eine merkwürdige Stelle bei +Sade+ bekräftigen. Im vierten Bande der „Justine“ entflieht die Titelheldin nach Lyon, wo sie einen gewissen Saint-Florent wiedertrifft, der die von ihm deflorierten jungen Mädchen sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. An dieser Stelle sagt +Sade+ ausdrücklich, dass +dieser Mädchenhändler von Lyon eine historische Persönlichkeit sei. Es sei keine Fabel+ (Justine IV, 64-71).
+Jean Paul Marat+, auf den der Marquis +de Sade+ am 29. September 1793 eine noch erhaltene emphatische Gedenkrede hielt, dieser ohne Zweifel Blutdürstigste unter den grossen Revolutionären, wird dem Marquis manche Ideen, die wir in dessen Romanen finden, eingegeben haben. Er „geberdete sich wie ein Trunkener, der sich im Blute berauscht hat und von dem Dunst des vergossenen Blutes zu immer rasenderer Gier gereizt wird.“ Vor allem riet er in seinem „Ami du peuple“ die grossen +Massenmorde+ an und forderte immer wieder zu deren Wiederholung auf.[442] Wir werden die Pläne derartiger Massenmorde mehr als einmal in den Romanen des Marquis +de Sade+ antreffen.
Sonderbar ist die Behauptung des oben erwähnten phantasievollen deutschen Autors, dass „Justine“ und „Juliette“ „eigentlich nichts als eine Autobiographie des Marquis +de Sade+“ seien, dass Justine identisch sei mit der Mademoiselle +Aroût+, Juliette mit der Gräfin +de Bray+.[443]
Ebenso merkwürdig ist, dass der Geschmack an menschlichen Excrementen, der in +Sade’s+ Romanen eine so grosse Rolle spielt und der ja auch heute noch als besonderes psychopathologisches Phaenomen vorkommt, auch historisch in einer eigentümlichen Weise belegt werden kann. Unter +Ludwig+ XIV. trug der Intendant +Bullion+ immer eine goldene Dose bei sich, die, statt mit Tabak, mit menschlichen Faeces gefüllt war![444] In einer obscönen Schrift „Merdiana, ou Manuel des chieurs“[445] ist ein Mann dargestellt, wie er „tabak à la rose“ fabriciert.
26. Italienische Zustände im 18. Jahrhundert.
Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis +de Sade+ mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der italienischen Zustände, die +mehr als drei Bände+ der „Juliette“ in Anspruch nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten Bandes.) Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er Italien aus eigener Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III, 290): „Diejenigen, welche mich kennen, wissen, dass ich Italien mit einer sehr hübschen Frau durchreist habe, dass ich ‚par unique principe de philosophie lubrique‘, diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem Papste, der Prinzessin Borghese, dem König und der Königin von Neapel vorgestellt habe. Sie dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die ‚partie voluptueuse‘ betrifft, exakt ist, dass ich thatsächlich die wirklichen Sitten der erwähnten Persönlichkeiten geschildert habe. Wären die Leser Augenzeugen der Szenen gewesen, sie hätten sie auch nicht aufrichtiger und getreuer beschreiben können. Auch in Betreff der Reiseschilderungen darf der Leser versichert sein, dass ich mich der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“ Trotz dieser Versicherung kommen in +Sade’s+ Erzählung sehr viele Ungeheuerlichkeiten und Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren Analyse der „Juliette“ sehen werden. Aber ein +Kern+ von Wahrheit ist auch hier nachweisbar, bestimmte von +Sade+ geschilderte Verhältnisse sind wieder auffindbar, so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert einen kurzen Blick werfen wollen.
+Italien+ ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen, raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den spezifisch +katholischen+ Ländern, an den Stätten der +Askese+ und des +Coelibats+ gediehen ist. Brauchen wir an +Pietro Aretino+, an +Papst Alexander+ VI., an +Lucrecia+ und +Cesare Borgia+, an +Giulio Romano+ und +Augusto+ und +Annibale Carracci+, diese grossen Praktiker und Künstler der Wollust zu erinnern? Wie unschuldig und naiv muten uns dagegen die Liebesabenteuer in +Boccaccio’s+ „Decamerone“ an! Freilich, damals gab es auch noch keine Jesuiten. Die +Renaissance+ und der +Jesuitismus+ bezeichnen eine neue Epoche in dem Geschlechtsleben Italiens, die vielleicht die reichsten kulturhistorischen Beziehungen aller Art aufweist und von uns in einer der folgenden Studien einer genauen Untersuchung unterzogen werden wird. Hier berühren wir kurz die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.
Der Marquis +de Sade+ schildert die Verbreitung der +Prostitution+ in Italien als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette besucht, wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die besonders bei den grossen mit Ausschweifungen verbundenen +Festen+ in den Häusern des Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im allgemeinen eines hohen Ansehens erfreuten. +Sade+ berichtet denn auch häufig über solche Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des Papstrechtes war ja der Begriff einer „Hure“ sehr weit gefasst. Nur diejenige könne man eine +wahre Hure+ nennen, die 23000 Mal -- gesündigt habe![446] +Casanova+ fand die Gärten des Grafen +Friedrich Borromeo+ auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt mit „einem Schwarm junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in Turin hielt bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne Geschlecht an“. -- Bologna, dessen sittliche Corruption auch von +Sade+ geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben in Venedig, von dem der Marquis +de Sade+ schreckliche Dinge erzählt (Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten „die Pest welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber auch ein Ort in der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss jeder Art? Wo war die Ehe der Intrigue zugänglicher als in der Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats die Strenge der Pflicht längst zu einem lächerlichen Vorurteil gestempelt? Wo waren die Courtisanen schönere, gebildetere und vollkommenere Priesterinnen Cytherens? Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die Prostitution der Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik, erhöht durch Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der Carneval und die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden Sommernächten, so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es ausgesuchtere Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im Geschmacke des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern, entzückendere Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten? Wo konnte der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich sättigen? Nach +Venedig+ ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge; verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue, kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole der raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen Geschichte und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur +ein+ bestimmt ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der Lagunen.“[448] Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig die Prostituierten des ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren sogar der einzige erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze streng verpönten Luxus der Nobili.[449] +Montesquieu+ schreibt: „In Venedig zwingen die Gesetze die Adeligen zu einer bescheidenen Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit gewöhnt, dass nur die Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld auszugeben. Man bedient sich dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu befördern: die verächtlichsten Weibespersonen verschwenden dort ohne Gefahr, während ihre Liebhaber das armseligste Leben von der Welt führen.“[450] +Casanova+ berichtet interessante Einzelheiten über das Leben und Treiben der Venetianischen Dirnen um 1750, speziell der berühmten Courtisane Juliette. +Sade+ erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines alten Prokurators im Bordell der Durand. Bei +Casanova+ kommen ebenfalls die galanten Abenteuer des Prokurators +Bragadin+ vor.[451]
Italien ist das gelobte Land der +Paederastie+, noch heute. Drastisch sagt der Marquis +de Sade+, in diesem Punkte gewiss ein richtiger Beobachter: „Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III, 290.) Das ist ein Erbteil aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von Liebe zu den klassischen Studien und antiker Kunst leidenschaftlich ergriffen, den Boden Italiens betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt, wie das Beispiel unseres J. J. +Winckelmann+ beweist. Schon +Dante+ erwähnt im 15. und 16. Gesange des „Inferno“, die grosse Verbreitung der Männerliebe in Italien.[452] Papst +Sixtus+ IV. (1471 bis 1484) huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie und soll seine Ganymede zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle baten den Papst, in der heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen, worauf der Papst die Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf +Sixtus+ IV. fand der folgende obscöne Vers Anwendung:
+Roma+ quod inverso delectaretur amore Nomen ab inverso nomine fecit +Amor+.
+Sixtus+ war grausam und fand Gefallen am Ansehen blutiger Schauspiele. Sein angeblicher Neffe +Pietro Riario+, wahrscheinlich aber sein Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war ebenfalls Paederast. +Michel Angelo+ soll der Knabenliebe gefröhnt haben.[453] Der Maler +Giovanni Antonio Razzi+ (1479-1564) bekam wegen dieser Neigungen den Beinamen +il Sodoma+.[454] Papst +Julius+ III. (1550-1555) ist ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il pratiquait l’acte de sodomie avec les jeunes pages attachés à son service, et loin d’en faire un mystère, il affectait de se laisser surprendre en flagrant délit par ses collègues.“[455]
Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung. Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu werden. +Casanova+ erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann auf ihn machte. Ebenso von einem Knaben +Petronius+, der als ein gewerbsmässiger Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal +Brancaforte+, einer der grössten Wüstlinge der Welt, der nach +Casanova+ „nicht aus den Bordellen herauskam“, war der Paederastie sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Paris eine junge Paduanerin ihm in der Beichte gestand, dass ihr Mann sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen hätte, die durch den Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige Kardinal sein Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe er ihr die Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren. Bei jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist ungeheuer! -- Es ist monströs! -- Ach, meine Teure, Sie haben eine abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456] Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von +Casanova+ mitgeteilt.
Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie in keinem anderen Lande. In +Neapel+ „bieten sich abends auf der Via Toledo junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler preisen dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche Ware an.“ +Moll+, der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die Homosexualität stets etwas mehr hervortrat als in andern Ländern Europas. J. L. +Casper+ berichtet 1854, dass in Neapel und Sicilien dem Reisenden am hellen Tage von auf den Strassen lungernden Kupplern un bellissimo ragazza schamlos angeboten wurde, wenn man ihre Anträge, Weiber betreffend, zurückwies.[457]
Dass der italienische +Klerus+ des 18. Jahrhunderts einen grossen Anteil an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir wohl nicht weiter anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu ungeheuerliche Zahl der Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande verbreitet waren. +Gorani+, dessen mit Recht berühmte Memoiren wir mit grossem Vergnügen gelesen haben und dessen Glaubwürdigkeit durch neuere Forschungen noch mehr bekräftigt worden ist, berichtet, dass das Königreich Neapel ohne Sicilien unter 480000 Einwohnern etwa 60000 Mönche, 3000 Laienbrüder und 22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von einer „unglaublichen Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche crapuleuse“. Seine Sitten seien noch verderbter als die der Mönche aller übrigen katholischen Länder. „Mord, Schändung und Gift sind ihnen vertraut.“ +Gorani+ berichtet über verschiedene haarsträubende Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster seien Schauplätze der wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich, dass er fast ein Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen gaben denn auch in der Liebe den Ton an. Das war seit +Boccaccio’s+ Zeiten nicht anders geworden. +Casanova+ berichtet darüber aus dem 18. Jahrhundert allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein +Mönch+ in Chiozza in ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als +Casanova+ noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf der Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei zugetraut haben.[459] Das scheussliche Unwesen der +Castraten+ für geistliche Zwecke ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des italienischen Klerus.
+Zoophilie+ und +Sodomie+ waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis +de Sade lässt+ denn auch bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn, eine grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach +Metzger+ die Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass sie sich mit ihren Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal +Bellarmin+ trieb seit 1624 mit Weibern verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier schöne Ziegen auf der Streu.“[461]
Einzelne von +Sade+ erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der „Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von +Francavilla+ geschildert (S. 326 ff.). Diese Gartenfeste bei den neapolitanischen Granden sind historisch. +Casanova+ berichtet ebenfalls, dass +Francavilla+, „ein entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und Unverschämtheit“, im Jahre 1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden gab. Er liess seine jungen und schönen Pagen beim Schwimmkampfe im Wasser „erotische Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen sehr gut unterhielten“[462]. Der bei +Sade+ (Juliette IV, 156 u. ö.) erwähnte Kardinal +Bernis+ wird auch von +Casanova+ als sehr unheilig geschildert.
+Leopold+ I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain de France“ (Juliette IV, 36) soll nach +Sade+ ebenfalls ein erotisches Scheusal gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus Oesterreich ein Wort mitgeredet. +Casanova+, der ein fesselndes Bild von dem Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über +Leopold+ aus, dass er „eine entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber hegte.“[463] Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des Papstes +Pius+ VI. und der Königin +Karoline+ von +Neapel+ bei +Sade+.
1. Papst Pius VI.
Dieser Papst war nach +Sade+ (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling, dem Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller Zeiten hält (IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV, 285). Nachher muss dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede halten an deren Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die „einfachste und legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und in seinen nunmehr geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht zurückbleibt (V, 1 ff.).
War +Pius+ VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht werden.
+Pius+ VI. (1775-1798), vorher +Giovanni Angelo, Graf Braschi+, war einer der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem Aussehen, blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand mit einer Art von Koketterie und trug vor allem seine schönen -- Beine zur Schau, indem er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas aufhob, so dass wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses Gewicht auf eine schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende Distichon:
Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum. Luxuriante coma, luxuriante pede.
Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen gehörig anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal ein ironischer Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen mit ungeheuerem Gepränge. Draussen war +Pius+ ein Gott, im Vatican ein vielfach verspotteter Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so riefen die Frauen: Quanto è bello, quanto è bello! Und man behauptete, dass +Pius+ sich dadurch mehr geschmeichelt gefühlt habe als durch die Huldigung der Kardinäle. Der Kardinal +Bernis+ nannte ihn ein lebhaftes Kind, das man immer bewachen müsse.[464] Auch +Coletta+ schildert diesen Papst als einen „bildschönen Mann“, von grosser Liebe zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er war im Gegensatz zu seinem Vorgänger +Clemens+ XIV. den Jesuiten zugeneigt.[466] Was sein Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so begünstigte er nach +Casanova+ (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt nach +Gorani+ selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller Hinsicht ganz rein und sagt, dass +Pius+ VI. seine Zeit zwischen den religiösen Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen Bibliothek teilte.[468]
2. +Die Königin Karoline von Neapel.+
Die Königin +Karoline+ von +Neapel+ schildert der Marquis +de Sade+ als vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach der Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König +Ferdinand+ IV., zeichnen sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, die sich in verschiedenen von +Sade+ geschilderten wilden Ausbrüchen äussert, so z. B. bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem 400 Personen getötet werden. (Juliette VI, 1.)[469]
Hier hat der Marquis +de Sade+ wirklich durchaus „nach der Natur“ geschildert. Man darf sagen, dass von +Helfert’s+ Aufsehen erregender Versuch einer Ehrenrettung der Königin +Karoline+ von +Neapel+[470] vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der +Helfert’schen+ Ausführungen durch +Moritz Brosch+ wohl definitiv dargethan hat.[471] Danach bestehen die von +Gorani, Coletta+ und vielen anderen dargebotenen Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der Königin +Karoline+ zu Recht.
+Coletta+ sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass, rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust verblendet wurde“.[472]
+Gorani+, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779 bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto seiner Memoiren gilt:
Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes, Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes. Je vais le déchirer....
+Karoline+ ist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust einer Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde. Sie gab sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und verworfensten Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine Liaison. Dieses „unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre Kinder oder machte sie krank. Einmal schrie ihr Gemahl +Ferdinand+ ihr durch’s Schlüsselloch zu: „Ce n’est point une reine, une épouse, une mère, que l’Autriche nous a’donnée, c’est une furie, une mégère, une Messaline qu’elle a vomie dans sa colère et lancée parmi nous“.[473]
Besonders berüchtigt wurde +Karolinen’s+ Verhältnis zu der berühmten Lady +Emma Hamilton+, der Geliebten +Nelson’s+. +Coletta’s+ Urteil über diese tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften Forschern bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico passeggio Emma sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali della casa, la mensa, il bagno +il letto si godevan communi. Emma era bellezza per tutte le lascivie+“.[474]
Die von +Sade+ beschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert worden. Denn im Jahre 1798 wurde zu Ehren +Nelson’s+ an diesen Stätten ein solches üppiges Fest veranstaltet.
Auch der grosse Massenmord, von dem +Sade+ spricht, ist historisch. Am 18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele verwundet wurden.
Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. Nach +Gorani+ soll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis gesehen haben, wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche Messalina, wie die Königin +Karoline+. +Nelson+ sagte von Neapel: „Von den Frauen ist nicht eine tugendhaft, von den Männern ist nicht ein einziger, der nicht an den Galgen oder auf die Galeere gehörte.“[475] Ja, nach +Gorani+ muss Neapel lauter Gestalten aus den Romanen des Marquis +de Sade+ enthalten haben. Der Neapolitaner sei von Natur böse, überlege sich mit kaltem Blute die Verbrechen, die er begehen wolle, und füge denselben noch tausend Grausamkeiten hinzu. 30000 Menschen trieben sich obdachlos umher. Die Zahl der Gefangenen sei ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre Geliebten durch Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die öffentlichen Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die schönsten seien Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich und unreinlich, aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse Mund derselben komme von dem vielen Reden und Gesticulieren, so dass ein hübscher kleiner Mund eine Rarität sei.
König +Ferdinand+ IV. von +Neapel+ war nach +Gorani+ ein Lüstling von grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen und zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche Liebesverhältnisse zu unterhalten, während +Acton+ und die Königin +Karoline+ ohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476]
Wir sehen, dass auch hier der Marquis +de Sade+ wiederum die Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke daher einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem ersten Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben.
II.
Das Leben des Marquis de Sade.
Die Vorfahren.
1. Petrarca’s Laura.
Era ’l giorno ch’al sol si scoloraro Per la pietà del suo Fattore i rai, Quand’ i’ fui preso, e non me ne guardai, Che i be’ vostr’ occhi, Donna, mi legaro.
Es war der Tag, da um des Heilands Wunden Die Sonne einen Trauerflor getragen, Als ich in Amor’s Fesseln ward geschlagen, Von Deinen schönen Augen überwunden.
Wer kennt sie nicht, die berühmten Verse des berühmtesten Sonettes von +Francesco Petrarca+, zum Preise der ersten Begegnung mit seiner +Laura+, der Madonna +Laura+, der Vielgeliebten? Jener +Laura+, der wir die duftigsten Blüten der Liebespoesie in der schönsten Sprache der Welt verdanken. Wie kommt sie, diese Himmelserscheinung, dieses Symbol der zartesten Gefühle in ein Buch über den Marquis +de Sade+? Jene +Laura+, die Petrarca an dem denkwürdigen Montag der heiligen Woche des Jahres 1327 (6. April) in der Kirche Santa Chiara zu Avignon zum ersten Male erblickte, eine Tochter des Syndikus von Avignon, Ritter +Audibert de Noves+, war die Gemahlin eines +Hugo de Sade+, des Stammvaters der Familie +de Sade+.[477] So hat ein „grausamer Witz der Litteraturgeschichte die Objektivation selbstlosester, fast unirdischer Liebessehnsucht und den litterarischen Hauptvertreter unerhörtester erotischer Ausschweifung und Verirrung in derselben Familie zu greller Kontrastwirkung vereinigt.“[478] Am Anfange Himmelglanz, am Ende Finsternis der Hölle. Voilà, voilà, en effet, de tristes et amères leçons d’égalité![479] In allen guten und bösen Stunden des Hauses derer +de Sade+ blieb +Laura+ der Schutzengel derselben und vereint mit +Petrarca+, dem göttlichen Sänger, Gegenstand einer hingebenden Verehrung. Sie war nach +Janin+ die „weisse Dame“ des Hauses +de Sade+, der Ruhm und Stolz desselben. Sehnsüchtig blickten alle Sprösslinge dieser edlen provençalischen Familie immerdar nach dem stillen und sonnigen Thal von Vaucluse, einst verherrlicht durch die goldenen Lieder eines Dichters von Gottes Gnaden. Ihm, +Petrarca+, ewig Ruhm und Dank! Selbst der Marquis +de Sade+, dem nichts mehr heilig ist, neigt sich vor ihm, von dem der Glanz seines Hauses ausging, dem „aimable chanteur de Vaucluse.“ (Juliette IV, 131.)
2. Die übrigen Vorfahren.
+Hugo de Sade+, der Gatte +Laura’s+, der Stammvater der Familie, genannt „der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen +Paul de Sade+ Erzbischof von Marseille wurde und der Vertraute der Königin +Jolande+ von +Aragonien+. Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale von Marseille.
+Hugo+ oder +Hugonin de Sade+, der dritte Sohn des ersten +Hugo de Sade+ und der schönen +Laura+ war der Stammvater der drei Zweige des Hauses, der von Mazan, Eiguières und Tarascon.
Sein ältester Sohn +Jean de Sade+ war ein gelehrter Jurist, der von Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten Parlaments der Provence ernannt wurde, während sein Bruder +Elzéar de Sade+, Grosskanzler des Gegenpapstes +Benedikt+ XIII., dem Kaiser +Sigismund+ so grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in sein Wappen den kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe schmückt.
+Pierre de Sade+, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen schlechten Elementen.
+Jean Baptiste de Sade+, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb „Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698). Er starb am 21. Dezember 1707.
+Joseph de Sade+, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens, nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein und in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde er hier von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte belagert. Im Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761.
+Hippolyte de Sade+, dem +Voltaire+ zu seiner Hochzeit am 12. November 1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef (1776) und zeichnete sich in der Seeschlacht bei Onessant (1778) aus. Er starb vor Cadix im Jahre 1788.
+Jacques François Paul Alphonse de Sade+, der +Onkel+ unseres Marquis +de Sade+, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss deshalb ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren als der dritte Sohn von +Gaspar François de Sade+ und widmete sich dem Studium der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von Toulouse und Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo er „sehr profane und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame +de la Popelinière+, der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte. Er war ein eleganter Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich „allen frivolen Genüssen des 18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur rechten Zeit dem „Skepticismus, den wenig verhüllten Grazien, dem guten Geschmack und Luxus von Paris“ Valet zu sagen und sich in die ländliche Einsamkeit im Thale von Vaucluse zurückzuziehen, wo er sein Leben fortan verbrachte, nicht in strenger Askese und unfruchtbarer Reue über die bewegte Vergangenheit, sondern in dem Cultus, den er dem guten Genius seines Hauses weihte. Die schöne +Laura+ wurde für +François de Sade+ der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in Saumane schrieb er jenes Werk über +Petrarca+ und seine +Laura+, welches noch heute durch die Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung zahlreicher merkwürdiger Details aus dem Leben der Beiden jedem Petrarca-Forscher unentbehrlich ist: die „Mémoires sur la vie de François Pétrarque“ (Amsterdam 1764, 3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche Uebersetzung der Werke des Dichters heraus, und endlich die nicht minder inhaltreichen und für die Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen „Remarques sur les premiers poètes français et les troubadours“. Er starb den 31. Dezember 1778.
Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis +de Sade+ sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung des Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in potenziertem Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität und zu einem galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch der Marquis +de Sade+ war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in der Jugend der Liebe huldigte, so machte der Neffe die +Wollust+ in Theorie und Praxis zu seiner +Lebensaufgabe+.
Der +Vater+ des Marquis +de Sade+, der Graf +Jean Baptiste François Joseph de Sade+ wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische Laufbahn ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und 1733 nach London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen durch seine Verheiratung mit +Marie Eléonore de Maillé+, der Nichte des Kardinals +Richelieu+, Hofdame der Prinzessin +Condé+. Auch der grosse +Condé+ hatte eine +Maillé+ geheiratet. Der Comte +de Sade+ wurde 1738 zum Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey ernannt, kaufte das Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als Privatmann lebte und eifrig die Abtei Saint-Victor besuchte, die auch in den Romanen seines Sohnes vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767 und hinterliess mehrere Manuscripte von Anekdoten, moralischen und philosophischen Gedanken, sowie eine grosse Korrespondenz über den Krieg in den Jahren 1741-1746.
Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis +de Sade+, der sich als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das ist +Louis-Marie de Sade+, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er hatte zu Pathen den Prinzen +Condé+ und die Prinzessin +Conti+, wurde Offizier, als welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben rettete, wanderte beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794 nach Paris zurück, wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb dann eine auf gründlichen Forschungen beruhende „Histoire de la nation française“ (Paris 1805) und wurde Mitglied der „Académie celtique“, trat später wieder ins Heer ein, kämpfte bei Jena, wurde in der Schlacht bei Friedland verwundet und am 9. Juni 1809 von Briganten in Otranto ermordet.[482]
3. Die Kindheit des Marquis de Sade.
Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause des grossen +Condé+, wo +Donatien Alphonse François, Marquis+[483] +de Sade+ geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur de crime“, wie ihn +Michelet+ und nach ihm +Taine+ genannt haben. Als 4jähriges Kind kam er zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die sonnige Provence, einige Jahre darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und ihm den ersten Unterricht erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-Grand in der Rue Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses Unterrichtsinstitut galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen Schülern die Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung. Sie mussten öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen, Disputationen veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist als auf den Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der Prügelstrafe nicht besonders wohl fühlen konnte.[484]
Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der Persönlichkeit des Knaben +Sade+, die alle wenig verbürgt sind. Nach +Uzanne+[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling, mit zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse +schwarze+ Augen hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. +Lacroix+ verleiht ihm eine „zierliche Figur, +blaue+ Augen und blonde, schön frisierte Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden Phantasien: „Der junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit, dass alle Damen, die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war, stehen blieben, um ihn zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern verband er eine natürliche Anmut in allen seinen Bewegungen und sein Organ war so wohlklingend, dass schon seine Stimme allen Frauen ins Innerste ihres Herzens dringen musste. Sein Vater liess ihn stets nach der neusten Mode gekleidet einhergehen, und die damalige Rococotracht hob die glänzende Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor. Wer weiss, ob der Verfasser der Justine und Juliette unter anderen Verhältnissen ein solcher Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er den Damen so sehr aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres Zeitalters.“[487]
Richtig ist wohl nur, dass der Marquis +de Sade+ wenigstens als Jüngling eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein authentisches Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten kleinen Werke „Les fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte Lithographie, die den Marquis +de Sade+ darstellen soll, aber ein blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere Porträts wurden in Brüssel zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht ausgeführte, befindet sich in einem ovalen Rahmen und soll aus der Sammlung des Herrn +de la Porte+ stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild, stellt den Marquis von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt die Bezeichnung „H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn H*** in Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische Nachbildungen desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten Auflage des vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (1900 Nr. 2/3 S. 122) eine sah.
Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit.
In welcher geistigen Verfassung der Marquis +de Sade+ das Collège Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach jenem deutschen Autor, der das Leben +Sade’s+ mit kühner Phantasie aus seinen Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester Kindheit ein Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes philosophisches System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis. Neben seinen Schulstudien lag er den schönen Künsten ob; er war ein tüchtiger Musiker, gewandter Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in Bildhauerei. Er brachte ganze Tage in den Gemäldegallerien, namentlich in jenen des Louvre, von Fontainebleau und Versailles zu, wodurch sein künstlerischer Geschmack immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass +Sade+ die +Musik+ sehr liebte, bestätigt +Paul Lacroix+[490], und dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die Beschreibung der Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.).
+Janin+ meint, dass +Sade+ schon als ein „Fanatiker des Lasters“ die Schule verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als +Maximilian de Robespierre+ in dieselbe eintrat.[491]
4. Die Jugendzeit.
Nach dem Austritt aus dem Gymnasium trat der Marquis +de Sade+ in das Regiment der Chevaux-Legers ein, wurde dann Unterlieutenant beim Königsregiment, Lieutenant bei den Carabiniers und zuletzt Capitän in einem Kavallerieregiment, bei welchem er den siebenjährigen Krieg in Deutschland mitmachte. Er soll nach +Lacroix+[492] erst im Jahre 1766 nach Paris zurückgekehrt sein, wo sein Vater, der ihm „+mehrere Jugendthorheiten+“ zum Vorwurf machte, ihn zu verheiraten suchte. +Marciat+[493] hat nachgewiesen, dass +Sade+ bereits im Jahre 1763 wieder in Paris war. In der im Mai 1880 in Paris verkauften Autographensammlung von +Michelet+ aus Bordeaux, befand sich ein Brief des Marquis +de Sade+, datiert Vincennes den 2. November 1763, in dem als der Tag seiner Heirat der 17. Mai 1763 angegeben wird. Auch spricht nach +Marciat+ für dieses Jahr der Umstand, dass der älteste Sohn des Marquis, +Louis-Marie de Sade+ im Jahre 1783 Lieutenant im Regiment Soubise wurde. Wenn dieser erst 1767 geboren wäre, so würde er mit 16 Jahren Lieutenant gewesen sein. Die Rückkehr des Marquis +de Sade+ und seine Heirat fand also im Jahre 1763 statt.
Die Geschichte dieser Heirat ist von dem Bibliophilen +Jacob+ nach den Mitteilungen eines Zeitgenossen, des Herrn +Lefébure+ sehr ausführlich erzählt worden.[494] +Marciat+ ist geneigt, derselben vom psychologischen Standpunkte aus einen grossen Wert beizumessen, da sie die Erklärung für die moralische Entartung (déviation) des Marquis +de Sade+ liefere. Wir können dem nicht beistimmen. Mag auch jenes Ereignis, das wir gleich darstellen werden, irgend einen Einfluss in dieser Beziehung auf +Sade+ ausgeübt haben: seine sittliche Depravation war schon vorher da. Als er nach Paris zurückkehrte, warf der Vater ihm bereits einige „Jugendthorheiten“ vor. Niemand hat bisher daran gedacht, dass der Marquis +de Sade+ den ganzen 7jährigen Krieg mitgemacht hat und ganz sicher teilnahm an jener „schrecklichen Entsittlichung, welche durch die Anwesenheit des französischen Heeres“ in Deutschland gepflanzt und genährt wurde[495] und deren auch +Casanova+ in seinen Memoiren gedenkt. Der Vater wollte ferner den Sohn verheiraten, um ihn aus seinem lasterhaften Leben herauszureissen, wie doch deutlich aus allen Berichten hervorgeht. Wenn +Eulenburg+[496] meint, dass sich bei +de Sade+ die „krankhafte Veränderung“ im Alter von 26 Jahren äusserte, so ist das auch nicht ganz zutreffend, da er schon, wie wir sehen werden, im Jahre 1763, wegen mehrerer „débauches“, die also nicht so ganz harmlos gewesen sein müssen, ins Gefängnis kam. Wir dürfen annehmen, dass die Neigung zu sexuellen Ausschweifungen bei +Sade+ durch das +Kriegsleben+ erweckt worden ist und durch das tausendfältig gegebene Beispiel gefördert wurde, ohne dass wir nötig haben, an das plötzliche Auftreten eines krankhaften Geisteszustandes zu denken.
Herr von +Montreuil+, Präsident der „Cour des aides“, der durch eine langjährige Freundschaft mit dem Vater des Marquis +de Sade+ verbunden war, hatte zwei Töchter im Alter von 20 und 13 Jahren, beide gleich hübsch und wohl erzogen, aber in Hinsicht auf Charakter und äussere Figur verschieden. Die Aeltere, eine Brünette mit schwarzem Haar und dunklen Augen, war eine grosse majestätische Erscheinung, sehr fromm, ohne „Herzenswärme“ (?). Die Jüngere, eine blauäugige Blondine, trotz ihrer Jugend schon von gereiftem Aussehen, war sehr intelligent, von „himmlischer Milde und Anmut“ dabei aber eine leidenschaftliche Natur.
Es war zwischen den Vätern vereinbart worden, dass der Marquis +de Sade+ die ältere Tochter heiraten sollte. Ein merkwürdiges Geschick fügte es, dass dieser bei seinem ersten Besuche im Hause des Präsidenten +Montreuil+ nur die jüngere Tochter antraf, da die ältere krank war. Er verliebte sich sofort leidenschaftlich in die erstere, die den Musikenthusiasten besonders durch ihren schönen Gesang und ihr wunderbares Harfenspiel für sich einnahm. Als +Sade+ bei einem zweiten Besuche die ältere Schwester kennen lernte, fühlte er gegen dieselbe nur Abneigung und erklärte, dass er die jüngere heiraten wolle. Hierzu verweigerte der Präsident seine Zustimmung, und so liess der Comte +de Sade+ seinen Sohn wählen zwischen Unterwerfung unter seinen Willen und einer sofortigen Abreise zur Armee mit der Aussicht auf Enterbung und Verstossung. So wurde der Marquis, dessen Appell an das Herz der Mutter der beiden Mädchen nur eine „kalte und heroische Erwiderung“ fand, gezwungen, die ältere Tochter zu heiraten. Schon damals erwiderte die Jüngere die Liebe +de Sade’s+ und hatte vergeblich durch Bitten und Thränen das Herz ihrer Eltern zu erweichen gesucht. +Lacroix+ legt ausführlich dar, wie +Sade+ nur mit dem Gedanken des sofortigen Ehebruchs mit der Jüngeren die ihm unsympathische ältere Schwester geheiratet habe und vielleicht schon damals mit der zweiten Schwester im Einverständnis war. Frau von +Montreuil+, die vom Anfang an die Natur ihres Schwiegersohnes durchschaute, brachte ihre jüngere Tochter in ein Kloster, um einem drohenden Skandal vorzubeugen.
Es bleibe dahingestellt, ob diese Geschichte die Hauptursache der Demoralisation des Marquis +de Sade+ gewesen ist, wie +Marciat+ annimmt. Sicher erklärt sie die +Ehefeindlichkeit+, welche uns in allen Schriften +Sade’s+ entgegentritt. Dass allerdings seine Frau, der +Lacroix+ die Wärme des Herzens fehlen lässt, ihm dazu keinerlei Veranlassung gab, haben die soeben von +Paul Ginisty+ veröffentlichten „Lettres inédites de la Marquise de Sade“ gezeigt, die für die Geschichte dieser Ehe und für das Verständnis des Charakters des Marquis +de Sade+ sehr lehrreich sind.[497] Sie offenbart sich in diesen Briefen als eine selbstlose, treue, ihrem Gatten mit leidenschaftlicher Liebe zugethane Seele, die selbst dann nicht aufhört mit heisser Sehnsucht an ihn zu denken, für ihn zu sorgen und zu beten, wenn er -- wie dies gewöhnlich geschah -- diese Liebe mit rohen, unedlen Worten und gemeinen Verdächtigungen erwiderte. Diese Frau, die Zeugin des lasterhaften Lebens ihres Gatten, der dadurch hervorgerufenen grossen Skandale, hörte niemals auf, ihn zärtlich zu lieben, war ihm bei der Flucht aus dem Gefängnisse behilflich und erwies ihm in seinem Gefängnisleben tausend Dienste, die nur eine hingebende Liebe erweisen kann. Das deutet wirklich darauf hin, dass der Marquis +de Sade+ etwas von dem an sich hatte, was er selbst als die „Wonne des Lasters“ bezeichnet und was alle Frauen unwiderstehlich anzog. Wie er selbst diese Liebe lohnte, hat +Ginisty+ ausführlich dargestellt. Wir teilen nur eine Probe mit. Einmal schreibt ihm seine Frau: „Du musst die Welt besser kennen als ich. Thue, was Du willst. Ich will nur das Hörrohr für Deine Befehle sein. Du weisst, dass Du auf mich als Deine beste und zärtlichste Freundin rechnen kannst.“ +Sade+ schrieb an den Rand dieses Briefes: „Kann man so unverschämt lügen?“[498]
Bei dem Verhältnisse zwischen den beiden Ehegatten darf es nicht Wunder nehmen, dass der Marquis +de Sade+, nachdem er vergeblich den Aufenthaltsort des jüngeren Fräulein von +Montreuil+ zu erkunden gesucht hatte, sich nach +Lacroix+[499] schon im ersten Jahre seiner Ehe in den Strudel wilder Ausschweifungen stürzte, seine Gesundheit und seine Reichtümer mit Hilfe der berüchtigsten Roués seiner Zeit vergeudete, und die „Koryphäe der parfümierten Orgien“ des Herzogs von +Fronsac+ und des Prinzen +Lamballe+ wurde, aber es auch nicht verschmähte, sich mit Lakaien zu widerlichen Saturnalien zu vereinigen. Eingeweiht in die „Geheimnisse der petites maisons und der Bordelle“ suchte er seine Gefährten in dem Ersinnen neuer raffinierter Lüste zu übertreffen. Das war jene Zeit, in welcher ein deutscher Autor den Marquis +de Sade+ zum Arrangeur der Orgien des Hirschparks macht,[500] was historisch nicht festgestellt, aber glaubwürdig sein kann. Schon wenige Monate nach seiner Heirat wurde +Sade+, der erst 23 Jahre zählte, in Vincennes eingekerkert, weil er in einer „petite maison“ grosse Excesse begangen hatte. Hier benahm er sich sehr zurückhaltend und ruhig und fügte sich ohne Murren in die Tagesordnung des Gefängnisses, bat nur, ihm seinen Kammerdiener zu lassen und bisweilen den Genuss frischer Luft zu vergönnen. In einem Briefe vom 2. November bittet er, dass man seiner Frau von seiner Verhaftung Nachricht gebe, aber den Grund derselben verschweige, und wünscht einen Priester zu sehen. Er schliesst mit den Worten: „So unglücklich ich bin, beklage ich mich nicht über mein Schicksal; denn ich verdiene die göttliche Strafe; meine Fehler bereuen, meine Irrtümer verabscheuen, soll meine einzige Beschäftigung sein.“[501] +Schon damals muss er ein obscönes Buch geschrieben haben.+ Denn in diesem Briefe spricht er von dem Datum des „unglückseligen Buches“, das erst aus dem Juni stamme, während er sich am 17. Mai verheiratet habe. Auch habe er erst im Juni jenes genannte Haus aufgesucht. Darauf habe er sich drei Monate auf dem Lande aufgehalten und sei acht Tage nach seiner Rückkehr verhaftet worden. Welche seiner +Schriften de Sade+ hier im Auge hat, ist vorläufig noch nicht festzustellen. Wenn +Cabanès+ (a. a. O. Seite 262) meint, dass die „Justine“ gemeint sei, so ist das eben mit dem bis heute vorliegenden litterarischen und archivalischen Material nicht zu beweisen. Indessen geht doch aus dem vorliegenden wichtigen Briefe mit aller Sicherheit hervor, dass +Sade+ frühzeitig, schon mit 23 Jahren, anfing, pornographische Schriften zu verfassen.
Vielleicht hat +Marciat+ Recht mit der Annahme, dass dieser an den Gouverneur des Gefängnisses gerichtete Brief von einer heuchlerischen Gesinnung eingegeben worden sei, vielleicht aber auch liegt hier eine der bei sexuell ausschweifenden Menschen so häufig vorkommenden religiösen Anwandlungen vor. Es hat sich noch ein kleines Billet an den Gefängnispriester +Griffet+ vom 4. November 1763 erhalten (veröffentlicht im „Amateur d’Autographes“ 1866 und bei +Cabanès+). Es heisst in demselben: „Wir haben einen neuen Gefangenen in Vincennes, welcher einen Beichtvater zu sprechen wünscht und sicherlich Ihre Dienste nöthig hat, obgleich er nicht krank ist. Es ist der Marquis +de Sade+, ein junger Mann von 22 Jahren. Ich bitte Sie, ihn sobald wie möglich zu besuchen, und wenn Sie mit ihm gesprochen haben, so werden Sie mir einen Gefallen thun, wenn Sie bei mir vorsprechen.“[502]
5. Das Gefängnisleben des Mannes.
Aehnlich einem neueren französischen Dichter, +Paul Verlaine+, hat der Marquis +de Sade+, nachdem er ins Mannesalter eingetreten war, einen grosses Teil seines Lebens in Gefängnissen zugebracht.[503] Wenn man den letzten Aufenthalt in Charenton hinzurechnet, hat er im ganzen 27 +Jahre+ in 11 Gefängnissen verbracht: von diesen 27 Jahren fallen 14 Jahre in sein Mannes-, 13 Jahre in sein Greisenalter. In der Einsamkeit des Kerkers verarbeitete er den Stoff zu seinen Werken, was bei deren späterer Beurteilung berücksichtigt werden muss. Das ganze Mannesalter des Marquis +de Sade+ können wir als ein Gefängnisleben mit Unterbrechungen bezeichnen, das reich ist an dramatischen Vorgängen, die seinen Namen schnell berühmt machten, wenn auch dieser Ruhm ein sehr trauriger war. Gleich die Veranlassung zu seiner zweiten Einkerkerung war ein von den Zeitgenossen vielfach besprochener Vorgang. Es war
1. Die Affäre Keller (3. April 1768).
Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die wichtigste ist die der Madame +du Deffand+ in einem nur +10 Tage+ nach dem Ereignis geschriebenen Briefe an +Horace Walpole+, den englischen Dichter und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben Sie eine tragische und sehr sonderbare Geschichte! -- Ein gewisser Comte de Sade, Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am Osterdienstag einer grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die ihn um ein Almosen bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel Interesse, schlug ihr vor, sie aus ihrem Elend zu befreien und zur Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in der Nähe von Paris zu machen. Die Frau nahm dies an, wurde auf den folgenden Tag hinbestellt. Als sie erschien, zeigte ihr der Marquis alle Zimmer und Winkel des Hauses und führte sie zuletzt in eine Dachkammer, wo er sich mit ihr einschloss und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden. Sie warf sich ihm zu Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine anständige Frau sei. Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche zog, und befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit Blut bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor, bestrich die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob er ihr zu trinken und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am folgenden Morgen wieder, untersuchte ihre Wunden und sah, dass die Salbe die erwartete Wirkung gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer und machte ihr am ganzen Körper Einschnitte damit, bestrich wiederum mit der Salbe die blutenden Stellen und ging fort. Es gelang der Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und sich durchs Fenster auf die Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich beim Hinunterspringen verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der Polizeileutnant wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn +de Sade+. Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man weiss nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den Leuten von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit der Salbe festzustellen. -- Das ist die Tragödie, die Sie etwas unterhalten mag.“ Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame +Du Deffand+: „Seit gestern kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des Herrn +de Sade+. Das Dorf, in dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet, ist Arcueil. Er peitschte und zerschnitt die Unglückliche am +selben+ Tage und goss ihr „Balsam“ auf die Wunden und Striemen. Dann band er ihr die Hände los, hüllte sie ein und legte sie in ein gutes Bett. Kaum war sie allein, so bediente sie sich ihrer Arme und ihrer Decken, um sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von Arcueil riet ihr, ihre Klagen beim Generalprokurator und dem Polizeilieutenant vorzubringen. Letzterer liess +Sade+ verhaften, der sich mit grosser Frechheit seines Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte, da er dem Publikum die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe, die auf der Stelle alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung des Attentäters Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer Geldsumme an sie. So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen Bericht müssen wir, weil er unmittelbar nach dem Ereignis niedergeschrieben wurde und die Marquise +Du Deffand+, wie der zweite Brief beweist, genau informiert war, als den +glaubwürdigsten+ bezeichnen. Die anderen Erzählungen dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr von einander ab, dass +Marciat+ mit Recht daraus schliesst, dass das eigentliche Attentat auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt wird. -- +Jules Janin+[505] erzählt, dass der Marquis +de Sade+ in Arcueil eine in einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée), so dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend, den 3. April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei gemeine Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich zu dem nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau, +Rosa Keller+, Witwe eines gewissen +Valentin+ begegnet, die wohl als Prostituierte ihr Brot suchte. +Sade+ redete sie an, versprach ihr ein Souper und ein Nachtlager, that sehr sanft und zärtlich, so dass sie mit ihm in einen Fiaker stieg und nach Arcueil fuhr. Der Marquis führte sie in den zweiten Stock seines abgelegenen, spärlich erleuchteten Hauses, wo die beiden mit Blumen bekränzten Dirnen halbtrunken an reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde sie geknebelt, vollständig entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut gepeitscht, bis die Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“, worauf die Orgie mit den beiden Freudenmädchen begann. -- Dann folgt die Schilderung der Flucht der +Keller+, des Auflaufs, der Verhaftung der Uebelthäter, welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“ auffand.
Diese Darstellung giebt auch +Eulenburg+[506] und findet darin jene „eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck ‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme grausamer Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich als präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu dienen bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem Anschein nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in „Stimmung“ zu bringen“.
+Lacroix+ berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern wagte, welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne zu erröten, zu der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“. Später, im Jahre 1845, fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem Messer Einschnitte in die Haut machte und die Hautlappen mit spanischem Wachs wieder zusammenklebte.[508]
+Rétif de la Bretonne+, der den Marquis +de Sade+ seit 1768 kannte, giebt in den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine ganz andere Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“ Nachdem der Marquis +de Sade+ die +Keller+ auf der Place des Victoires getroffen hatte, führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in einen „Anatomiesaal“ eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen versammelt war, um der Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will diese Unglückliche auf der Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll uns daher dazu dienen, in die Geheimnisse der menschlichen Structur einzudringen“. Man band sie auf dem Sectionstische fest; der Marquis als Prosector untersuchte alle Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter Stimme die Resultate vorher, welche die Section ergeben würde. Als die Frau laut schrie, zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der Section die Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein Gelassenen, sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu entfliehen. Draussen erzählte sie, dass in dem Saale drei Leichen gelegen hätten, eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in einem grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch.
Nach dieser Erzählung scheint +Rosa Keller+ das Opfer einer indecenten und abscheulichen Mystification geworden zu sein. +Cabanès+ hat von Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre die Dinge sich viel einfacher abgespielt hätten. +Rosa Keller+ sei, erschreckt durch den Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne weiteres in adamitischem Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf der Strasse von Polizisten zur nächsten Wache gebracht worden.[509]
Endlich existiert noch eine Erzählung von +Brierre de Boismont+[510], die +Marciat+ auf die Affäre +Keller+ bezieht, die wir aber für einen besonderen Fall halten. +Brierre de Boismont+ erfuhr den Inhalt dieser Geschichte von einem Freunde, +der den Marquis de Sade persönlich gekannt hatte+ und von diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über galante Abenteuer „seine Augen blutig unterliefen und einen finsteren und grausamen Ausdruck angenommen hätten“.
Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor der Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris aus dem Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen. Sie drangen durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer Kammer eine splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem Tische festgebunden. Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten an den Armen; die Brüste waren leicht aufgeschnitten und entleerten Flüssigkeit. Die Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen gemacht hatte, waren „in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche von der grossen Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch den berüchtigten Marquis +de Sade+ in dieses Haus gelockt worden sei. Nach beendigtem Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen, entkleiden und auf dem Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr die Adern mit einer Lancette und brachte ihr zahlreiche Incisionen am Körper bei. Darauf zogen sich alle Uebrigen zurück, und der Marquis befriedigte an ihr seine geschlechtliche Lust. Er wollte ihr, wie er sagte, nichts übles anthun; aber als sie unaufhörlich schrie, erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511] Nach +Brierre de Boismont+ wurde diese Affäre unterdrückt, nachdem die Betreffende eine Geldentschädigung bekommen hatte.
Auch die Affäre +Keller+ verlief für den Marquis +de Sade+ sehr glimpflich. Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in der Feste Pierre-Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen freigelassen, nachdem +Rosa Keller+ ein Schmerzensgeld von 100 Louisdors bekommen hatte.
Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten von allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen perversen Neigungen freien Lauf. Herr von +Montreuil+ erwirkte schliesslich eine polizeiliche Verbannung des Marquis +de Sade+ auf sein Schloss La Coste in der Provence, wo er an der Seite einer Schauspielerin (wahrscheinlich der +Beauvoisin+ vom Théâtre-Français) den dort ansässigen Adel mit seinen Lastern bekannt machte. Seine Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, auf das Schloss Saumane zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging die Unklugheit, ihm die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen Schwester anzukündigen. +Sade+, den die Begierde nach dem Besitze dieser Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und dass alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen seien. Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde, und erriet aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er Erhörung finden werde. So fasste er nach +Lacroix+ den Plan, eine besondere Missethat zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord vorzuspiegeln, und sie dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512] Die Ausführung dieses Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als
2. Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie).
+Bachaumont’s+ geheime Memoiren bringen unter dem 25. Juli 1772 den folgenden Bericht: „Man schreibt aus Marseille, dass der Graf +de Sade+, der im Jahre 1768 soviel Aufsehen durch seine Verbrechen an einer Dirne machte, an der er angeblich ein neues örtliches Heilmittel erproben wollte, soeben hier ein zuerst amüsantes, später aber durch seine Folgen schreckliches Schauspiel veranstaltet hat. Er gab einen Ball, zu dem er viele Leute eingeladen hatte, und beim Dessert verteilte er sehr schöne Chocoladepastillen, von denen viele Leute assen. Denselben waren gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man kennt die Wirkung dieses Mittels. Alle, die davon gegessen hatten, wurden von einer schamlosen Brunst ergriffen und begingen die tollsten Liebesexcesse. Das Fest artete zu einer wilden altrömischen Orgie aus. Die keuschesten Frauen konnten der Mutterwut nicht widerstehen, welche sie verzehrte. Der Marquis +de Sade+ missbrauchte seine Schwägerin, mit der er dann entfloh, um der ihm drohenden Todesstrafe zu entgehen. Mehrere Personen starben an den Folgen der Exzesse, andere sind noch sehr krank.“[513]
Diese Darstellung ist offenbar übertrieben. Nach +Lacroix+,[514] der die Mitteilung von einem glaubwürdigen Augenzeugen hat, begab sich der Marquis +de Sade+ mit seinem Diener nach Marseille. Er hatte sich mit Cantharidenbonbons versehen, die er in einem öffentlichen Hause verteilte. Eine Dirne sprang aus dem Fenster und verletzte sich tötlich. Die anderen gaben sich halbnackt den infamsten Ausschweifungen hin, selbst vor dem alsbald in Menge herbeieilenden Volke. Zwei Mädchen starben an den Folgen der Vergiftung und der im Tumult erlittenen Verletzungen. +Sade+ liess sich von einem Parlamentsrat einen Brief mit der Ankündigung des ihm bevorstehenden Urteils schicken, zeigte diesen Brief seiner Schwägerin, nannte sich ein Ungeheuer und drohte, sich zu töten. Fräulein von +Montreuil+ beschwor ihn, zu fliehen, und er bewog sie, ihn zu begleiten. So fuhren sie nach einer Stunde davon.
Nach der „Biographie universelle“ ist auch diese Erzählung unrichtig, da überhaupt Niemand gestorben sei, sondern einige Personen nur „leicht belästigt“ wurden.
+Rétif de la Bretonne+ verlegt den Ort der Handlung nach Paris in den Faubourg Saint-Honoré. Hier sind es Bauern und Bäuerinnen, welche die verhängnisvollen Bonbons essen. Wichtig ist, dass +Rétif+, der stets einen glühenden Hass gegen den Marquis +de Sade+ gehegt hat, +Niemanden an den Folgen dieser Orgie sterben lässt+.[515]
Danach ist mit Sicherheit anzunehmen, dass dieser Skandal nicht zu Todesfällen geführt hat. Marseille sah auch gewiss öfter derartige Scenen, da das extravagante Leben in dieser Stadt unter dem ancien régime öfter hervorgehoben wird.[516]
Vor einigen Monaten hat Dr. +Cabanès+ in seiner Studie über den Marquis +de Sade+ ein neues, hochwichtiges Dokument über die Marseiller Affäre ans Licht gezogen. Es ist ein in dem Archiv der Auswärtigen Angelegenheiten aufbewahrtes Mémoire, welches den Titel trägt: „+Darstellung der Thatsachen und kurzer Bericht über den Process, gegen welchen der Marquis de Sade und seine Familie Einspruch erheben.+“ Nach diesem Bericht weilte der Marquis +de Sade+ im Juni 1772 mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern auf seinem Gute in der Provence und unternahm Ende des Monats eine Reise nach Marseille, um dort von Paris angekommenes Gepäck in Empfang zu nehmen. Er besuchte während seines Aufenthaltes am 21. Juni 1772 mehrere öffentliche Mädchen und kehrte darauf in vollster Seelenruhe auf sein Gut zurück, ohne zu ahnen, dass man eine strafrechtliche Verfolgung gegen ihn einleitete. Drei Tage nach seiner Abreise wurde er vor dem Landgerichte in Marseille als des versuchten Giftmordes verdächtig angeklagt. Das Dienstmädchen einer Prostituierten, zugleich Teilnehmerin an deren Ausschweifungen, sagte aus, dass ihre Herrin seit einigen Tagen von heftigen inneren Schmerzen und Erbrechen heimgesucht würde, welcher Zustand nach dem Genuss einiger ihr von einem fremden Besucher angebotenen Pastillen eingetreten sei. Der Richter begab sich in die Wohnung der Dirne. Ein zweites Freudenmädchen berichtete, dass ein Mann, +von dem man ihr gesagt habe+, dass es der Marquis +de Sade+ sei, sie besucht habe und ihr gleich den übrigen im Zimmer versammelten Mädchen verzuckerten Anis angeboten habe. Eine von ihnen habe nicht davon gegessen. Die übrigen seien davon „belästigt“ worden. Man fand bei gerichtlicher Haussuchung in dem erwähnten Zimmer noch zwei solche Anis-Bonbons, deren chemische Untersuchung durch zwei Gerichtschemiker die +Abwesenheit+ jeder Art von Gift oder reizender Substanz ergab. Im Verlaufe der weiteren Untersuchung beschuldigte eine von den Prostituierten, welche alle in demselben Zimmer gewesen waren, den Marquis und seinen Bedienten eines widernatürlichen Verbrechens. Alle diese Zeugenaussagen wurden während der Abwesenheit des Angeklagten entgegengenommen. Die Familie desselben führt in dem Mémoire Klage darüber, dass in diesem Prozesse so viele offenbare Verletzungen des Rechts vorgekommen seien, weist auf das Gutachten der Chemiker hin, sowie auf die Unschuldserklärung, welche zwei der angeblich vergifteten Mädchen dem Marquis in einer Aussage vom 8. August 1772 hätten zu Teil werden lassen. Trotzdem habe sowohl der Gerichtshof in Marseille, wie derjenige in Aix in gesetzwidrig beschleunigtem Verfahren den Marquis zu einer so schweren und schimpflichen Strafe verurteilt, nur infolge der Aussage von Prostituierten, einer Menschenklasse, deren Lügenhaftigkeit so bekannt sei. Gegen diese Rechtsverletzung erhebe die Familie energischen Protest. (+Cabanès+ a. a. O. S. 266-272.) Jedenfalls besitzen wir in diesem wichtigen Dokumente die ersten authentischen Nachrichten über die geheimnisvolle Bonbons-Affäre, deren Harmlosigkeit dadurch wohl aufs evidenteste bewiesen wird. Auch die übrigen Aussagen der Prostituierten müssen mit der grössten Vorsicht aufgenommen werden. So bleibt das einzig wirklich Thatsächliche in der so berühmten Affäre +der Besuch eines oder mehrerer Marseiller Bordelle durch den Marquis de Sade und die Verteilung unschuldiger Bonbons an die Freudenmädchen+.
Der Marquis +de Sade+ wurde vom Parlament in Aix am 11. September 1772, ebenso wie sein Kammerdiener, wegen Sodomie und Vergiftung in contumaciam zum Tode verurteilt. Die Härte dieses Urteils wird auf den Kanzler +Maupeou+ zurückgeführt, der ein Exempel statuieren wollte.[517] Uebrigens wurde dasselbe nach sechs Jahren, am 30. Juni 1778, aufgehoben und der Marquis nur zu einer Geldstrafe von 50 Francs verurteilt, oder sogar nach der „Biographie des Contemporains“ zu einer Ermahnung durch den ersten Präsidenten des Gerichtshofes.
Er war inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien geflohen, wo er mit ihr ein stilles und züchtiges Leben führte, bis sie ihm nach kurzer, heftiger Krankheit durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde, und er nach dem Hinscheiden seines guten Engels wieder in die alten Ausschweifungen zurückfiel.[518] Er wurde dann in Piemont verhaftet und am 8. Dezember 1772 im Fort Miolans festgesetzt. Seine Familie wandte sich durch Vermittelung des Grafen +Marmora+, Gesandter des Königs von Sardinien in Paris, an den Grafen +de la Tour+, Generalkommandant von Savoyen, und liess ihn bitten, den Namen des Gefangenen geheim zu halten, ihn als Graf +de Mazan+ zu bezeichnen, ihm seine Effekten zu lassen, da ein so +lebhafter Geist+ nicht ohne Beschäftigung existieren könne. Nur seine Papiere, Manuscripte und Briefe möge man seiner Familie zustellen. Man entsprach diesen Wünschen. +de la Tour+ berichtet, dass +Sade+ zwei Zimmer bekam, welche von einem Tapezierer aus Chambéry vortrefflich möbliert worden waren. +de Sade+ hatte durch ein Schriftstück vom 9. Dezember 1772 versprochen, keinen Fluchtversuch zu machen. Am 8. Januar 1773 erkrankte er, man liess eines Arzt rufen, seine Gattin beschwor in zahlreichen Briefen den Festungskommandanten +de Launay+, ihrem Gatten doch alle mögliche Pflege angedeihen zu lassen, und bereitete damals schon die Flucht des Marquis vor, sodass +Marmora+ in einem Briefe vom 1. März 1773 +de la Tour+ bitten musste, für strengere Bewachung +de Sade’s+ Sorge zu tragen und seine Frau von ihm fernzuhalten. Trotzdem gelang es dem Marquis, die Wachsamkeit +de Launay’s+ einzuschläfern, der über die angebliche Reue und Harmlosigkeit desselben an +de la Tour+ in mehreren Briefen berichtet, und so wurde es der Marquise leicht, mit Hülfe von 15 entschlossenen Männern in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1773 die Flucht ihres Gatten zu bewerkstelligen. Der bekannte +de Sougy+ („Baron +de l’Allée+“) war sein Fluchtgenosse. Sie gingen nach Genf, von dort nach Italien.[519] +de Sade+ liess dem Gouverneur, Herrn +de Launay+, einen ironischen Brief zurück, traf in Italien seine Frau, deren Gesellschaft er indessen bald mit der einer Maitresse vertauschte. +Letztere+, nicht seine Schwägerin, wie +Eulenburg+ annimmt[520], ist das Vorbild der Juliette. Im Jahre 1777 kehrte er nach Frankreich zurück[521], wo seine Frau und Schwiegermutter sich bemühten, seine Rehabilitation durchzusetzen, wie aus den unter No. 1741 und 1472 im auswärtigen Archiv aufbewahrten und von +Cabanès+ veröffentlichten Gesuchen hervorgeht (+Cabanès+ a. a. O. S. 282 bis 284). Doch war dies vergeblich.
3. Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille.
Nach kurzem Aufenthalt in der Provence, wo er wieder ein wüstes Leben führte, wurde +Sade+ verhaftet, nach Paris geführt und im Hauptturm der Festung Vincennes eingekerkert. In einem Briefe an den Gouverneur von Vincennes fleht er diesen an, ihm das Wiedersehen mit seiner Frau zu gestatten.[522] Jedenfalls setzte er sich wieder mit ihr in Verbindung, wie aus der von +Ginisty+ mitgeteilten Korrespondenz hervorgeht[523], und es gelang ihren Bemühungen, eine Revision des Urteils durchzusetzen. +Sade+ wurde nach Aix gebracht, wo ihn der Advokat +Siméon+ glänzend verteidigte und unter dem 30. Juni 1778 die Annullirung des Urteils erwirkte. Aber durch den Einfluss der Präsidentin +Montreuil+, die mit Recht +Sade’s+ Freiheit mehr fürchtete als seine Gefangenschaft, wurde der Beschluss rückgängig gemacht und er nach Vincennes überführt. Den Transport leitete der uns wohl bekannte Polizeiinspektor +Marais+. Es gelang dem Marquis, bei einem Aufenthalt in Lambesc, am 5. Juli 1778, wieder mit Hülfe seiner Frau zu entfliehen. +Ginisty+ teilt den interessanten Polizeibericht über diese sehr romantische Flucht ausführlich mit.[524] Er wurde aber bald darauf (7. September) von +Marais+ auf seinem Schlosse Lacoste entdeckt und diesmal ohne Zwischenfall nach Vincennes zurückgebracht, von wo er im Jahre 1784 in die Bastille überführt wurde. Am Vorabend des 14. Juli 1789 nach Charenton gebracht, soll er nach +Lacroix+ am Tage der Erstürmung der Bastille, und der wohl richtigeren Angabe der „Biographie universelle“ aber erst am 29. März 1790 durch Dekret der constituierenden Versammlung befreit worden sein.
Von 1777 bis 1790, in der Blüte des Mannesalters, sass also der Marquis +de Sade+ im Gefängnis. Es ist kein Zweifel, dass hier die ersten Entwürfe zu seinen berüchtigten Werken entstanden, und es dürfte daher eine etwas eingehendere Schilderung jener Zeit von Nutzen sein.
In Vincennes wurde er während der ersten Jahre in eine feuchte, kalte Kammer eingesperrt, die keinerlei Möbel enthielt ausser einem Bette, das er selbst in Ordnung zu bringen hatte. Sein Essen bekam er durch ein Guckloch. Schreibzeug und Bücher wurden ihm vorenthalten. Dies empfand er besonders schmerzlich, wie drei kleine auf der Auktion +Fossé d’Arcosse+ im Jahre 1861 unter No. 1003 verkaufte Autographen beweisen, wo er einmal sagt: „sans air, ni lettre, ni encre, ni quoi que ce soit au monde“, ein anderes Mal: „une heure de promenade et permission d’écrire, une seule fois par semaine.“[525]
Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte ihm Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge, sogar Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis, ihn zu besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale. Man musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres Gatten schützen. Am 25. September 1782 untersagte infolgedessen der Polizeileutnant +Le Noir+ diese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte sie den persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen waren stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527] +Sade+ heuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin wieder mit ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen zu überschütten.
+Marciat+ findet in dem Leben des Marquis +de Sade+ vor seiner Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau, eine unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf einen solchen Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an Intelligenz überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38. bis zum 51. Lebensjahre, +die ihm jede Befriedigung seines heftigen Geschlechtstriebes unmöglich machte+, eine schwere psychische Schädigung ausüben müsse. Dafür spricht auch die +krankhaft gesteigerte Reizbarkeit+, das unendliche Misstrauen, welches sich in den von +Ginisty+ veröffentlichten Briefen an seine Gattin ausspricht. Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau die unflätigsten Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen der Gattin sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche bei Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss der +Gefangenschaft+ als eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“ schildert +Schüle+ in ausgezeichneter Weise.[528] „Ungleich rascher, als unter den Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch die Schändlichkeiten der Einzelhaft der Uebergang in geistige Schwäche.“ In der Einsamkeit der Zelle konnte die Phantasie +Sade’s+ sich ungezügelt in Bildern der Wollust und Grausamkeit ergehen. Ersatz für die ihm mit einem Male für lange Jahre abgeschnittene reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes konnte er nur in ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden Phantasien finden. Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern bekam, suchte er nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie universelle“ in der Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und Vorbilder für seine lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von zahllosen Manuscripten niederlegte. Auch diese +Graphomanie+ scheint uns das Bild einer gewissen +geistigen Schwäche+, die in dieser Zeit sich bei +Sade+ ausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der sehr fruchtbare Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen lernen werden. Er las unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt gehörig zu verdauen; er lernte aus ihnen nur ein oberflächliches Raisonnement, während zahlreiche einzelne Beobachtungen einen mehr als gewöhnlichen Scharfblick erkennen lassen. Er war wie so viele sexuell sehr veranlagte Naturen gross in der +Analyse+ aller Dinge, die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber klein in der allgemeinen +Synthese+, dem wahrhaft philosophischen Denken. Leider sind die während der Gefangenschaft verfassten +Tagebücher Sade’s+ von 1777 bis 1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden, verbrannt worden, so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur Erkenntnis seines geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den Tagebüchern alles vermerkt, was er während dieser 13 Jahre „gesagt, gethan, gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“ (Biographie universelle.)[529] So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung seiner psychischen Persönlichkeit übrig geblieben.
Von Interesse ist, dass der Marquis +de Sade+, wie es scheint, im Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt. Im April 1864 wurde bei der von +Charavay+ veranstalteten Auktion der litterarischen Schätze des Grafen +H. de M.+ ein Brief von 2 Seiten gezeigt, den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquis +de Sade+ geschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen versehen war.[530]
Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossen +Mirabeau+, der zu gleicher Zeit wie +Sade+ in Vincennes interniert war und hier seine obscönen Bücher schrieb.
Ein merkwürdiger Brief +Mirabeau’s+ über dieses Zusammensein mit dem Marquis +de Sade+ hat sich erhalten, der gerade nicht für freundschaftliche Beziehungen der Beiden spricht.[531] „Herr +de Sade+“, so heisst es in diesem Briefe, „hat gestern die Festung in Aufruhr versetzt und mir ohne die geringste Provokation meinerseits die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich würde von Herrn +de Rougemont+ (dem Gouverneur) begünstigt, und damit ich spazieren gehen könne, verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat mich um Angabe meines Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die Ohren abschneiden könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein Name ist der eines Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und eingesperrt hat, der Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken schreiben wird. -- Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu öffnen. Es ist schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu wohnen“.
6. Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit.
Die ersten Szenen der Revolution spielten sich vor dem Gefängnis des Marquis +de Sade+ ab, der ihr von vornherein viele Sympathien entgegenbrachte. Im Juni 1789 verzeichnet das Register der Bastille, dass er „die Wachen vor seiner Thür und am Fuss des Thurmes überwältigen wollte“, dass man ihn aber in sein Zimmer zurücktrieb, „indem man ihm einen Flintenlauf ein wenig nahe zeigte.“ Er setzte sich am 2. Juli 1789 vor der Erstürmung der Bastille mit Hilfe eines Sprachrohres mit den Passanten der rue Saint-Antoine in Verbindung und lockte durch sein fürchterliches Schimpfen auf den Gouverneur der Bastille, +de Launay+, eine grosse Menschenmenge an, die mit ihren Beifallsäusserungen nicht zurückhielt. Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass der Marquis +de Sade+ am 4. Juli nach Charenton gebracht wurde und also den am 14. Juli 1789 unternommenen Sturm auf die Bastille nicht mit erlebte.[532] Aus Charenton wurde er am 29. März 1790 durch den Beschluss der constituierenden Versammlung entlassen.[533] Seine erste Handlung war das Betreiben der Scheidung von seiner Frau.[534] Auch sonst wurde er seiner Familie entfremdet, da seine Söhne beim Beginne der Revolution auswanderten. Nach +Lacroix+ nahm er sich eine Maitresse, die in seinem Hause die Honneurs machte. Er wohnte zuerst in der Rue Pot-de-Fer, nahe bei Saint-Sulpice, später in der Rue Neuve-des-Mathurins, Chaussée d’Antin No. 20.[535] Er soll dort den Politikern ausgezeichnete Diners und Soupers gegeben und besonders den Grafen +Clermont-Tonnerre+ als gleichgesinnten Lebemann ins Herz geschlossen haben. Dies ist insofern wenig wahrscheinlich, als der Marquis +de Sade+ durch die Revolution alle seine Güter verlor und in eine traurige materielle Lage geriet. +Cabanès+ bemerkt noch nach einer Notiz im „Amateur d’Autographes“ (1864 S. 105 bis 106): „Il avait pris, pour sa maison, une jeune femme, plus gracieuse que belle qu’il nommait sa +Justine+ tout bas et son amie tout haut. Cette femme se distinguait par la décence de sa tenue et l’élégance de ses manières aristocratiques. On disait en effet, que c’était la fille d’un noble exilé; mais une tristesse indélébile se peignait sur son visage pâle, lorsqu’elle faisait les honneurs de ces réunions, ou l’on parlait de tout, excepté de politique, et toujours avec convenance et réserve. On jouait quelquefois la comédie, et le marquis excellait dans les rôles d’amoureux, qu’il choisissait d’habitude; il était plein de noblesse dans son maintien et de sensibilité dans son jeu; +Molé+ avait été son maître.“ Auf der oben erwähnten, durch +Charavay+ veranstalteten Auction im Jahre 1864 figurierte ein an den Repräsentanten +Rabaut Saint-Etienne+ gerichteter, mit einer Empfehlung von +Ant. de Bernard-Saint-Afriques+ versehener Brief vom 8. Ventôse des Jahres III, in welchem der Marquis +de Sade+ um eine Stelle als Bibliothekar oder als Museumsconservator bittet, da er vollständig mittellos geworden sei, nachdem sein litterarischer Besitz bei dem Sturm auf die Bastille verloren gegangen, und seine Güter durch die Briganten von Marseille konfisziert worden seien.[536] Die „Isographie des hommes célèbres ou Collection de fac-simile“ (1823-1824, 4 Bde.) enthält einen Brief +Sade’s+ vom 10. Pluviôse des Jahres VI, der sich im Besitz des Herrn +de la Porte+ befindet, und in dem er um baldmöglichste Einsendung des Honorars für ein Gedicht bittet und die Uebersendung einer von ihm verfassten Komödie ankündigt, in der er selbst die Rolle des Fabricius gespielt habe und wieder spielen wolle.[537] Bald nach seiner Entlassung aus Charenton fing er an, zahlreiche Komödien zu schreiben, diese an die verschiedenen, damals zahlreich wie Pilze hervorschiessenden Theater zu verkaufen und selbst für einige Louisdors eine Rolle darin zu spielen.[538] In den Archiven des Théâtre-Français befinden sich mehrere Briefe des Marquis +de Sade+ an die Direktion der Comédie Française aus den Jahren 1790 bis 1793, auf die +O. Uzanne+ durch +François Coppée+ und +Georges Monval+ aufmerksam gemacht wurde, und die er in seiner Schrift über +Sade+ veröffentlicht hat.[539] Der Marquis bittet darin um die Annahme verschiedener von ihm verfasster Theaterstücke zur Aufführung. Nur ein einziges von +Sade’s+ zahlreichen dramatischen Produkten fand Beifall. Es war dies „Oxtiern ou les Malheurs du libertinage“, das in den ersten Tagen des November 1791 mit Erfolg im Molière-Theater gespielt wurde.[540] Jedenfalls gehörte auch +Sade+ nach +Uzanne+ zu den zahlreichen „auteurs dramatiques monomanes“ der Revolutionszeit.
Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die berüchtigten Hauptwerke des Marquis +de Sade+, seine obscönen Romane, die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr nach seiner Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die offenbar zum grössten Teile noch im Gefängnis abgefasst worden ist und in dieser ersten Auflage +nur obscön+ ist, ohne die blutigen Details der späteren, und besonders der letzten Auflage des Jahres 1797. Mit Recht vermutet +Marciat+, dass der Einfluss des Milieu, der gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit, diese späteren Veränderungen hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch in der Bastille entworfener Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst: écrit à la Bastille un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im Jahre 1793 erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“ und 1797 als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der „Justine“ und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen Verhaftung dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis +de Sade+, die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im Gefängnis +concipiert+, in der Revolution +ausgeführt+ und nach den äusseren Eindrücken derselben +verändert+ wurden.
Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis +de Sade+ zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt er in einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es wird in Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen Roman ‚Aline et Valcour ou le Roman philosoph